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Gesundheit
Oberösterreich
16.05.2022

„Die Hausärzte haben den Umgang mit dieser völlig neuen Krankheit gut hingekriegt“

Dr. Christoph Dachs ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) und betreibt zusammen mit Kolleginnen eine Gemeinschaftspraxis in Hallein (Tennengau). Mit INGO sprach er über seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus eineinhalb Jahren Covid-Pandemie. 

Was bedeutet die Corona-Pandemie für Allgemeinmediziner? Und wie haben Sie die letzten eineinhalb Jahre in Ihrem Praxisalltag erlebt? 

Christoph Dachs: Für uns Hausärzte war es zunächst eine große Herausforderung, denn am Anfang war es ja noch niemandem klar, was Corona für uns, das Gesundheitssystem und die Patienten wirklich bedeutet. Wir wussten nicht einmal, wie ansteckend dieses Virus tatsächlich ist. Allerdings haben wir sofort verstanden, dass wir uns und unsere Patientinnen und Patienten schützen müssen. Das haben die meisten Hausärzte auch hervorragend gemacht. In unserer Gruppenpraxis zum Beispiel sind wir ohne eine einzige Infektion der Ärzte und Angestellten durchgekommen. Wir haben die Patienten in infektiöse und nicht infektiöse eingeteilt und jeden mit Verdacht auf eine Infektionskrankheit getrennt von den anderen durch einen Seiteneingang empfangen. Und wir haben unser Bestes getan, um die Erkrankten unter Einhaltung der empfohlenen Schutzmaßnahmen wie FFP2-Maske, Visier, Handschuhe und dergleichen zu behandeln.

Ich glaube auch, dass die Patientinnen und Patienten durch die Hygienemaßnahmen und das Abstandhalten in den Ordinationen gut geschützt waren und sind. Für unsere Gruppenpraxis können wir es jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, dass da etwas passiert ist. Wir waren immer äußerst genau und konsequent bei der Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen.

Auch generell hat das in den Hausärzte-Ordinationen recht gut geklappt, meines Wissens hat es hier relativ wenig Ansteckungen gegeben. Die meisten Kolleginnen und Kollegen haben sich nicht bei den Patienten, sondern eher durch private Kontakte und Familienangehörige infiziert. 

Haben sich die pandemiebedingten Herausforderungen – abhängig von den jeweiligen Erkenntnisständen zur Erkrankung oder den diversen Mutationen des Virus ­– auch für die Hausärzte öfter geändert? Oder kamen sie mit den allgemeinen Schutzmaßnahmen gut durch alle Phasen?

Der Umgang mit der Pandemie hat sich für uns Hausärzte natürlich schon öfter verändert. Am einschneidensten, als die Impfungen gekommen sind. Jetzt, wo doch schon ziemlich viele Patienten geimpft sind, können wir einander bereits wieder ein bisschen anders begegnen. Dadurch müssen wir nicht mehr den maximalen Schutz aufrechterhalten, sondern nur jene Maßnahmen, die immer noch angemessen und notwendig sind, wie zum Beispiel die FFP2-Maske. Wenn jemand – so wie ich selbst – gegen Covid geimpft und nachweislich nicht infektiös ist, kann es sogar vorkommen, dass ich für ein Gespräch auch einmal die Maske herunternehme. Das ist meine persönliche Einstellung und dazu stehe ich, weil wir im Moment in unserer Umgebung eigentlich kaum infektiöse Patienten haben. Im Prinzip geht es also darum, sich der jeweiligen Situation immer wieder neu anzupassen.

Ist inzwischen eine Art Covid-Routine in den Hausarztpraxen eingekehrt? 

Ja, diese ist absolut eingekehrt, und das ist gut so. Es wird uns außerdem bestimmt auch längerfristig einiges aus der Pandemiezeit erhalten bleiben. Möglicherweise werden wir in Grippezeiten wieder auf die FFP2-Maske oder den Mund-Nasen-Schutz zurückgreifen, weil wir im letzten Jahr beobachten konnten, dass dadurch auch sonst kaum Infektionskrankheiten wie Grippe & Co in der Ordination vorkamen. Tatsächlich haben wir – abgesehen von Covid – so wenig Infektionen erlebt wie noch nie. Das heißt, der Mund-Nasen-Schutz beziehungsweise die FFP2-Maske sind ausgesprochen wirkungsvoll, das hat sich klar gezeigt. Aber natürlich hoffen wir alle, dass wir irgendwann wieder von diesen sehr restriktiven Maßnahmen wegkommen und sie höchstens fallweise einsetzen müssen oder können.

