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Gesundheit
Oberösterreich
16.05.2022

„Wir sind keine Roboter“

Prim. Univ. Doz. Dr. Alexander Kulier, MBA, Leiter des Instituts für Anästhesie und Intensivmedizin am Ordensklinikum Linz Elisabethinen, ist Kongresspräsident der Vinzenz Gruppe Kongresstage Anästhesie & Intensivmedizin 2021. An welche Grenzen hat ihn die Covid-Pandemie gebracht?  

Nach einem Jahr Pause fanden am 5. und 6. November wieder die Kongresstage Anästhesie und Intensivmedizin statt. Wie fiel die Wahl auf das Thema „Grenzen hinterfragen“?

Alexander Kulier: Als ich die Kongresstage 2020 plante, dachte ich mir, „Grenzen“ sind ein guter roter Faden, da wir in der Forschung und Fortbildung ja ständig Grenzen hinterfragen – medizinisch, wissenschaftlich, organisatorisch. Dann kam die Pandemie und wir hatten ein Jahr lang eine Art von Schrecksekunde. Hinterher wollte ich dieses Thema belassen, denn die Pandemie hat uns durchaus auch unsere Grenzen vor Augen geführt. Ich möchte die Leute aber auch dort abholen, wo sie jetzt gerade emotional sind – ich finde, man konnte im November 2021 einfach keinen Kongress thematisch nur mit „business as usual“ gestalten.

Welche Grenzen wurden im Kongress aufgegriffen?

Im Kongress ging es nicht ausschließlich um wissenschaftliche und medizinische Grenzen, sondern auch um emotionale und körperliche Grenzen sowie Grenzen des Gesundheitssystems. Gerade die Pandemie ist ein gutes Beispiel, wie wir im Gesundheitssystem gefordert werden. Dort möchte ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer abholen, denn wir sind ja nicht Roboter, die nur Medizin machen, sondern haben in diesen Jahren als Berufsgruppe insgesamt Ungeheures geleistet, auch nicht-medizinisch. Es hat viele an die Grenzen gebracht. Und bisher wurde nie thematisiert: Wie ist es euch eigentlich gegangen bei der ganzen Geschichte, nämlich in der Doppelfunktion als betroffene Menschen als auch als betroffene Ärzte?

Wie ist es Ihnen gegangen? 

Als Chef der Abteilung bin ich selbst nicht so viel am Patienten gestanden, aber ich war organisatorisch extrem gefordert. Aber man muss sagen: Heute vor einem Jahr haben meine Mitarbeiter und ich auch einfach Angst gehabt. Ich hatte Mitarbeiter, die älter sind und Risikofaktoren haben, die einfach Angst hatten und bei ihrer Arbeit um ihr Leben gefürchtet haben. Und am Anfang musste man fertig werden mit dem Zuschauen beim Sterben, wo man nichts dagegen tun konnte. Die Fassungslosigkeit in den ersten Monaten, auch von großen Experten, dass sie da hilflos dabeistehen, wie Patienten sterben. Bis hin zur emotionalen Erschöpfung. 

"Ich hatte Mitarbeiter, die älter sind und Risikofaktoren haben, die einfach Angst hatten und bei ihrer Arbeit um ihr Leben gefürchtet haben."

Die Intensivmedizin ist ja auch in Normalzeiten ein forderndes Fach. Welche Aspekte waren in der Pandemie noch belastender als sonst?

Ganz eindeutig, die Schutzkleidung und am Anfang die Angst. Wir waren in unserem Krankenhaus erst die zweite Covid-Station, wurden aber zur ersten Covid-Station gerufen zum Sichern der Atemwege, also zum Intubieren. Und da kommt man an den Herd der Infektion so nahe heran wie kein anderer, nämlich mit dem eigenen Mund. Da mussten sich die Betroffenen entsprechend kleiden und das war körperlich extrem belastend, zusätzlich zu der schon bestehenden Angst. Wir hatten dann natürlich schon die optimalen Schutzvorrichtungen, aber alleine das Anziehen der Schutzkleidung und den ganzen Tag tragen ist für Ärzte und Pflege ausgesprochen fordernd. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflege müssen ja den ganzen Tag bei den Patienten sein, das ist extrem anstrengend. Und das wurde kaum thematisiert. 

Sie erwähnten die emotionale Erschöpfung - wie sieht die emotionale Situation jetzt, in der vierten Welle, aus?

