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Gesundheit
Oberösterreich
16.07.2020

10 Fragen zum Coronavirus

Die Anzahl an COVID-19-Infektionen in Österreich steigt, die Maßnahmen zur Eindämmung werden drastischer. Michael Girschikofsky, der Ärztliche Direktor des Ordensklinikum Linz, beantwortet zehn Fragen zur aktuellen Coronavirus-Krise.

1. Die Krankenhäuser des Ordensklinikum Linz werden vom Bundesministerium als Einrichtungen gelistet, die für eine Behandlung von Coronavirus-Verdachtsfällen und -Erkrankungen ausgerüstet sind. Wie sieht diese Ausrüstung aus?

Michael Girschikofsky: Für Verdachtsfälle und Erkrankungen von COVID-19 kommt eine klar definierte Schutzkleidung zum Einsatz. Sie umfasst neben der Körperbekleidung auch Schutzbrillen, Handschuhe sowie FFP2- oder FFP3-Schutzmasken, die auch im Vorfeld der Grippesaison schon in größerer Anzahl bereitstehen. Der Bestand wird regelmäßig evaluiert und diesbezüglich besteht in ganz Österreich eine hohe Transparenz, da sowohl das Land als auch der Bund in der Erfassung der Ressourcen keine Mühen scheuen.

2. Wie sieht ein Einsatzplan im Krankenhaus im Ernstfall aus?

Einsätze im Falle spezieller Erreger werden generell regelmäßig in „Dry Runs“ geübt, der Einsatzplan im Fall von SARS-CoV-2 unterscheidet sich davon nicht wesentlich. Das Hauptaugenmerk liegt aktuell auf einer einheitlichen und klaren Informationslinie, da sich die Definitionen von Risikogebieten und auch die Richtlinien beziehungsweise Vorgaben häufig ändern. Aus diesem Grund ist es wichtig, auf die Homepages von AGES (Anm.d.Red.: Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) und Gesundheitsministerium zu verweisen, wo der aktuelle Stand der Informationen veröffentlicht wird. Wir haben unsere Mitarbeiter über die Informationen von Bund und Land durch regelmäßige Aussendungen und Veranstaltungen stets am Laufenden gehalten.

Zum operativen Einsatzplan: Auf der pneumologischen Abteilung des OKL Elisabethinen stehen vier Isolierzimmer mit Schleuse für Verdachts- oder bestätigte Fälle, die nicht intensivpflichtig sind, zur Verfügung. Die ersten ein bis zwei Fälle, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, kämen auf die Intensivstation der Barmherzigen Schwestern. Die weitere Verteilung erfolgt dann in gegenseitiger Abstimmung je nach Situation.

3. Wie oft wird für den Ernstfall geprobt?

Unabhängig vom Coronavirus wird dieser immer wieder geprobt, hier gibt es aber bezüglich der Häufigkeit keine offizielle Vorgabe. Bei uns war der letzte große „Dry Run“ vor circa eineinhalb Jahren. Allerdings haben wir pro Saison 30 bis 40 Influenzafälle pro Haus, bei denen sehr ähnliche Isoliermaßnahmen zum Einsatz kommen.

„Wir haben pro Saison 30 bis 40 Influenzafälle pro Haus, bei denen sehr ähnliche Isoliermaßnahmen zum Einsatz kommen“, erklärt Michael Girschikofsky, der Ärztliche Direktor des Ordensklinikum Linz.

4. Werden Risikogruppen im Krankenhaus speziell geschützt?

Für immunsupprimierte Patienten und andere Risikogruppen gelten aktuell dieselben Vorgaben wie für andere Patienten. Wichtig ist, dass die empfohlenen Hygienemaßnahmen von ihnen selbst und auch von allen anderen in ihrem Umfeld eingehalten werden.

5. Wieviele Verdachts- oder Erkrankungsfälle gab es bislang im Ordensklinikum? Wie gestaltet sich der Ablauf?

Im Ordensklinikum gab es bislang nur einzelne Verdachtsfälle, aber noch keinen bestätigten Fall. Seit 6. März werden im Ordensklinikum Proben von SARS-CoV-2 an 7 Tagen der Woche aufgearbeitet und ein Befund erstellt.

