INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
14.10.2020

Raus aus der Abhängigkeit

Nicht erst seit der Corona-Krise wird die Abhängigkeit der Pharmaindustrie von Produktionsstätten in China und Indien deutlich. Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog über die aktuelle Situation, den Forschungsstandort Österreich sowie „faire“ Medikamentenpreise.

Medikamenten-Engpässe gab es bereits vor der Corona-Krise. Nun hat die aktuelle Situation die Abhängigkeit Europas von China und Indien aber drastisch zu Tage treten lassen. Hat die pharmazeutische Industrie versagt?

Alexander Herzog: Das viel diskutierte Thema um die pharmazeutische Industrie, die aufgrund der zunehmenden Globalisierung und des enormen Preisdrucks seitens der Gesundheitssysteme ihre Produktionsstätten in die Niedriglohnländer verlagert haben, ist ein globales Phänomen. China ist mittlerweile die globale Werkstatt für viele Industriezweige und nicht nur das Warenhaus der Welt geworden, sondern auch die Apotheke der Welt. Diese Abhängigkeit ist zweifelsohne da. Im Moment besteht aber hinsichtlich der Corona-Pandemie in Österreich kein zusätzlicher Engpass bei Arzneimitteln. Die Medikamentenhersteller haben aufgrund der Brexit-Unsicherheiten ihre Lager in Europa rechtzeitig aufgestockt. Positiv wirkt sich zudem auch aus, dass viele Produkte aufgrund des Neujahrsfestes in China bereits Anfang des Jahres vorproduziert wurden. Diese beiden Ereignisse kommen uns aktuell zugute - die Versorgung ist somit vorerst sichergestellt.

Nun hat Ministerin Margarete Schramböck verkündet, den heimischen Forschungsstandort zu stärken, um dem Problem der Abhängigkeit von China und Indien entgegenzuwirken. Ist Österreich als Forschungsstandort attraktiv genug oder sehen Sie in manchen Bereichen Nachholbedarf?

Nachholbedarf sehe ich vor allem in der klinischen Forschung. Die pharmazeutische Industrie predigt dies seit Jahren und wir sind sehr erfreut darüber, dass wir jetzt auch gehört werden. Abseits ihrer fundamentalen Bedeutung für das Gesundheitswesen wird mit der klinischen Forschung nicht nur die medizinische Behandlung zukünftiger Patienten verbessert, sie generiert auch einen wichtigen volkswirtschaftlichen Mehrwert. Darüber haben wir erst kürzlich eine Studie veröffentlicht. Ziel ist es nun, das Know-how verstärkt in Österreich zu halten, die Produktion zu fördern und ein Marktumfeld zu schaffen, das der Industrie ermöglicht, ihre innovativen Produkte nach der Zulassung durch die EMA frühzeitig am österreichischen Markt zu platzieren. Ich begrüße es sehr, dass Ministerin Schramböck nun die Maßnahmen zur Stärkung des heimischen Forschungsstandorts initiiert hat.

Welche Rahmenbedingungen seitens der Bundesregierung sind nötig, um den Ausbau, aber auch die Absicherung für die Pharmaindustrie in Österreich sicherstellen?

Wir brauchen den Ausbau der staatlichen Forschungsprämie als attraktiven Anreiz für alle forschungsintensiven Unternehmen. Wir brauchen die Förderung von wissenschaftlichen Kooperationen zwischen universitären und nichtuniversitären Forschungseinrichtungen und wir benötigen vor allem die Aufrechterhaltung des ausgewogenen Patentschutzes für innovative Arzneimittel in Europa. Das ist ein enorm wichtiger Punkt: Derzeit steht die Aufweichung des geltenden Patentschutzes zur Diskussion. Ein Eingriff in diesem Bereich würde die Rolle Europas bezüglich der Forschung & Entwicklung von Arzneimitteln stark gefährden. Wir setzen uns daher sehr stark für den Patentschutz ein. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind auch faire Preise für Arzneimittel. Momentan dürfen Medikamente, die von den österreichischen Krankenkassen erstattet werden, maximal den EU-weiten Durchschnittspreis haben. Oftmals wird nicht einmal der bezahlt. Uns ist wichtig, dass der tatsächliche Investitions- und Produktionsaufwand sowie die umfassende Nutzungsbewertung von innovativen Arzneimitteln im Erstattungssystem berücksichtigt werden. Schließlich hat die Wirkung unserer Produkte einen ökonomischen Impact auf das Gesamtsystem.

