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Gesundheit
Oberösterreich
19.04.2021

„Wenn alle über 65 durchgeimpft sind, muss es Konsequenzen geben!“

Seniorenbund-Landesobmann Josef Pühringer sieht die Impfung gegen Covid-19 als Rückfahrkarte ins normale Leben und fordert mehr digitale Kompetenz für ältere Menschen – als wirksamen Schutz vor der Vereinsamung.

Worunter leiden Seniorinnen und Senioren in der Pandemie, die nun schon über ein Jahr dauert, am meisten?

Josef Pühringer: Man muss das differenziert sehen, weil zu den Seniorinnen und Senioren sowohl 60-Jährige als auch Hochbetagte zählen. Für die 12.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Alten- und Pflegeheime in Oberösterreich hat das Besuchsverbot bis Ende Februar unglaublich viel Einsamkeit gebracht und Lebensqualität gekostet. Wenn einem im Lebensfinale die gewohnte Welt weggenommen wird, wenn man von Familie und Freunden abgeschnitten ist und womöglich gar nicht mehr begreifen kann, warum plötzlich niemand mehr kommt – dann ist das tragisch und eine Zumutung, auch wenn all das natürlich zum Schutz passiert ist. Schließlich waren 43 Prozent aller Covid-19-Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen zu verzeichnen. Wir können dankbar und froh sein, dass der oberösterreichische Impfplan diese vulnerable Gruppe priorisiert und die Heime inzwischen durchgeimpft sind. Die Mortalität in diesem Bereich geht heute gegen Null. 

Wie ist die Situation bei den „jüngeren Älteren“?  

Viele Seniorinnen und Senioren leben allein, oft in kleinen Wohnungen. Sie waren während der Lockdowns praktisch auf 40, 50 Quadratmeter eingesperrt, ohne die gewohnten Kontakte im Café oder am Stammtisch, bestenfalls beim Einkaufen einmal in der Woche. Das hat vielen Menschen die Lebensfreude genommen und die Vereinsamung verstärkt, ähnlich wie in den Heimen. Daher fordere ich mit Nachdruck: Wenn alle über 65 durchgeimpft sind, dann muss es Konsequenzen geben. Die Impfung ist unsere Rückfahrkarte ins gewohnte Leben. Diese Karte muss gezogen werden.

Das heißt also Privilegien für Geimpfte?

Das ist ein äußerst heikles Thema. Die Impfung muss gewisse Rechte nach sich ziehen, zumindest dann, wenn alle, die sich impfen lassen wollen, auch die Möglichkeit dazu haben. Bis dahin wären gesonderte Rechte für Geimpfte aber sehr problematisch. Übrigens hätten Hochbetagte davon ohnehin wenig, weil sie oft auf die Hilfe Jüngerer angewiesen sind, von denen die meisten noch nicht geimpft sind. Dass gemäß dem oberösterreichischem Impfplan – einem der besseren im Bundesländervergleich – nun auch pflegende Angehörige schon zum Zug kommen, ist jedenfalls zu begrüßen. Die beste Lösung wäre natürlich, möglichst rasch alle Impfwilligen durchzuimpfen. Dazu müssen die Impfmöglichkeiten weiter intensiviert werden, je nach Verfügbarkeit der Impfstoffe.

Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft bei den Seniorinnen und Senioren ein?

Die vielen Gespräche und die Briefe, die ich erhalte, gehen alle in dieselbe Richtung, und die lautet: Ich will rasch geimpft werden. Noch niemand hat sich über Nebenwirkungen beschwert. Tatsächlich ist die Impfung unsere einzige Chance, die Pandemie wirklich zu besiegen. Natürlich ist es ein gesundheitspolitisches Ziel, dass die Menschen gesund leben und dadurch ein starkes Immunsystem entwickeln. Aber das lässt sich nicht von heute auf morgen herbeizaubern, daher braucht es die Impfung – natürlich freiwillig, ohne Impfzwang. 

"Tatsächlich ist die Impfung unsere einzige Chance, die Pandemie wirklich zu besiegen."

Braucht es aus Sicht der Senioren auch mehr Testmöglichkeiten? 