6. Welche Maßnahmen sind im Fall von infiziertem Personal vorgesehen?

Bislang gab es noch keinen solchen Fall, aber es gelten im Prinzip die gleichen Abläufe wie bei allen Patienten. Als Besonderheit gilt allerdings, dass Mitarbeiter, die von einer Reise aus einem Risikogebiet symptomfrei zurückkehren, sich bei der Bezirkshauptmannschaft melden sollen. Diese entscheidet dann, welche Einschränkungen sie zuhause zu befolgen haben. Für die Dauer der potentiellen Inkubationszeit von 14 Tagen müssen sie auf jeden Fall zuhause bleiben.

7. Das Risiko an Grippe zu erkranken ist in Österreich nach wie vor ungleich höher als die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Warum sind die Vorsichtsmaßnahmen im Fall von COVID-19 wesentlich drastischer?

Trotz unterschiedlich stark ausfallenden Grippewellen sind die zu erwarteten Auswirkungen im Fall der Influenza Jahr für Jahr sehr bald gut abschätzbar. Das Erregervirus SARS-CoV-2 ist neu, und wir sind im Vergleich zum Grippevirus damit noch viel zu wenig vertraut.

8. Können Sie Hamsterkäufe und Verunsicherung in der Bevölkerung nachvollziehen?

Durch die extrem starke mediale Präsenz des Themas ist es für mich sehr wohl nachvollziehbar. Einen gewissen Grundvorrat an Lebensmitteln sollte man allerdings für einen Katastrophenfall, unabhängig vom Coronavirus, immer zuhause haben. Ich denke, viele holen das durch die aktuelle Sensibilisierung für das Thema jetzt einfach nach.

9. In Österreich lag die Durchimpfungsrate bei der Grippe in der vorigen Saison bei 8,4%, die Zahl der Todesfälle bei über 1.000. Warum ist das Problembewusstsein hier dennoch so gering?

Wie bereits erwähnt, COVID-19 ist als neue Krankheit noch nicht exakt einschätzbar, zudem hat das Thema eine extrem hohe mediale Präsenz. Bei der Grippe gibt es viele Menschen, die das schon einmal durchgemacht und keine unmittelbare Lebensbedrohung empfunden haben. Selbst bei medizinischem Personal liegt die Impfrate in Österreich unter 40 Prozent. Auch wenn es keine gesetzliche Handhabe dafür gibt, sollte bei medizinischem Personal eigentlich eine 100-prozentige Impfrate angestrebt werden. Schließlich besteht im Krankenhaus immer das Risiko, mit abwehrgeschwächten Patienten in Kontakt zu kommen und diesen zu schaden.

10. In Österreich stieg die Zahl der Infizierten per 11. März auf 206 an. Was ist Ihre Einschätzung, sind bei einem weiteren Anstieg ähnlich drastische Maßnahmen zu erwarten wie in Italien?

Die Kernfrage aktuell ist sicherlich, wie lange das Aufrechterhalten der Containment-Phase, das heißt der Nachverfolgung des Einzelfalles, noch sinnvoll ist. Seit heute gibt es nun neue Vorgaben von Bundesseite, aber das gesamte Ausmaß an Einschränkungen – vom Absagen von Veranstaltungen bis hin zum Schließen öffentlicher Einrichtungen – ist aktuell nicht wirklich abzuschätzen. Wir sind jetzt mit einer völlig neuen Situation konfrontiert, und ich gehe davon aus, dass dies nicht das letzte Mal sein wird.

Interview: Gertraud Gerst; Bild: Ordensklinikum, pixabay

Michael Girschikofsky, Dr.

Ärztlicher Direktor des Ordensklinikum Linz Elisabethinen

Girschikofsky promovierte 1990 zum Dr. med. univ. an der Universität Innsbruck, bevor er seine Ausbildung am Krankenhaus der Elisabethinen Linz begann. Auf den Arzt für Allgemeinmedizin folgte 1998 der Facharzt für Innere Medizin, 2000 der Additivfacharzt für Hämatoonkologie. Seit 2008 ist er Mitglied des Kernteams der Ärztlichen Direktion, seit Juni 2017 ärztlicher Direktor des Ordensklinikum Linz Elisabethinen. Girschikofsky ist seit 1991 verheiratet und Vater von drei Kindern.