In den ersten drei Wellen waren wir im Krisenmodus, mit dem Ziel, die Situation bis zur Verfügbarkeit einer Impfung zu bewältigen, und eine solche Krise setzt auch Reservekräfte frei. Diese Reservekräfte werden jetzt aus zwei Gründen nicht mehr so freigesetzt: Einerseits sind die Menschen auf den Intensivstationen einfach fertig. In der Zeit der Lockdowns haben wir gearbeitet bis zum Umfallen und als die Lockdowns vorbei waren, mussten wir den Stau an anderen Patienten abarbeiten. Erholung, Fortbildung oder irgendein Abstand waren kaum möglich. Und zum anderen behindert das Bewusstsein, dass man diese vierte Welle eventuell in ihrer Intensität hätte verhindern können, wenn sich die Leute nur impfen lassen würden, schon ein stückweit die Freisetzung dieser Reservekräfte. 

Welche organisatorischen Grenzen wurden, auch im Krisenmanagement, aufgezeigt?


Im positiven Sinn: Es war eine Form der Zusammenarbeit plötzlich möglich, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch in der Organisation, durch elektronische Medien, die ich toll fand. Im Haus haben täglich mindestens einmal alle Bereichsleiter besprochen, wie wir den Tag bewältigen. Bis zu dreimal die Woche haben sich alle Intensivmediziner Oberösterreichs online getroffen – das war ein tolles Miteinander auf der fachlichen Ebene, das war eine völlig neue Dimension. Die Grenzen in dem Sinne sind da massiv zum Positiven verschoben worden, da hat sich viel Gutes getan. 

"Die Grenzen in dem Sinne sind da massiv zum Positiven verschoben worden, da hat sich viel Gutes getan."

Wie wurden die nicht-medizinischen Grenzen, die in der Pandemie erlebt wurden, im Programm der Kongresstage aufbereitet?


Am Freitag hatten wir zwei Vorträge zu „soft topics“. Ich habe den Hamburger Krisenforscher Frank Rosenlieb eingeladen, er hielt einen Vortrag zum Thema „Jenseits des Schwarzen Schwans“, wie man mit solchen Ereignissen umgeht. Peter Klimek hielt die Keynote Lecture zum Thema „Ist uns das alles zu kompliziert? Die Überforderung durch globale Krisen“, weil man klar zugeben muss, wir sind alle überfordert. Und dann hatten wir eine Podiumsdiskussion zum Thema „Haben wir alles richtig gemacht? Die Lehren für die nächste Pandemie“. Dabei diskutierten Walter Hasibeder, Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin, Gerald Kneidinger, dessen Spezialität Krisenkommunikation in Firmen ist, sowie Peter Klimek, Frank Rosenlieb, Günther Mayr vom ORF und Stefan Meusburger, Geschäftsführer des Ordensklinikums. Wir thematisierten hier die nicht-medizinischen Grenzen – auch wenn ich mich als Veranstalter in der Diskussion bewusst nicht einbrachte. 

Welche Lehren haben Sie aus der Pandemie gezogen?

Hier gibt es zwei Ebenen, die medizinisch-fachliche und die organisatorische. Bei der medizinisch-fachlichen muss ich sagen, dass wir leider bis jetzt nicht viel gelernt haben. Mit Ende August gab es 180,000 wissenschaftliche Publikationen zum Thema Covid. Es gibt eine unendliche Flut an neuen Daten, aber das muss man erst in die klinische Wirklichkeit bringen. Rein medizinisch haben wir in den ersten drei bis sechs Monaten gelernt, was man besser machen kann, weil es doch eine neue Erkrankung ist. Wir haben gelernt, dass die Erkrankung mit nichts vergleichbar ist, was wir bisher hatten. Aber wir haben keine kausale Therapie, nur eine symptomatische Therapie. Und da haben wir nicht viel gelernt, muss man sagen, weil es einfach zu wenig gibt. Für mich habe ich gelernt, dass man sich auch in kleineren Gruppen rasch organisieren muss. Und für mein Team habe ich gelernt, wir brauchen Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Als es ganz schlimm war habe ich eine Webseite für meine Abteilung gemacht, wo ich jeden Tag die neuesten Informationen gepostet habe. Damit auch die Leute, die zu Hause waren, in Quarantäne oder an einem freien Tag, wissen, dass sie zu einer Gemeinschaft gehören. Das war, glaube ich, sehr wichtig. 

Interview: Sophie Fessl; Fotos: depositphotos.com, Ordensklinikum

Alexander Kulier, Prim. Univ. Doz. Dr.

Leiter des Instituts für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Elisabethinen Linz

Kulier ist seit 2012 Leiter des Instituts für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Elisabethinen Linz. Der Intensivmediziner schloss 1986 sein Medizinstudium an der Universität Wien ab, es folgte die Ausbildung und Habilitation an der Universitätsklinik für Anästhesie in Graz sowie ein Forschungsaufenthalt am Medical College of Wisconsin. Zwischen 2012 und 2017 absolvierte Kulier einen MBA-Lehrgang für Krankenhausleitung und Gesundheitsmanagement an der Donau-Universität Krems.

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