INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
01.07.2020

„Wir müssen für Schön- und Schlechtwetter planen!“

Herwig Ostermann, Chef der Gesundheit Österreich GmbH, über die Lehren aus COVID-19 für das Gesundheitssystem – und warum er dabei an die Donau denkt.

Welche Stärken und welche Schwächen hat COVID-19 im österreichischen Gesundheitssystem deutlich gemacht?

Herwig Ostermann: Tatsächlich haben wir gesehen, dass das System sehr leistungsfähig ist, auch wenn die Situation anfangs unübersichtlich war. Es ist ein engmaschiges System, mit hoher Kompetenz im logistischen und vor allem im personellen Bereich. Die Menschen, die hier arbeiten, sind außergewöhnlich engagiert, und sie wissen sehr gut, was sie tun. Die Zahl der Spitalsbetten würde ich rein quantitativ nicht unbedingt zu den Stärken zählen. Das war ein Sicherheitspolster, der zu keiner Zeit ausgereizt werden musste. Die Frage von Überkapazitäten ist auch jetzt sicher nicht vom Tisch. 

Was heißt das für die zukünftige Planung bei den Spitalsbetten beziehungsweise den Vorhaltekapazitäten?

Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu sagen, dass alles, was vor Corona an Optimierungen und Weiterentwicklungen umgesetzt wurde, totaler Quatsch gewesen sei. Im Mittelpunkt steht der Patientennutzen, und unter diesem Aspekt lassen sich viele Leistungen auch ambulant erbringen. Was COVID-19 betrifft, haben wir in den letzten Wochen viel gelernt. Wir brauchen eine abgestufte Versorgung mit Reservekapazitäten. Bildlich gesprochen ist es wie bei den Hochwasserschutzwänden an der Donau: Die müssen auch nicht das ganze Jahr stehen, sondern nur dann, wenn sie gebraucht werden. Solche Reservekapazitäten waren es, die zum Beispiel in Italien und Frankreich gefehlt haben. Darum sind diese Länder auch bald am Anschlag gefahren. Grundsätzlich sollten sich die Vorhaltekapazitäten für COVID-Patienten auf wenige Standorte konzentrieren, um die Qualität der Behandlung zu gewährleisten.

In welchen Bereichen war die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems durch COVID-19 am größten?

Es gab im Grunde zwei Szenarien: Containment oder Kollaps. Wäre es beim exponentiellen Wachstum geblieben, wie man zu Beginn befürchten musste, dann wären wir rasch an die Grenzen geraten. Ende März war allerdings dann absehbar, dass wir in eine Plateauphase einbiegen, es ging also in Richtung Containment. Die Personalsituation der Krankenhäuser war grundsätzlich gut, zudem waren durch das Herunterfahren mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für einen etwaigen Krisenfall verfügbar. Am relevantesten war anfangs zweifellos die Frage der Schutzausrüstung. In diesem Bereich sind die Prinzipien von Lean Management und Just-in-Time zu hinterfragen. Da braucht man stabile, durchgängige Lieferketten und auch mehr als einen Lieferanten, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Ob die Produktion zwangsweise im eigenen Land erfolgen muss, erscheint mir dann eher sekundär.

„Am relevantesten war anfangs zweifellos die Frage der Schutzausrüstung. In diesem Bereich sind die Prinzipien von Lean Management und Just-in-Time zu hinterfragen.“

Wird die zentrale Steuerung im österreichischen Gesundheitswesen nun ausgeprägter werden?

Unser Gesundheitswesen ist dezentral organisiert, auch das hat sich jetzt durchaus auch als Stärke erwiesen. Ich plädiere sicher nicht für mehr Zentralismus: Die Dinge sind dort zu regeln, wo die Kompetenzen sind. Für jene Entscheidungen, die auf Bundesebene zu treffen sind, brauchen wir aber mehr und zeitnähere Informationen als Grundlage. Es hat sich etwa gezeigt, dass teilweise Strukturen fehlen, um Daten von meldepflichtigen Erkrankungen qualitativ verknüpfen zu können. Und um zu aktuellen und aussagekräftigen Zahlen zu kommen, wären Meldeschienen anzupassen. Da geht es nicht um Kontrolle, sondern um gute, rationale Entscheidungen. Ein gewisses Maß an Zentralisierung ist auch bei der Beschaffung notwendig und wichtig: Es hat ja keinen Sinn, wenn jedes Krankenhaus sich selbst auf dem Weltmarkt nach Schutzausrüstung umsieht. Was uns in den vergangenen Wochen weitgehend gefehlt hat, waren europaweite Abstimmungen.

Welche Konsequenzen für das Gesundheitssystem ergeben sich durch COVID-19 noch, zum Beispiel im niedergelassenen Bereich?

Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei, wir haben weiterhin Handlungsbedarf und sind immer noch dabei Erkenntnisse zu sammeln. Die große Herausforderung wird der Herbst bringen. Dafür gilt es Szenarien zu planen und Vorkehrungen zu treffen. Die Frage, ob und wann eine zweite Welle kommt, kann niemand beantworten.  Wir müssen also sozusagen ein Schön- und ein Schlechtwetterprogramm planen, auch mit unterschiedlichen Szenarien in der Primärversorgung. Dazu kommt, dass auch Themen wie die psychosoziale Versorgung jetzt stärker in den Fokus rücken, weil sich die Folgen der Pandemie und des Lockdown auch hier auswirken, zum Beispiel durch veränderte Muster im Alkoholkonsum. In epidemischer Hinsicht wird der Sommer hoffentlich ruhig, arbeitsmäßig wird er bei uns aber sicher dicht.

„Die Frage, ob und wann eine zweite Welle kommt, kann niemand beantworten.“ 

Werden Telemedizin und E-Health an Bedeutung gewinnen?

Ganz klar: Ja. Wie in anderen Lebensbereichen hat die Digitalisierung auch im Gesundheitsbereich positive Effekte, die durch COVID-19 nun noch deutlicher geworden sind. Telemedizin geht natürlich nicht in jedem Fall, aber doch bei vielen Fragen. Das ist ein hochrelevantes Thema.

Wie würden Sie Ihre bisherigen Erfahrungen und Lehren aus der COVID-19-Pandemie in einem Satz zusammenfassen?

Wenn man Menschen in einer Krise zusammenarbeiten lässt, kommt unglaublich Gutes heraus, selbst in einem so fragmentierten System wie dem österreichischen Gesundheitswesen. Das hat mich tief beeindruckt.

Text: Josef Haslinger, Bild: depositphotos.com 

Herwig Ostermann, ao. Univ.-Prof. Dr.

Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG)

Ostermann ist seit vier Jahren Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), dem zentralen Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen und die Gesundheitsförderung in Österreich. Der Gesundheitsökonom hat Internationale Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck und Dublin sowie Gesundheitswissenschaften an der UMIT in Hall/Tirol studiert, wo er seit 2011 auch eine Teilzeitprofessur für Gesundheitspolitik und -verwaltung hält. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Forschungen zu nationalen beziehungsweise internationalen Gesundheitssystemen sowie Entscheidungsunterstützung für die Gesundheitspolitik.