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Gesundheit
Oberösterreich
14.06.2021

"Die Reha ist bei Covid-Langzeitfolgen enorm wichtig"

Im Rehabilitationszentrum Weyer werden Menschen behandelt, die nach einer Covid-Erkrankung an Spätfolgen leiden. Gabriele Reiger, die Ärztliche Leiterin der Einrichtung, spricht im Interview über die physischen und psychischen Beeinträchtigungen der Patienten und die Bedeutung der Reha.

Eine 19-jährige Leistungssportlerin steckt sich mit Sars-CoV-2 an. Die Erkrankung verläuft mild, ähnlich einem grippalen Infekt. Nach kurzer Zeit fühlt sie sich wieder fit und kehrt zu ihrem Trainingsplan zurück. Nach ein paar Wochen folgt der gesundheitliche Zusammenbruch. Sie fühlt sich extrem erschöpft und kann plötzlich nicht mehr Treppensteigen. 

Ein 48-jähriger Bankangestellter, der sportlich und agil ist, erleidet einen Kollaps und kommt mit einer Covid-Diagnose ins Krankenhaus. Er muss drei Wochen lang künstlich beatmet und an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Als er wieder aufwacht, kann er nicht selbstständig sitzen, essen oder sprechen. 

Beide Patienten nahmen an einer Rehabilitation in der oberösterreichischen Sonderkrankenanstalt der PVA in Weyer teil. Sie sind zwei von insgesamt an die 400 Patienten, die dort bislang nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 behandelt wurden. Wie die unterschiedlichen Therapieprogramme für Post-Covid-Erkrankte aussehen,darüber haben wir mit der Primarärztin Gabriele Reiger gesprochen.

Wie qualifiziert man sich nach einer durchgemachten Covid-Erkrankung für eine Rehabilitation?

Gabriele Reiger: Es braucht einen durch den Sozialversicherungsträger bewilligten Antrag. Die Pensionsversicherungsanstalt hat ein Fast-Track-Service eingerichtet, bei dem die Bewilligung innerhalb von 24 Stunden nach der Einreichung erteilt wird. Auch sonst wird darauf geschaut, dass alle, die Bedarf haben, schnell zu einer Reha kommen.

Wie viele Post-Covid-Erkrankte nehmen derzeit in Ihrer Einrichtung an einer Rehabilitation teil?

Seit der heißen Phase im Herbst haben wir durchschnittlich 55 bis 75 Post-Covid-Patienten und Patientinnen im Haus. Das entspricht in etwa 60 bis 70 Prozent der Gesamtbelegung.

Welche Altersstufen sind hier vertreten?

Aktuell ist die jüngste Patientin 17 Jahre alt, die ältesten sind über 80. Das Durchschnittsalter sinkt seit Ausbruch der Pandemie stetig und liegt derzeit bei rund 50 Jahren. Das kann an der höheren Durchimpfungsrate unter den älteren Menschen liegen und auch daran, dass die Mutationen jüngere Menschen schwerer treffen können.

Haben diese Patienten mehrheitlich dieselben Beschwerden?

Abgesehen von den Kardinalsymptomen sind die Beschwerdebilder komplett uneinheitlich. Daher kann man auch nicht von einer speziellen Post-Covid-Reha sprechen. Wir nennen es eine teilhabeorientierte Rehabilitation, bei der wir für jeden Patienten ein maßgeschneidertes Programm erstellen, je nachdem welche Organe beeinträchtigt sind und welche Hilfestellung sie brauchen, um ihr Leben möglichst rasch wieder aufnehmen zu können.

Welche Beeinträchtigungen können das sein?

Neben Veränderungen in der Lunge und dem Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns treten oft neurologische oder neurokognitive Probleme auf. Eine Ärztin beispielsweise hatte nach ihrer Covid-Erkrankung schwere Merkfähigkeitsstörungen, sodass sie ihren Dienst nicht mehr machen konnte. Sehr oft kommen Menschen, zum Teil auch sehr junge, im Rollstuhl zu uns und haben nicht die Kraft, sich im Bett alleine aufzusetzen. Sie müssen wieder gehen lernen. Es kann im Verlauf einer Coronavirus-Infektion auch zu Herzmuskelentzündungen und Embolien kommen. Zudem sind Magen- und Darmprobleme ein Thema, ebenso wie massiver Gewichtsverlust durch die künstliche Beatmung. Das ist hauptsächlich Muskelmasse, die da abgebaut wird.

