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Gesundheit
Oberösterreich
20.10.2021

"Jeder zugelassene Impfstoff ist besser als keiner"

Die rasante Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen sei eine Meisterleistung der Wissenschaft und Industrie. Deren Kosten wären gemessen am wirtschaftlichen Schaden, den die Lockdowns verursachen, marginal. Das sagt Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig, im Interview mit der Online-Plattform INGO.

Lieferengpässe bei Medikamenten gab es bereits in der Vergangenheit immer wieder. Doch beim Fall AstraZeneca schlagen aufgrund der aktuellen Situation die Wogen hoch. Waren nach Ihrer Einschätzung die Lieferengpässe absehbar?

Alexander Herzog: Die Impfstoffproduktion gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Arzneimittel-Produktion überhaupt. Sie ist hochkomplex und hat einen intensiven technischen Vorlauf. Der Vektorimpfstoff der Firma AstraZeneca besteht aus 400 Einzelbestandteilen, die erst einmal zugeliefert werden müssen. Aufgrund dieses aufwändigen Prozesses ist das ganze Prozedere daher auch anfällig für Schwankungen. Das ist für einen Branchenkenner nun nichts Verwunderliches. Maßgeblich ist in solch einer Situation die Art der Kommunikation bis hin zu Lösungsfindung. Deswegen ist es auch wichtig, dass man möglichst schnell möglichst viele zugelassene Impfstoffe hat, um eine solche Angelegenheit auszubalancieren zu können.

War im Fall AstraZeneca die EU mit der Zulassung des Impfstoffs wirklich zu spät dran, wie Ursula von der Leyen sagte?

Sehen Sie, jedes Land hat seine eigene Behörde, die über die Zulassungen waltet und dafür auch verantwortlich ist. Die europäische Zulassungsbehörde EMA macht dies für die gesamte EU. Bei 27 Mitgliedstaaten ist das keine so leichte Angelegenheit und womöglich hat die EMA etwas mehr Zeit für die Abstimmung bei der Zulassung von AstraZeneca gebraucht. Ich möchte hier aber auch betonen, dass die EMA neben der amerikanischen FDA die einzige Behörde auf diesem Globus ist, die beispielsweise den Impfstoff von Biontech/Pfizer komplett und ohne Einschränkungen per Notzulassung freigegeben hat. Insofern ist dieser Vorwurf richtig und auch wieder nicht.

"Man hätte wesentlich mehr Energie darauf verwenden müssen, die Liefermengen nachhaltig zu sichern, anstatt den einen oder anderen Eurocent herunter zu verhandeln."

Sollen die einzelnen Gesundheitsministerien zukünftig deutlicher in die Pflicht genommen werden, auch mehr Transparenz hinsichtlich der Lieferverträge zu schaffen?

Die Lehre, die wir aus diesem Fall alle gezogen haben, ist, dass hier noch aus einem Denken der Nullerjahre heraus falsch verhandelt wurde. Ich glaube, man hat bislang dieses alte Bild gehabt, dass ganz gleich, was die pharmazeutische Industrie auf den Markt bringt, es immer zu teuer ist. Man hätte hier wesentlich mehr Energie darauf verwenden müssen, die Liefermengen nachhaltig zu sichern - und zwar so schnell wie möglich – anstatt den einen oder anderen Eurocent herunter zu verhandeln. 

Die EU hat nun eine Taskforce aufgestellt, die Produktionsprobleme etwa durch Engpässe bei der Versorgung verhindern soll. Welche Aspekte sollten hier besonders beachtet werden?

Ein wichtiger Aspekt ist, die Produktion verstärkt in die Europäische Union zu holen. Das ist eine Überlegung, die nicht nur Impfstoffe betrifft. Wir haben das Problem der Lieferschwierigkeiten - wie Sie schon anfangs erwähnten - auch immer wieder bei Medikamenten. Wir haben stets zugesehen, wie die Produktion vieler Arzneimittel nach Ostasien ausgelagert wurde. Ich denke, hier sollte generell ein Umdenken stattfinden. Das betrifft nicht nur die verstärkte Finanzierung der europäischen Produktionsstätten. Es geht obendrein darum, die Vorproduktionsstoffe in Europa herzustellen, um letztlich auch die Lieferketten nachhaltig zu sichern. Dieses Thema hat Ursula von der Leyen bereits aufgegriffen. Auch wir sind hier ganz stark dabei, uns mit unseren Ideen und Vorschlägen diesbezüglich einzubringen. 

Laut EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides werden künftig alle Hersteller in einem Transparenzregister erfasst. Für dieses müssten sie angeben, wann sie wie viel Impfstoff produziert und wohin sie diesen geliefert hätten oder zu liefern beabsichtigten. Was halten Sie davon?