Testen ist eine Übergangslösung mit beschränkter Wirkung. Aber sie ist hilfreich, um Spreader rasch zu entdecken und Infektionswege unter Kontrolle zu halten. Daher ermöglicht das Testen gewisse Freiheiten. Wichtig ist, dass die Anmeldesysteme keine große Hürde darstellen, schließlich sind die meisten Älteren keine EDV-Spezialisten, und nicht alle haben eine Familie, die dabei helfen kann. Da und dort wäre zusätzliche Testinfrastruktur erwünscht, speziell am Land. Zur nächsten Testmöglichkeit sollte niemand weiter als 20 Kilometer fahren müssen, das ist ein guter Richtwert.

War das Gesundheitssystem für die Herausforderung Corona bestmöglich aufgestellt?

Das Gesundheitssystem in Österreich ist eines der besten weltweit und bewährt sich im Wesentlichen auch in der Corona-Pandemie. Es ist zwar vorübergehend nahe an seine Grenzen gekommen, aber das ist begreiflich. Kein Staat der Welt kann ein Gesundheitssystem in einer Ausprägung vorhalten, die nur einige Monate in einem Jahrhundert gebraucht wird. Unser Gesundheitssystem ist krisensicher und in der Lage, rasch zu handeln. Das ist nur möglich durch den vorbildlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern, egal ob Ordenskrankenhaus oder öffentliches Spital. Sie leisten Großartiges, von den Verantwortlichen bis zu den Hilfsdiensten. Das verdient höchste Anerkennung und Respekt.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der politisch Verantwortlichen in der Covid-19-Pandemie?

Die Performance der Politik ist da und dort verbesserungswürdig, würde ich sagen. Man kann nur hoffen, dass der große Schulterschluss der ersten Wochen zum hoffentlich baldigen Finale der Pandemie wieder zurückkehrt. Die älteren Menschen wollen keinen Streit in der Politik, schon gar nicht bei lebenswichtigen Themen. Da sollten Zusammenarbeit und Zusammenhalt im Mittelpunkt stehen. Es gibt genug andere Gelegenheiten, um sich aneinander abzuarbeiten. 

"Die älteren Menschen wollen keinen Streit in der Politik, schon gar nicht bei lebenswichtigen Themen."

Was sind für den Seniorenbund die wichtigsten Lehren aus der Covid-19-Pandemie?

Erstens: Wir müssen alles tun, um in der Pflege deutlich unabhängiger vom Ausland zu werden. Wir sehen jetzt, dass derzeit in hohem Maß ausländische Pflegekräfte das System sichern, vor allem in der 24-Stunden-Betreuung und in der mobilen Pflege, aber auch in Alten- und Pflegeheimen. Zweitens: Wir müssen die Bemühungen verstärken, um die ältere Generation digitaler zu machen. Die vergangenen Monate haben gezeigt: Wer mit Computer und Internet kompetent umgehen kann, hatte viel bessere Möglichkeiten, mit Familie und Freunden zu kommunizieren. Und drittens: Die Einsamkeit vieler Menschen ist in der Pandemie verstärkt sichtbar geworden, doch auch unabhängig von Covid-19 sagen bis zu zehn Prozent der älteren Menschen, dass sie sich sehr oft einsam fühlen. Hier setzen wir als OÖ. Seniorenbund mit einem ersten Maßnahmenpaket unter dem Titel „Gemeinsam statt einsam“ an, mit eigenen Aktivitäten, aber auch mit Forderungen an die Politik. 

Wird Corona die Gesellschaft langfristig verändern?

Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass die Pandemie radikale Veränderungen bringen wird. Sobald Covid-19 dank Impfungen und Medikamenten eine Krankheit wird wie viele andere, wird die Gesellschaft sukzessive wieder zum bisherigen Leben zurückkehren. Vielleicht ist aber gerade den Älteren verstärkt bewusst geworden, dass das Leben endlich ist und wir mehr darauf achten sollten, worauf es tatsächlich ankommt. Die Pandemie zeigt uns, was wirklich fehlt, wenn wir von der Gemeinschaft ausgeschlossen sind.

Interview: Josef Haslinger

Josef Pühringer, Dr.

Seniorenbund-Landesobmann

Pühringer (71) war von 1995 bis 2017 Landeshauptmann von Oberösterreich und Landesparteiobmann der ÖVP. Nach seinem Rückzug aus diesen beiden Funktionen trat der studierte Jurist auch im Seniorenbund die Nachfolge von Alt-Landeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck an und ist seither Landesobmann dieser ÖVP-Teilorganisation.