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Gesundheit
Oberösterreich
01.07.2021

"Die Situation ist äußerst schwierig"

Neben einer klaren Teststrategie ist das Einhalten der Hygienemaßnahmen, Abstand halten und das korrekte Tragen eines Mund-Nasenschutzes ausschlaggebend dafür, ob es gelingt, die aktuelle Corona-Situation zu beherrschen. Das sagt Christopher Lambers, Primar Pneumologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen.

Wie ist die aktuelle Lage am Ordensklinikum hinsichtlich COVID-19?

Christopher Lambers: Wir merken den Anstieg der Fallzahlen und auch die Bettensituation hat sich in den vergangenen Tagen deutlich geändert. Im Moment herrscht zwar noch kein Engpass was die Bettensituation betrifft, aber es gibt tendenziell zunehmende Engpässe beim Personal. 

Wie alt sind Ihre COVID-19-Patienten durchschnittlich?

Im Augenblick beobachten wir einen Alters-Shift bei den hospitalisierten Patienten. Waren es im Sommer eher jüngere, sind es nun im Durchschnitt zunehmend ältere Personen, die wir behandeln.

Womit hängt dies Ihrer Ansicht nach zusammen?

Das lässt sich nicht genau sagen. Momentan beschränkt sich das auf Beobachtungen von meiner Warte aus. Die Zunahme seit August war zunächst Reiserückkehrer-assoziiert, nun wird die Situation unklarer.

Bisher ging man davon aus, dass die Hochrisikogruppen ältere Menschen mit Vorerkrankungen sind. Studien belegen inzwischen, dass die Infektion durchaus auch jüngere Menschen schwer treffen kann. Übergewicht scheint das Risiko besonders zu vergrößern. Haben Sie diesbezüglich Erfahrungswerte? 

Grundsätzlich gibt es laut Datenlage des Robert-Koch-Instituts Personengruppen, bei denen schwere Krankheitsverläufe häufiger beobachtet wurden: Dazu zählen neben vielen Einflussfaktoren wie Alter, Vorerkrankung, Geschlecht auch Adipositas. Dies deckt sich auch mit unseren Beobachtungen.

"Das Problem bei Corona ist, dass der Symptombeginn nicht der Beginn der Infektiosität ist."

Experten sind der Ansicht, dass lediglich 20 Prozent der infizierten sogenannte Superspreader sind. Wie lässt sich der Infektiositätszustand einer Person aktuell feststellen?

Der Begriff Superspreader ist nicht Corona-spezifisch und kommt bei fast allen Infektionskrankheiten vor. Er wird generell bei der Erforschung von übertragbaren Erkrankungen für jene Infizierte verwendet, die eine ungewöhnlich hohe Anzahl an anderen Organismen anstecken. Hier gilt die sogenannte „20/80-Regel“, die besagt, dass die ansteckendsten 20 Prozent der Patienten, 80 Prozent der Neuinfektionen verantworten. Das Problem bei Corona ist, dass der Symptombeginn nicht der Beginn der Infektiosität ist. Der Patient ist also schon in der Inkubationszeit infektiös. Daher ist es auch schwer feststellbar, wann wer wie und wo angesteckt wurde. Letztlich ist das der ausschlaggebende Grund dafür, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, um die Verbreitung über Aerosole und Tröpfchen weitgehend zu verhindern beziehungswesie gering zu halten.

Nun steigt auch in Österreich die Zahl der Neuinfektionen kontinuierlich an. Sind die Parameter, die zu einem schweren Krankheitsverlauf führen, aber nicht viel komplexer, als sie lediglich anhand der Anzahl an Neuinfektionen festzulegen?

Fangen wir mal mit der Frage an, was ein bestätigter COVID-19Fall ist. Laut WHO ist das eine Person mit einem bestätigten Labortest. Dieser ist bei uns im Moment die PCR. Dieses Amplifikationsverfahren ist in der Lage selbst nur Bruchteile eines Virus nachzuweisen. Das führt aber auch dazu, dass COVID-19-Infizierte lange nachdem sie Symptome hatten, noch immer PCR-positiv sein können. Im Moment führt dies zu Diskussionen, ab welchem Wert der Patient als noch oder als nicht mehr infektiös gilt. Hier sind sich die Experten uneinig. Die Situation ist äußerst schwierig. Es werden natürlich zurzeit viele Personen getestet, die keine Symptome haben, den Virus aber trotzdem verteilen können. Das bedeutet, in dem Moment, in dem wir diese Personen identifizieren, können wir sie auch isolieren und so verhindern, dass sie das Virus verbreiten. So gesehen ist das schon sehr sinnvoll, möglichst viele Tests zu machen, um die Situation zu beherrschen. 

