INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
19.04.2021

Die acht Befunde

Ein Kooperationsprojekt von ACADEMIA SUPERIOR, Vinzenz Gruppe und elisabethinen linz-wien.

Die Covid-19 Pandemie lässt keinen Stein auf dem anderen und fordert die Gesellschaft in allen Bereichen. Im Zentrum der Bekämpfung des Virus befinden sich die Organisationen und Institutionen unseres Gesundheits- und Sozialwesens. In einem tiefgründigen Arbeitsprozess haben ACADEMIA SUPERIOR, die Vinzenz Gruppe und die elisabethinen linz-wien dem nachgespürt, was wir aus den bisherigen Erfahrungen aus der Pandemie für die Zukunft lernen können.

Acht Thesen sind das Resultat der Arbeit, die sich mit der strukturellen Sicht des Gesundheits- und Sozialwesens befasst und aufzeigt, welche Beiträge jede und jeder Einzelne dazu leisten kann.

Befund 1: Kooperation braucht einen Rahmen und gegenseitiges Vertrauen.

Damit Organisationen aus unterschiedlichen Sektoren effizient und effektiv kooperieren, braucht es einen vertrauensvollen Rahmen, der

1. im Zuge der Krise von dritter Stelle eingerichtet wird (z.B. Krisenstäbe),

2. bereits etablierte formelle Strukturen der Zusammenarbeit sowie ausreichend Erfahrungen und wechselseitiges Vertrauen vereint und

3. bestehende informelle Strukturen stärkt, die in der Krise formalisiert werden können.

Empfehlungen: 

Der regelmäßige Austausch und die Vernetzung zwischen unterschiedlichen (Träger-) Organisationen sollte in „normalen“ Zeiten gefördert werden, um Netzwerke und Vertrauensaufbau zu unterstützen. Beispiele: Aufbau und Erhalt von Sozialkapital durch Konferenzen, Tagungen, Netzwerktreffen, Austauschprogramme etc.

Zusätzlich zu bereits existierenden Kooperationen könnten regelmäßige Krisenübungen mit allen geforderten Einrichtungen (Blaulichtorganisationen, Verwaltung, Krankenhäuser, etc.) geplant werden. Weiters sollte die (Wieder-)Einführung eines zentralen ExpertInnen-Gremiums erwogen werden.

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Befund 2: Digitalisierung begünstigt die Kommunikation.

Digitalisierung erweist sich als wichtiger „enabling factor“ für kurze und klare Informations-, Kommunikations- und Entscheidungswege in der Kooperation der Organisationen und Institutionen. Auch in der Behandlung von Patient*innen haben sich während der Pandemie die Vorteile der Digitalisierung gezeigt.

Empfehlungen:

Dort, wo Digitalisierung massive Effektivitäts- und Effizienzsteigerung mit sich bringt, sollte sie umgesetzt werden („quick wins“). Die kriseninduzierten Fortschritte in der Telemedizin z.B. im Pflegebereich und bei Verschreibungen sollten gesichert und ausgebaut werden.

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Befund 3: Digitalisierung und telemedizinische Gesundheitsdienstleistung schaffen Flexibilität.

Die digitale und telemedizinische Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Gesundheitseinrichtungen (insb. Kooperation von stationärer Pflege, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten und Spitälern) schafft im Krisenfall Flexibilität und entlastet das System.

Empfehlungen:

Dort, wo evidenzbasiert die Vorteile überwiegen, sollte die Digitalisierung in der Arzt-Patient*innen-Beziehung auch gegen Widerstände umgesetzt und Kritiker*innen durch positive Praxis überzeugt werden. Daneben müssen nicht-digitale Angebote für Diagnose und Therapie unbedingt aufrechterhalten werden.

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Befund 4: Einheitliche Spielregeln, Richtlinien und Standards verhindern Konflikte.

Fehlende Standards und unklare Spielregeln bzw. Richtlinien fördern Konflikte und Konkurrenz zwischen den Organisationen unterschiedlicher Träger und Sektoren.

Empfehlungen:

Wo immer möglich, sollten Regeln und Standards harmonisiert werden. Die Grenzen der Harmonisierung aufgrund von Praktikabilitätserwägungen oder dem Subsidiaritätsprinzip müssen klar markiert und kommuniziert werden.

