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Oberösterreich
16.05.2022

Dummheit ist gefährlicher als jedes Virus

Dummheit gefährdet Beziehungen, Zusammenhalt und Demokratie, sagt die bekannte Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner. In ihrem neuen Buch geht die Bestseller-Autorin den Spielarten der Dummheit nach und rechnet mit den Faktenverweigerern dieser Welt ab.

Die Dummheit ist ein Phänomen, „das in der Geschichte der Menschheit schon mehr Schaden angerichtet hat als alle Waffen, Bakterien und Viren gemeinsam und das das Potenzial hat, unseren Untergang zu bewirken.“ Mit dieser düsteren Einschätzung beginnt Heidi Kastner ihr jüngstes Buch mit dem Titel „Dummheit“, das im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen ist.

Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und leitet als Chefärztin seit 2005 die forensische Abteilung des Kepler-Universitätsklinikums in Linz. In ihrer langjährigen Laufbahn als Gerichtsgutachterin hatte die 59-Jährige laut eigenen Angaben zahlreiche Gelegenheiten, das Phänomen „Dummheit“ näher zu erkunden. Größere Bekanntheit hatte sie durch ihr Gutachten über Josef Fritzl erlangt, einem der schwersten Fälle der österreichischen Kriminalgeschichte. 

Dummheit ist meist keine Frage der Intelligenz

Zur Beschreibung der Dummheit zieht Kastner in ihrem Buch deutlich weniger schwere Fälle heran. So führt sie etwa ein Unternehmerehepaar an, das einigen Betrügern große Bargeldsummen überließ, weil die behaupteten, das Geld über Nacht mithilfe einer geheimen Flüssigkeit vermehren zu können. 

Weder in diesem noch in allen anderen ihr bekannten Fällen, so argumentiert Kastner, „war Intelligenz das zentrale Problem". Vielmehr seien es meist banale, alltägliche Beweggründe wie Gier und Geltungssucht, die Menschen zu dummen Handlungen trieben. In dieser Hinsicht stimmt sie dem filmischen Antihelden Forrest Gump zu, der da sagt: „Dumm ist, wer Dummes tut.“

Die Lernverweigerer

„Dummheit entzieht sich der Vermessung“, sagt Kastner, und macht stattdessen ein paar Grundsäulen aus, auf denen sie ruht. Neben dem Unwillen aus Erfahrungen zu lernen zählt sie dazu auch die Weigerung, sich zugängliches Wissen zu einem Thema anzueignen oder die Kompetenz von Experten anzuerkennen. Während die meisten Menschen für die Reparatur der Waschmaschine einen Fachmann kommen ließen, sei es im Bereich der Medizin beispielsweise weit verbreitet, ohne einschlägiges Fachwissen anderen Menschen Ratschläge zu erteilen.

„Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.“ Dieses bekannte Zitat des amerikanischen Schriftstellers Charles Bukowski führt Kastner exemplarisch für die Gruppe der Lernverweigerer an. Demzufolge ist es ein Zeichen von Intelligenz, wenn man sich die Grenzen des eigenen Wissens eingesteht.

Die Denkfaulen

Als weitere Kategorie der Dummheit führt sie die Denkfaulen an, „die lieber nachplappern, was ‚Influencer‘ sagen, als Wissen zu erwerben und selbst zu denken.“ Sie wollen in erster Linie Anstrengung vermeiden und gehen mit Informationen sehr kritiklos um, unabhängig von ihren Quellen. 

Kastner bescheinigt dieser Gruppe ein mangelhaftes Training des Urteilsvermögens und ein großes Bedürfnis, sich Überzeugungsgemeinschaften anzuschließen. „Man wählt den ‚stimmigsten‘, emotional ansprechendsten Meinungscouturier und lässt andere denken“, so die Autorin. Dabei geht es weniger um die bestechende Logik vertretener Positionen, sondern einfach nur ums Dazugehören.

Die Querulanten

Daneben macht die Psychiaterin die Gruppe der Querulanten aus, die eine emotionale Denkhemmung haben und alles neurotisch ablehnen, was nicht ins eigene Weltbild passt. Dazu zählt sie die Faktenverweigerer, „die das Recht auf eine eigene Meinung mit dem Recht auf eigene Fakten verwechseln oder zwischen den beiden Begriffen nicht unterscheiden können oder wollen.“ 

Eine stark vereinfachte Weltanschauung soll über die zunehmende Komplexität unserer Zeit hinweghelfen. Hier sieht Kastner einen gemeinsamen Nenner zwischen Verschwörungstheoretikern und Rechtspopulisten: „Beide lösen komplexe politische Themen in einen Gegensatz von Gut und Böse auf“, zitiert sie den Amerikanistik-Professor Michael Butter.

Plädoyer für die emotionale Empathie

Dummes Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich lässt sich zu einem großen Teil nicht auf einen Mangel an logischem, faktenorientiertem Denken zurückführen, konstatiert die Autorin. Vielmehr gehe es hier um einen Mangel an emotionaler Kompetenz. Diese lässt sich laut Kastner auf ein Unvermögen zurückführen, sich selbst wahrzunehmen und die eigenen Gefühle zu benennen und zu steuern. 

Aber der wichtigste Gegenspieler der Dummheit sei die emotionale Empathie, also die „Fähigkeit, mit anderen mitzuempfinden, Mitgefühl zu entwickeln, in deren Interesse zu handeln und Beziehungen gleichberechtigt zu gestalten“, schreibt Kastner und macht mit ihrem nüchternen Plädoyer gegen Ende des Buches hin ein wenig Hoffnung. 

In unserer ständig komplexer werdenden Welt und einer realen Bedrohungslage durch Viren und Umweltkatastrophen braucht es neue Lösungen für eine lebenswerte Zukunft. Die Fähigkeit mitzufühlen und die Erkenntnis, dass alles Lebendige miteinander verbunden ist, sind vielleicht die wichtigsten Werkzeuge auf dem Weg dorthin.

Text: Gertraud Gerst; Foto: Philipp Horak

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