Welche Zahlen interessieren Sie als Arzt und wie hängt die Zahl der positiv Getesteten genau mit den Erkrankten zusammen?

Wie gesagt, ein positiver Test muss keine Erkrankung mit schwerem Verlauf bedeuten. Für mich als Arzt ist aber es natürlich wichtig zu wissen, ob ein Patient akut infektiös ist oder eine ausklingende Erkrankung hat. Das hilft uns schließlich auch beim Patientenmanagement. 

"Selbst die einfachen Stoffmasken helfen dabei, die Verbreitung und die Aufnahme viraler Partikel zu reduzieren."

Neben all den Diskussionen über Screening- und Schnelltests, werden wir uns in nächster Zeit also weiterhin an Maske und Abstandsregeln gewöhnen müssen?

Ich denke, die Corona-Tests sollten Bestandteil eines klaren Konzepts sein. Neben dem Testen geht es aber auch darum, dass Menschen sich selbst und auch gegenseitig schützen. Hier wissen wir ja mittlerweile, dass Masken einen gewissen Schutz bieten. Selbst die einfachen Stoffmasken helfen dabei, die Verbreitung und die Aufnahme viraler Partikel zu reduzieren. Auch das Abstandhalten zählt dazu. Diese sogenannte „Non-pharmacological Intervention“- Maßnahme kann jeder von uns durchführen. Und was momentan gar nicht erwähnt wird, ist das regelmäßige Händewaschen. Hände sind bekanntermaßen die häufigsten Überträger von Krankheitserregern. Die Menschen müssen wieder und wieder daran erinnert werden, dass die Hygiene-Maßnahmen, die im Frühjahr festgelegt wurden, noch immer gelten. Und es ist ein Beitrag, den jeder leisten kann und sollte. 

Das Thema Corona ist allgegenwärtig. Müssen wir endlich lernen, mit dem Virus zu leben?

Es gibt noch viele offene Fragen, was Sars-Cov-2 betrifft und wir werden erst später wirklich wissen, was der beste Weg war. Dennoch müssen wir uns im Augenblick bewusst sein, dass wir aktuell und auch zukünftig bei wiederkehrenden Outbreaks, Maßnahmen treffen müssen, die wir im Griff haben. Aktuell lässt sich nur sagen, dass ein konsequenter Umgang mit Hygienemaßnahmen einen gewissen Effekt hat. Offen bleibt, ob uns diese Pandemie-Maßnahmen auch zukünftig begleiten werden. 

Lässt sich abschätzen, welche Langzeitfolgen Covid-19-Patienten haben werden?

Hier wissen wir tatsächlich noch zu wenig. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass es bei unseren Patienten bis dato zu keinen dauerhaften Veränderungen gekommen ist. Aber welche Folgeschäden Covid-19 noch auslösen kann und ob sich die Lunge nach einer Infektion vollständig kuriert, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sagen. 

Interview: Rosi Dorudi

Christopher Lambers, Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr.

Primar Pneumologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen

Der ursprünglich aus Hagen in Nordrhein-Westfalen stammende Christopher Lambers absolvierte seine internistische und pulmologische Ausbildung von 2002 bis 2008 bereits in Österreich, an der Medizinischen Universität Wien. Nach Erlangung des Facharztdiploms für Innere Medizin 2008 wurde er Oberarzt an der Abteilung Pulmologie/Innere Medizin und gleichzeitig verantwortlicher Leiter des pulmologischen Forschungslabors. Ab 2013 war Lambers Oberarzt für Innere Medizin an der klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie und wirkte im Lungentransplantationsprogramm an der Medizinischen Universität Wien mit, welches – mit bis zu 120 Lungentransplantationen pro Jahr – eines der größten Lungentransplantations-Zentren der Welt ist. Im selbigen Jahr erlangte der Vater zweier Söhne auch das Facharztdiplom für Lungenheilkunde. „Der Focus meiner medizinischen Tätigkeit war immer die maßgeschneiderte Diagnostik und Therapie, die individuell auf den Patienten und seine Bedürfnisse abgestimmt ist. Gemeinsam mit meinem Team stehe ich für hochmoderne Medizin, die den gesamten Behandlungsbereich von der Tumordiagnostik bis zur Therapie abdeckt, sowie auch das gesamte Spektrum der Pneumologie“, sagt Lambers.