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Befund 5: Gemeinwohlorientierung ist das Fundament für Vertrauen und Kooperation.

Eine gemeinsame Mission und die Gemeinwohlorientierung bilden das Fundament für Vertrauen und Kooperation im Krisenfall. Trägervielfalt ist ein Vorteil, wenn nicht der Gewinn, sondern das Gemeinwohl im Vordergrund stehen. 

Empfehlungen:

Die Bedeutung der Trägervielfalt gerade in Krisenzeiten in Verbindung mit der Gemeinwohlorientierung im Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Daseinsvorsorge soll sichtbar gemacht und verstärkt gefördert werden.

Befund 6: Das österreichische Gesundheitssystem genießt hohes Vertrauen, Transparenz erhält es auch im Krisenmodus.

Das österreichische Gesundheitssystem genießt in all seinen Aspekten hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Um dieses Vertrauen auch bei reduzierten Gesundheitsleistungen im Krisenfall zu erhalten, braucht es klare Kommunikation und widerspruchsfreie Regeln.

Empfehlungen:

Unsichere Datenlagen und Wissenslücken sollten dargelegt und offen kommuniziert werden. Maßnahmen können sich verändern, wenn sich der Wissensstand verändert. Die Grundlagen für Entscheidungsfindungen sollten transparent dargestellt werden. Unterschiedliche Bildungsniveaus und Sprachkenntnisse in der Bevölkerung sind dabei zu berücksichtigen.

Entscheidend für den Erfolg professioneller Kommunikation ist eine präzise Abstimmung, wer wann wie informiert wird. Institutionen, die Anordnungen umsetzen müssen, sollten möglichst vor der breiten Öffentlichkeit über neue Maßnahmen informiert werden. Zwischen den Instanzen, die Anordnungen erlassen und jenen, die sie umsetzen müssen, sollte intensive Rücksprache gehalten werden.

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Befund 7: Zur Stärkung der Gesundheitskompetenz sind Bildungssystem und Medienöffentlichkeit gefordert.

Um eigenverantwortlich im Sinne der eigenen Gesundheit handeln zu können, braucht es Wissen, klare Information und Können, d.h. „Gesundheitskompetenz“. Hier sind das Bildungssystem und die Medienöffentlichkeit gefordert.

Empfehlungen:

Menschen wollen eigenverantwortlich handeln. Dafür brauchen sie aber auch das nötige Wissen. Laut OECD-Analysen hat Österreich bei Fragen der Gesundheitskompetenz (Health Literacy) großen Aufholbedarf. Gesunde Ernährung, körperliche Bewegung und gesunder Lebensstil sollten in allen Bereichen unserer Gesellschaft gezielt attraktiver gemacht und gefördert werden. Eine wesentlich höhere Gesundheitskompetenz ermächtigt Patienten dazu, selbst aktiv einen eigenen Beitrag zur eigenen Gesundheit beizutragen (bspw. Thema Impfungen).

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Befund 8: Ein unsicherer „Krisen-Alltag“ braucht Standard Operational Procedures (SOPs)

Die situativen „Anforderungen der Umgebung“ sind gerade in der Covid-19 Krise enorm hoch, weil sie komplex und dynamisch und voller Widersprüche sind. Eigenverantwortliches Handeln ist in der Covid-19 Krise oft in einem unauflösbaren Dilemma. Generell braucht es neben Eigenverantwortung vor allem Verantwortung für andere und das Gemeinwohl, um gesundheits- und soziale Krisen erfolgreich bewältigen zu können.

Empfehlungen:

Hochkomplexe Situationen brauchen für eigenverantwortliches Handeln ausreichend Information und Wissen. Ist dieses nicht verfügbar, bedarf es für eigenverantwortliches Handeln klare und eindeutige Standardmaßnahmen (SOPs – Standard Operation Procedures) wie sie z.B. in risiko- bzw. unsicherheitsbehafteten Bereichen (Aviation, Medizin, Bergsport, etc.) seit langem üblich sind. Das sind klare Vorgaben (z.B. in Bezug auf Schutzausrüstung und Verhaltensweisen) in Abhängigkeit von Warnstufen, die nicht hinterfragt werden und einheitlich gelten. D.h. Standardmaßnahmen wie Maskentragen, einen Meter Abstand halten, Handhygiene, etc., die möglichst evidenzbasiert hergeleitet und begründet werden müssen.