Für mich stellt sich hier die Frage, was erzielt man damit. Ich glaube, im Moment müssen alle unsere Bemühungen darauf ausgerichtet sein, wie wir die Versorgung der EU-Bürger mit Covid-19-Impfstoff sichern. Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei. Das Virus mutiert. Es wird daher Auffrischungen geben und diese müssen wie beim Grippevirus auch ständig angepasst werden. Nachdem nun aber die ganze Welt mehr oder weniger mit der Lupe auf den Prozess des Impfstoffes blickt, müssen wir den Fokus eher auf die Versorgung legen. Alles andere sind Nebenbaustellen, die das Problem der Pandemie nicht beenden. 

Wie ließe sich der Konflikt mit AstraZeneca lösen?

Es geht immer darum, dass sich alle Beteiligten eines Konflikts an einen Tisch setzen und gemeinsam eine Lösung finden. Ich denke jedoch, das Ganze sollte in einer vertrauensvollen Atmosphäre ablaufen und nicht auf offener Bühne passieren. Man hat gesehen, dass dies zu Unmengen an medialen Diskussionen geführt hat. Das bringt uns nicht weiter.

"Wäre der AstraZeneca-Impfstoff nicht wirksam, wäre er nicht zugelassen worden. Und jeder zugelassene Impfstoff ist besser als keiner."

Die Diskussionen über die Lieferengpässe sind aber nicht der einzige Grund, warum AstraZeneca einen erheblichen Imageschaden erlitten hat. Mittlerweile sind die Menschen, was den Impfstoff betrifft, sehr verunsichert und wollen sich damit nicht impfen lassen. 

Das ist sehr schade, denn wäre er nicht wirksam, wäre er nicht zugelassen worden. Und jeder zugelassene Impfstoff ist besser als keiner. Wir sehen ja ganz allgemein in dieser Phase sehr viel Verunsicherung, es kursieren die wildesten Verschwörungstheorien. Die machen leider auch vor den Impfungen nicht halt, die aber der Schlüssel sind, um aus den ständigen Lockdowns, in denen wir uns seit einem Jahr mal mehr, mal weniger befinden, rauszukommen.

Welche Konsequenzen muss man aus dem Fall AstraZeneca ziehen, um diesbezüglich auf zukünftige Herausforderungen noch besser vorbereitet zu sein?

Ich kann dies nur aus Sicht der pharmazeutischen Industrie beantworten. Hier müssen wir auf europäischer Ebene verstärkt auf die Pandemie- und Impfstoffforschung setzen. Die klinische Forschung, eine Kernkompetenz der EU, ist ins Hintertreffen geraten, da sie viel Geld kostet. Wir haben jedoch gesehen, dass dies Marginalitäten sind im Vergleich zu den Kosten einer Pandemie. Wir sollten daher verstärkt auf autonome Forschung, Entwicklung und Produktion setzen und autarker werden. Dazu gehören auch die Supplychaines der Vorwirkungsstoffe. Das alles soll sich laut von der Leyen ändern. Da kann man nur hoffen, dass dies tatsächlich passieren wird, auch wenn die Pandemie irgendwann überstanden ist. 

Wie geht es mit den Impfstofflieferungen weiter?

Alle arbeiten permanent daran, die Situation zu verbessern. Wir lernen alle dazu in dieser Zeit der globalen Krise und ich bin zuversichtlich beziehungsweise überzeugt, dass wir schon bald mehr Impfstoffe zur Verfügung haben werden als Impfwillige – was nicht unbedingt erfreulich ist im Hinblick auf die Bekämpfung des Corona-Virus.

Interview: Rosi Dorudi; Fotos: depositphotos.com; Pharmig/Fotos Simonis

Alexander Herzog, Mag.

Generalsekretär der Pharmig

Alexander Herzog ist seit Juli 2018 Generalsekretär der Pharmig, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Nach Abschluss seines BWL-Studiums an der Karl- Franzens-Universität Graz arbeitete Herzog in verschiedenen Positionen im wirtschaftlichen Bereich (unter anderem IBM Eastern Europe, Austrian Research Centers). 2003 wechselte er zur Wiener Wirtschaftsagentur (früher: Wiener Wirtschaftsförderungsfonds), wo er in unterschiedlichen Leitungsfunktionen tätig war. 2006 machte sich Herzog als Unternehmensberater mit den Spezialgebieten Private Equity und Sanierungs- und Restrukturierungsmanagement selbstständig. Von 2007 bis 2014 war er bei der Wiener Gebietskrankenkasse als Stellvertreter der Obfrau, Mitglied des Vorstandes und der Kontrollversammlung tätig. 2014 wurde er geschäftsführender Obmann der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. Parallel dazu hatte er die Position als stellvertretender Vorsitzender der Trägerkonferenz des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger inne.