"Sehr oft kommen Menschen, zum Teil auch sehr junge, im Rollstuhl zu uns und haben nicht die Kraft, sich im Bett alleine aufzusetzen."

Gibt es auch Menschen, die unter psychischen Problemen leiden?

Ja, das hängt oft damit zusammen, was die Menschen auf den Intensivstationen erlebt haben. Das sind traumatische Ereignisse, wenn die Ehegattin oder der Bruder im Nebenbett verstirbt. Es gibt auch Menschen, die stehen unter enormem Druck und haben Angst, wegen der Erkrankung ihren Job zu verlieren.

Aus welchem Grund?

Es gibt Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern nicht glauben, dass sie noch beeinträchtigt sind, weil man es ihnen auf den ersten Blick nicht ansieht. Aber diese Menschen leiden an Fatigue, einem Erschöpfungssyndrom, und können die kleinsten Anstrengungen nicht bewältigen.

Was ist das Ziel der Reha?

Rehabilitation heißt wörtlich, den Menschen ihr Leben wieder zurückgeben. Rehabilitation ist ein medizinisches Therapieprogramm, das darauf abzielt, den Patienten individuell das zu geben, was sie brauchen, um ihr Leben wieder leben zu können. Die Reha ist für Menschen mit Covid-Langzeitfolgen enorm wichtig. Es ist mir ein besonderes Anliegen zu betonen, dass die Rehabilitation ein essenzieller Teil unseres Gesundheitssystems ist, was sich gerade in Krisenzeiten wie der aktuellen Pandemie zeigt.

Lässt sich ein Vergleich ziehen zwischen den Post-Influenza- und den Post-Covid-Patienten?

In beiden Fällen sind das schwer kranke, mit dem Leben bedrohte Menschen. Bei der Anzahl der Betroffenen hält der Vergleich nicht stand. In diesem Jahr hatten wir kaum Patienten, die nach einer Influenza-Erkrankung bei uns in Therapie waren.

Wie ging es der 19-jährigen Leistungssportlerin und dem 48-jährigen Bankangestellten nach der Reha?

Die Leistungssportlerin wird wohl noch ein weiteres Therapieprogramm im ambulanten Setting benötigen. Der Bankangestellte konnte nach den vier Wochen ohne Gehbehelfe zwei Stockwerke steigen und freute sich schon sehr darauf, das Radfahren und seinen gewohnten Alltag wieder aufzunehmen. Um den Status quo ihrer Kondition zu erhalten, bekommen alle Reha-Patienten ein Trainingsprogramm mit Empfehlungen für zuhause mit.

 

"Da sollte jeder bereits sein, in Dankbarkeit und Demut ein kleines Stück von seinem gewohnten Alltag aufzugeben."

Was empfinden Sie, wenn Menschen die Corona-Maßnahmen nicht ernst nehmen?

Es gibt viele Kollegen in der Pflege und in anderen medizinischen Berufen, die oft 12 Stunden am Bett von Covid-Patienten stehen und auch junge Menschen sterben sehen. Für diese Kräfte muss eine Lanze gebrochen werden. Es macht mich grantig, wenn Menschen die Corona-Maßnahmen missachten, einfach weil sie nicht selbst davon betroffen sind. Die würde ich gerne einladen, sich anzuschauen, wie das ist. Wenn man das einmal mitmacht, dann kann man sich nicht mehr weigern, eine Maske aufzusetzen oder sich impfen zu lassen. Da sollte jeder bereit sein, in Dankbarkeit und Demut ein kleines Stück von seinem gewohnten Alltag aufzugeben.

Interview: Gertraud Gerst; Foto: Christine Wurnig, Pensionsversicherungsanstalt

Gabriele Reiger, Prim.a Dr.in , MBA

Ärztliche Leiterin der Rehabilitationsklinik Weyer

Die gebürtige Wienerin ist seit 2006 an der Rehabilitationsklinik für pulmologische Erkrankungen und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates der PVA in Weyer tätig. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin und Notärztin und absolvierte den Universitätslehrgang für Management im Gesundheitswesen an der Donauuniversität Krems. Im Juli 2019 übernahm sie die Ärztliche Leitung der Einrichtung.