Wie können Hausärzte Covid-19-Patientinnen und -Patienten am besten begleiten? Können sie das überhaupt? Oder müssen die Betroffenen entweder allein und isoliert mit der Erkrankung fertig werden oder eben ins Krankenhaus?

Natürlich können wir das, das ist ja unsere Domäne. Es ist ganz wichtig, diese Patientinnen und Patienten zu begleiten. Dabei geht es immer darum zu schauen: Wie geht es dem jeweiligen Betroffenen? Gibt’s einen Moment, wo sich sein Zustand so verschlechtert, dass er ins Krankenhaus gehört, oder kann ich ihn zu Hause behandeln? Oder ist da ein Patient, bei dem wir besonders aufpassen müssen? Wie bei anderen Erkrankungen auch stellen wir hier viele Überlegungen an und ich glaube, daran zeigt sich, dass wir Hausärzte eine wichtige Funktion im Gesundheitswesen haben und man uns eigentlich viel mehr stärken müsste, als das zurzeit passiert.

Ich bin übrigens auch stolz darauf, dass wir Hausärzte uns nie abgeschottet haben und nicht nur Corona-Patienten, sondern alle, auch unsere chronisch Kranken durchgehend behandelt haben. Selbst in der Zeit, als manche Fachärzte Patienten abgewiesen haben, haben wir die Betreuung aufrechterhalten. 

Wurden durch die Pandemie verstärkt Telefon- und Telemedizin oder Hausbesuche in Hausarztpraxen umgesetzt?

Ja, auf jeden Fall. Die Pandemie hat der Telemedizin, Telefonaten, dem E-Rezept und auch der elektronischen Krankmeldung zweifellos Vorschub geleistet. Ich bin auch überzeugt davon, dass uns ein Teil davon erhalten bleiben wird. Dass außerdem der elektronische Impfpass umgesetzt worden ist, ist ebenfalls eine gute Sache. 

"Die Pandemie hat der Telemedizin, Telefonaten, dem E-Rezept und auch der elektronischen Krankmeldung zweifellos Vorschub geleistet."

Was waren beziehungsweie sind die häufigsten Patientenfragen beziehungsweise -anliegen in Zusammenhang mit Corona?

Was den Menschen momentan unter den Nägeln brennt, ist das Impfthema. Hier ist leider auch die Spaltung enorm. Manche halten die Impfungen für Gift und wehren sich dagegen, wobei die Aussagen einer politischen Partei à la „Impfen nützt eh nichts“ nicht gerade hilfreich sind. Das ist ja eine vollkommen verzerrte Darstellung der Realität. Fakt ist: Impfen wirkt. Das können wir zum Beispiel an den vulnerablen Gruppen gut sehen. Seit diese zum Großteil durchgeimpft sind, haben wir bei den chronisch Kranken und den alten Leuten nur ganz, ganz wenige Corona-Infektionen. Und die Menschen, die im Moment auf der Intensivstation landen, sind zum Großteil ungeimpft. 

In Bezug auf Corona und die Impfungen dagegen müssen Hausärzte also besonders viel Aufklärungsarbeit leisten. Aber fruchtet diese auch? Inwieweit können Sie als Arzt Menschen, die ihre Informationen aus Fake-News und zweifelhaften Quellen beziehen, mit fachlich fundierten Informationen Ängste und Vorbehalte gegen notwendige Maßnahmen nehmen?

Also ich würde sagen, das hat sich ebenfalls verändert. Vor ein, zwei Monaten kam es mir noch so vor, dass meine Meinung beziehungsweise mein evidenzbasierter Zugang auch bei unschlüssigen Patienten eher auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Jetzt ist es so, dass alle, die sich bewusst für die Impfung entschieden haben, bereits geimpft sind, und am Rest jedes fachlich fundierte Argument abprallt. Das sind die so genannten Impfskeptiker, die beispielsweise behaupten, die Covid-Impfungen hätten eine Notfallzulassung und wir wüssten noch nicht, was sie für Auswirkungen haben. Sie fürchten sich unter anderem vor Unfruchtbarkeit durch die Impfung. Solche Aussagen sind haltlos, es gibt keine seriöse Quelle für diese Annahme.

Was sagen Sie Menschen, die Angst vor eventuellen Langzeitwirkungen der Impfung haben?

