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Gesundheit
Oberösterreich
14.06.2021

"Impfstoffe sind ein öffentliches Gut"

Pharmaunternehmen machen enorme Profite mit Covid-Impfstoffen, deren Forschung und Entwicklung großteils öffentlich finanziert ist. Forderungen nach einer Freigabe von Impfstoff-Patenten werden immer lauter. Public-Health-Expertin Claudia Wild sieht einen Fehler im System.

Nach Lieferengpässen, Impfstopps und einer Produktion, die der Pandemie nach wie vor hinterherhinkt, ist eine Debatte um die Lockerung des Patentschutzes von Covid-19-Impfstoffen entbrannt. Die Formeln für die Impfstoffe sind streng geschützt und können derzeit nur von wenigen Herstellern produziert werden. Auch wenn erst kürzlich zwei neue Produktionsstandorte von der Europäischen Arzneimittelbehörde genehmigt wurden, so drängen immer mehr Experten und NGOs auf eine Lockerung der Patente und raschen Knowhow-Transfer.

Wissenschaftler liefern Grundlagenforschung

Sie argumentieren mit einer weltweit gerechteren Verteilung der Impfstoffe und beklagen eine unfaire Finanzierungspolitik. „Wenn ich mir die gesamte Wertschöpfungskette der Impfstoffe samt Grundlagenforschung ansehe, dann ist ein großer Teil staatlich finanziert“, erklärt Public-Health-Expertin Claudia Wild vom Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA).

Als Beispiel nennt sie den mRNA-Impfstoff von Biontech und Moderna. Ohne die bahnbrechende Forschungsarbeit der Biochemikerin Katalin Karikó von der University of Pennsylvania gebe es diesen Impfstoff heute nicht. Dabei lasse sich die jahrelange Arbeit von Wissenschaftlern finanziell nur schwer beziffern. „Diese Innovation wurde jeweils um 75 Millionen Euro an die beiden Pharmaunternehmen verkauft. Zu den eingefahrenen Gewinnen der Impfstoffhersteller besteht hier keine Relation. Das sind Peanuts, die Biontech innerhalb eines Monats im Verkauf wieder einspielen konnte“, betont Wild.

Impfstoffforschung zu zwei Dritteln öffentlich finanziert

Neben der Grundlagenforschung werden die Hersteller der Covid-Impfstoffe zudem mit staatlichen Forschungsgeldern unterstützt. Insgesamt kamen bei einer internationalen Geber-Konferenz im Mai 2020 7,6 Milliarden Euro zusammen, 31 Millionen davon sagte Österreich zu. Aus diesem Topf gingen unter anderem 420 Millionen an Biontech-Pfizer, 680 Millionen an Moderna, 700 Millionen an Johnson & Johnson und 1,3 Milliarden an AstraZeneca. Letzteres ist zu hundert Prozent staatlich finanziert und das einzige Unternehmen, das den Impfstoff zum Selbstkostenpreis verkauft.

Ein historischer Rekord – noch nie zuvor wurde so viel Geld in so kurzer Zeit in die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gesteckt. Gut zwei Drittel der Forschungs- und Entwicklungsgelder von Sars-CoV-2 Impfstoffenstammen demnach aus öffentlicher Hand. Die staatlichen Geldgeber sind allerdings nicht am enormen Profit beteiligt, den die Hersteller mit den Impfstoffen lukrieren. Biontech alleine erwartet für das Jahr 2021 einen Umsatz von 12,4 Milliarden Euro mit seinem mRNA-Impfstoff. Die Staaten hingegen müssen die Vakzine teuer einkaufen und darauf warten, dass die Pharmafirmen genug davon liefern können. Risiken bei der Wirksamkeit der Seren werden für die Hersteller zudem in Kaufvereinbarungen minimiert.

Wem sollte ein Impfstoff gehören?

Die Sozialmedizinerin ortet hier einen Systemfehler, der nicht nur die Covid-Impfstoffe betrifft. „So kann man sich das bei der Entwicklung aller Medikamente vorstellen. Das ist ein Schema, das immer das gleiche ist. Covid macht nur transparenter, was schon seit vielen Jahren so ist.“

Im Fall der Covid-Vakzine kommt die Dringlichkeit dazu, möglichst rasch eine Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen. Es drängt sich in dieser Debatte die ethische Frage auf: Wem sollte ein Impfstoff gehören? Jonas Salk, der Entdecker des Impfstoffes gegen die Kinderlähmung, antwortete 1955 darauf: „Den Menschen.“ Ein Statement, dem Claudia Wild zustimmt. „Ein flächendeckendes Telekommunikationsnetz gilt als öffentliches Gut, und ist deswegen auch reguliert. Warum sollte es das am Pharmamarkt nicht geben?“, vergleicht sie.

Patentschutz kann im Notfall aufgehoben werden

Emer Cooke, die Chefin der Europäischen Arzneimittelbehörde, hat sich, ebenso wie der Österreichische Pharmaverband, gegen eine Freigabe oder Lockerung der Covid-Impfstoff-Patente ausgesprochen. Dies schaffe kein Umfeld für Innovationen, denen die Vakzine zu verdanken seien, heißt es. Ein Argument, das Wild nicht gelten lässt. „Es ist ein Mythos, dass es keine Innovationen mehr gibt, wenn man der Pharmabranche härtere Bandagen anlegt. Und im Grunde existiert dieser viel beschworene freie Markt ja gar nicht, wenn öffentliche Gelder fließen, so wie im Fall der Impfstoffe.“

Geschützt sind die Patentrechte der Impfstoffhersteller durch das internationale TRIPS-Abkommen, das die grenzüberschreitenden Rechte des geistigen Eigentums regelt. Eine temporäre Aufhebung des Abkommens ist in Notfallszenarien zum Schutz der öffentlichen Gesundheit möglich. Im Falle eines sogenannten TRIPS-Waivers, den Indien und Südafrika fordern, könnten andere Hersteller das Produkt zu festgelegten Lizenzgebühren an den Patenthalter herstellen. WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus merkte dazu an: „Wenn jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, davon Gebrauch zu machen, wann dann?“

Text: Gertraud Gerst; Bild: pixabay

Claudia Wild, Priv.-Doz. Dr. phil.

Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment

Wild ist sei 2020 Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment, einer unabhängigen Instanz, die mit ihrer interdisziplinären Arbeit Entscheidungsträger im Gesundheitswesen unterstützt. Sie ist Lehrbeauftragte in zahlreichen österreichischen Masterlehrgängen auf Universitäten und Fachhochschulen. Zudem ist sie Gutachterin im Bereich Public Health und Mitglied von Fachbeiräten zahlreicher Organisationen, wie Transparency International.