„Durch die Krise haben wir alle eine neue Wertigkeit erlangt. Und je länger die Krise dauert, desto höher wird der Druck, Veränderungen herbeizuführen.“

Nun ist ja auch der Zeitfaktor ein wichtiges Thema. Von der Forschung bis zur Zulassung können einige Jahren vergehen. Welche Lösungsansätze werden bezüglich der Corona-Krise verfolgt?

Sie haben recht, der gesamte klinische Forschungsprozess bis zur Zulassung dauert im Schnitt bis zu zwölf Jahre. Was aufgrund der Corona-Krise allerdings gerade passiert ist, dass man Wirkungsstoffe, die sich in den klinischen Studien bereits in der Phase 2 oder am Beginn der Phase 3 befinden, auf SARS-CoV 2 testet. Hier gibt es einige vielversprechende Ansätze. In diesem Fall kann die Zulassung somit auch schneller vorangehen. Die Bundesregierung hat dazu ja auch kürzlich verkündet, im Kampf gegen das Coronavirus insgesamt 23 Millionen Euro für die Erforschung von Medikamenten zur Verfügung zu stellen. Die Förderung richtet sich hauptsächlich an jene Projekte, die die Wirksamkeit bereits bestehender Medikamente im Kampf gegen Corona erforschen sollen.

Ist die Corona-Krise ein Weckruf für eine Wende in der Pharmabranche?

Ich denke schon. Durch die Krise haben wir alle eine neue Wertigkeit erlangt. Und je länger die Krise dauert, desto höher wird der Druck, Veränderungen herbeizuführen.

Wo liegen Ihre Prioritäten in der nächsten Zeit?

Für uns als Verband gilt es weiterhin engen Kontakt mit dem Krisenstab, den Stakeholdern, mit den Ärzten, Apothekern und den Großhändlern zu halten, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. An dieser Stelle richte ich ein riesiges Dankeschön an unsere Mitgliedsunternehmen, die hier ihr Menschenmöglichstes machen, um einer sehr stark schwankenden und steigenden Medikamentennachfrage Herr zu werden. Ich möchte aber auch dem Großhandel danken, wo viele, viele Mitarbeiter sich um die Distribution der Medikamente kümmern und Großartiges leisten, genauso wie die gesamte Ärzte- und Apothekerschaft. Dankeschön.

Text: Rosi Dorudi; Bild: depositphotos.com

Alexander Herzog, Mag.

Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig)

Herzog ist seit Juli 2018 Generalsekretär der Pharmig, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Nach Abschluss seines BWL-Studiums an der Karl- Franzens-Universität Graz arbeitete er in verschiedenen Positionen im wirtschaftlichen Bereich (unter anderem IBM Eastern Europe, Austrian Research Centers). 2003 wechselte er zur Wiener Wirtschaftsagentur (früher: Wiener Wirtschaftsförderungsfonds), wo er in unterschiedlichen Leitungsfunktionen tätig war. 2006 machte sich Herzog als Unternehmensberater mit den Spezialgebieten Private Equity und Sanierungs- und Restrukturierungsmanagement selbstständig. Von 2007 bis 2014 war er bei der Wiener Gebietskrankenkasse als Stellvertreter der Obfrau, Mitglied des Vorstandes und der Kontrollversammlung tätig. 2014 wurde er geschäftsführender Obmann der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. Parallel dazu hatte er die Position als stellvertretender Vorsitzender der Trägerkonferenz des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger inne.