Diese kommt vielfach aus dem Glauben, dass die Impfungen eine Notfallzulassung bekommen hätten und wir noch nicht so viel über ihre Auswirkungen wüssten, weil das Ganze so schnell gegangen sei. Das stimmt aber nicht, es ist keine Notfallzulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat es sich keineswegs leicht gemacht. Sie hat die Zulassung erst erteilt, nachdem sie alle zur Verfügung stehenden Daten sehr genau geprüft hat. Sputnik oder der chinesische Impfstoff Sinovac zum Beispiel sind in Österreich noch nicht zugelassen, weil maßgebliche Daten hierzu nicht geliefert werden konnten. Aber alle vier derzeit in Europa zugelassenen Impfstoffe sind ausreichend geprüft und somit als sicher einstufbar. Das sieht auch die ÖGAM so.

"Alle vier derzeit in Europa zugelassenen Impfstoffe sind ausreichend geprüft und somit als sicher einstufbar."

Wir wissen allerdings auch aus Studien, dass es in sehr, sehr seltenen Fällen zu Zentralvenenthrombosen und Herzmuskelentzündungen kommen kann. Auch Schlaganfälle sind unter Pfizer oder Moderna schon vorgekommen. Unsere Aufgabe als Ärzte ist es grundsätzlich, die Möglichkeit einer Nebenwirkung gegen den Nutzen einer Maßnahme abzuwägen. Natürlich möchte auch ich keine zentrale Venenthrombose bekommen, aber das sind so seltene Ereignisse und wenn man das den viel größeren Gefahren einer Corona-Infektion gegenüberstellt, rückt das das Bild wieder zurecht. Man muss das immer im Verhältnis sehen.

Das ist übrigens nicht nur bei Impfungen so, sondern bei jeder Arznei, die wir verabreichen. Vor einigen Jahren hat man erhoben, dass in Europa jährlich etwas mehr 50.000 Leute an den Nebenwirkungen von Medikamenten sterben. Denn schlichtweg alles, was wirksam ist, kann eine Nebenwirkung haben. Nehmen Sie zum Beispiel die modernen Therapien mit Antikoagulanzien, also Blutverdünnern. Damit lassen sich nachweislich etwa 20 Prozent der Schlaganfälle bei Patienten mit Vorhofflimmern verhindern, es entsteht dabei aber auch ein zirka 5%iges Risiko für eine Gehirn- oder Magen-Darm-Blutung. Um das Abwägen kommt man also nie herum. Das ist sozusagen das tägliche Brot von uns Hausärzten. Im Fall der Corona-Impfungen ist es aber nicht zuletzt ein großer Vorteil, dass die seltenen Nebenwirkungen bekannt und wir Mediziner allfälligen Symptomen gegenüber sehr hellhörig sind, sodass sie im Normalfall rechtzeitig behandelt werden können. 

Viel häufiger sind ungefährliche Erscheinungen in den ersten drei Tagen nach der Impfung wie Fieber, Kopf- oder Gliederschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle und dergleichen. Darüber informieren wir die Menschen und erklären ihnen, dass das normale Reaktionen des Immunsystems sind. 

Wie wichtig ist die Einbindung der Hausärzte in die Impfstrategie?

Das ist eine Sache, die auch bei uns in der ÖGAM kontroversiell diskutiert wird. Ich persönlich denke, es ist wichtig, dass man die Hausärzte einbezieht, denn wir kennen die Patienten am besten. Meine Gruppenpraxis war die größte Impfpraxis im Bundesland Salzburg. Mittlerweile haben wir aber mit dem Impfen aufgehört, weil es uns an den Rand unserer Kapazitäten gebracht hat. Und zwar nicht die Corona-Impfung selbst, sondern die ganze Bürokratie und Logistik, die dahintersteckt. Der Aufwand war enorm: Wir haben die Patientinnen und Patienten angerufen, mit ihnen die Termine ausgehandelt, dafür gesorgt, dass ausreichend Impfstoff da ist und diesen vorschriftsgemäß gelagert. Alle Abläufe mussten wir in drei verschiedene Listen eintragen. Bei der zweiten Impfung kam zu alldem noch die ganze Urlaubsdiskussion hinzu. Um das Ganze zu bewältigen, haben wir zum Teil an Feiertagen und an Samstagen geimpft. 

Wie könnte man die Impf-Logistik für die Hausärzte verbessern? 

Derzeit irritiert mich ein bisschen, dass bereits Stimmen laut werden, die verkünden, die Hausärzte werden auch die dritte Impfung durchführen. Denn einerseits wissen wir noch gar nicht so genau, wer diese bekommen soll und wann das geschieht, andererseits hat mit uns noch keiner darüber geredet.

Grundsätzlich sieht meine Vorstellung so aus, dass man die Logistik auslagert, zum Beispiel an das Rote Kreuz oder eine andere Organisation, und dass die Hausärzte dann in einer konzertanten Aktion impfen. So könnte sich jeweils eine Handvoll Hausärzte zusammentun und das an bestimmten Tagen in einem Gemeindesaal oder dergleichen durchführen. Wir sind gerne bereit, uns einzubringen, aber ich möchte wegkommen davon, dass wir darüber hinaus noch alles verwalten müssen. Das habe ich auch mit unserem Landeshauptmann-Stellvertreter, der auch Gesundheitslandesrat ist, besprochen.

Wenn die Pandemie wieder abklingt und Corona, wie man vermutet, zu einem endemischen Geschehen wird, muss man meiner Meinung nach zu einer anderen Impfstrategie kommen. Ich gehe davon aus, dass sich das mit den Auffrischungsimpfungen in den nächsten Jahren einspielen wird und man das dann in den Praxen genauso gut wie Zecken- oder Grippeimpfungen bewerkstelligen können wird. Jetzt, bei den ersten Corona-Impfungen, hat uns Hausärzte und unsere Angestellten schlichtweg die Masse überfordert. Trotzdem haben sich viele dafür eingesetzt und es summa summarum gut hingekriegt. Also wir dürfen durchaus stolz auf unsere Hausärzte sein. 

"Ich gehe davon aus, dass sich das mit den Auffrischungsimpfungen in den nächsten Jahren einspielen wird und man das dann in den Praxen genauso gut wie Zecken- oder Grippeimpfungen bewerkstelligen können wird."

Wie hat sich das mit dem Testen gestaltet? Ist es üblich, dass Patienten in Ordinationen getestet werden?

Wir machen keine Testungen für Urlaubsreisen, Lokalbesuche und dergleichen. Aber natürlich sind wir entsprechend ausgerüstet, um herauszufinden, ob Patienten mit verdächtigen Symptomen infektiös sind oder nicht. 

Wie häufig sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen mittlerweile mit Long Covid konfrontiert? Sind Hausarzt-Praxen hier die erste Anlaufstelle?

Ja natürlich. Long Covid ist eine Tatsache, etwa zehn bis zwölf Prozent der Menschen, die Corona durchgemacht haben, leiden danach oft über Monate massiv daran. Wobei unter diesen Begriff vielfältige Erscheinungen fallen, zum Beispiel chronische Atemnot, Leistungsabfall, das Chronic-Fatigue-Syndrom oder Narkolepsie. Das gilt es genau abzuklären und zu beurteilen, wohin man Betroffene gegebenenfalls überweisen kann.

Zu Post Covid gibt es mittlerweile sehr gute Leitlinien, die die ÖGAM und andere Fachgesellschaften gemeinsam herausgegeben haben. Man kann sie auf unserer Homepage nachlesen.

Wie bereiten sich die Hausärzte auf den kommenden Herbst und Winter vor? Wie sind hier die Erwartungen in Bezug auf die Pandemieentwicklung?

Wir erwarten bzw. hoffen, dass das Ganze durch die Impfungen nicht mehr so dramatisch werden wird wie in den ersten Covid-19-Wellen.

Wie ist Ihre Bilanz aus Hausärztesicht nach gut eineinhalb Jahren Covid? Welche Lehren und Erkenntnisse haben Sie daraus gezogen?

Eine wesentliche und positive Erkenntnis ist, dass wir mit einer völlig neuen Erkrankung konfrontiert worden sind und in der Hausarztpraxis eigentlich relativ rasch und gut damit fertig geworden sind. Weniger gut finde ich, dass zu Covid jeder mitredet und auch viel zu oft irgendein Zwischenstand verkündet wird. Wir sollten uns alle ein bisschen zurücknehmen und zurückhalten mit Prognosen. Ich denke, alles was über eine Perspektive von 14 Tagen hinausgeht, grenzt an Kaffeesudleserei und verunsichert die Menschen enorm. Viele haben es satt, ständig mit Informationen gefüttert zu werden, die kurz danach schon wieder ganz anders aussehen. Auch die Politik und die Experten sollten aus Rücksicht auf die Bevölkerung nur das kommunizieren, wozu es klare und haltbare Erkenntnisse gibt. 

Interview: Uschi Sorz; Fotos: privat, depositphotos.com

Christoph Dachs, Dr.

Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin

Dachs ist Arzt für Allgemeinmedizin, Lehrbeauftragter an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM). Zusammen mit drei Kolleginnen betreibt er die Gruppenpraxis „Rifer Hausärzte“ in Hallein/Sbg.

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