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Gesundheit
Oberösterreich
16.07.2020

Was bleibt von COVID-19?

Die Zahl der COVID-19 Genesenen steigt. Welche Folgen die Erkrankung mit COVID-19 langfristig haben kann, ist noch schwer abschätzbar. Denn sowohl COVID-19 als auch ein langer Aufenthalt auf der Intensivstation können körperliche Auswirkungen haben.

„COVID-19 sollten wir nicht als eine einzige Erkrankung sehen“, erklärt Peter Hohenauer, Abteilungsleiter Anästhesie und Intensivmedizin des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Ried, „das Spektrum reicht von asymptomatischen Trägern des Coronavirus bis hin zu schwer erkrankten Patientinnen und Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden. Dementsprechend werden auch die längeren Folgen einer Ansteckung unterschiedlich sein.“ 

Asymptomatische Träger, die sich mit SARS-CoV-2 angesteckt haben, aber nicht an COVID-19 erkranken, haben auch keine Schädigungen der Lunge und damit vermutlich keine Folgeerscheinungen, berichtet Hohenauer. PatientInnen mit einer leichten Symptomatik, die in Österreich nicht in ein Spital aufgenommen werden müssen, haben ein geringes Risiko längerfristiger Schädigungen. „Da sie nur einen leichten Krankheitsverlauf hatten, wird COVID-19 bei ihnen wahrscheinlich auch keine schweren Folgewirkungen haben.“ 

Bei schwererkrankten PatientInnen ist das Risiko allerdings höher. „Das Problem sind Schwerkranke, die aufgrund der Erkrankung stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden, sowie Patientinnen und Patienten mit dem schwersten Verlauf, die auf die Intensivstation übernommen werden“, stellt Hohenauer fest. „Durch die Entzündung der Lunge und ein mögliches schweres Lungenversagen kann es Langzeitschäden der Lunge geben.“ 

Langzeitfolgen noch schwer abschätzbar

Allerdings ist es noch schwer, die tatsächlichen Auswirkungen von COVID-19 abzuschätzen, betont Hohenauer. „In Mitteleuropa kennen wir die Erkrankung wissenschaftlich erst seit vier Monaten. In China gibt es ehemals an COVID-19-Erkrankte, die seit fünf Monaten genesen sind, das ist die längste Beobachtungszeit. Wirkliche Langzeitprognosen, wie es Genesenen nach 12 bis 24 Monaten geht, gibt es nicht – wir werden das erst mit der Zeit sehen.“

„Wirkliche Langzeitprognosen, wie es Genesenen nach 12 bis 24 Monaten geht, gibt es nicht – wir werden das erst mit der Zeit sehen“, erklärt Peter Hohenauer.

Trotzdem kann vom Erkrankungsbild auf mögliche mittel- bis langfristige Folgen für COVID-19-Genese geschlossen werden. Zwei Faktoren spielen eine wichtige Rolle, erklärt Hohenauer. „Die Schwere der Erkrankung selbst und die Schwere möglicher Vorerkrankungen beeinflussen die Folgeschäden.“ 

In erster Linie löst COVID-19 Symptome in der Lunge aus, daher sind Beeinträchtigungen der Lunge und der Lungenfunktion möglich. In der extremen Form kann COVID-19 akut zu einem ARDS, einem Acute Respiratory Distress Syndrome, führen, „das ist ein schweres Lungenversagen im Erwachsenenalter“. Hier wird es notwendig, die Erkrankten zu beatmen. „Im Verlauf und in der Literatur sehen wir, dass es günstig ist, Patienten über nasale High-Flow Therapie zu behandeln, und die Intubation und die maschinelle künstliche Beatmung solange wie möglich zu verhindern“, berichtet Hohenauer. „Natürlich, wenn eine maschinelle Beatmung notwendig wird, führen wir sie schonend durch. Aber bei jeder Erkrankung kann maschinelle Beatmung einer kranke Lunge schaden, man spricht vom respirator-assoziierten Lungenschaden.“ 

Auch auf dem Weg der Besserung zeigt das Lungenröntgen noch einen auffälligen Befund der Lunge, viele Genesene seien sauerstoffpflichtig, was mögliche Langzeitschäden der Lunge nahelegt. „Es kann zu einer Versteifung der Lunge kommen, der sogenannten Fibrosierung. Andererseits können Mikroembolien auftreten, Verstopfungen der Blutgefäße, mit langfristigen Risiken wie einer Lungenembolie.“ 

Nicht nur die Lunge leidet unter COVID-19

COVID-19 ist zwar als Lungenkrankheit bekannt, aber das Coronavirus beeinträchtigt und schädigt, möglicherweise längerfristig, auch andere Organe. Bei schwerem Krankheitsverlauf beeinflusst COVID-19 etwa auch die Blutgerinnung. „Wir sehen, dass das Gerinnungssystem gestört ist. Das kann zu Thromboseneigung und kleinen Verstopfungen der Blutgefäße führen“, führt Hohenauer aus. „Langfristig kann es zu Embolien und Durchblutungsstörungen in sämtlichen Organen kommen, vom Gehirn über die Lunge bis hin zu den Nieren.“ 

Diese Störung der Blutgerinnung kann weitreichende Folgen haben. So kann es zu Herzinfarkten kommen, aber auch zu einer Entzündung des Herzmuskels mit eingeschränkter Herzfunktion. Davon sind nicht nur PatientInnen betroffen, bei denen bereits eine Vorerkrankung des Herzens vorliegt. „Bei allen Patienten ist das ein Risiko. Nur je kränker das Herz ist, oder je mehr es durch Bluthochdruck verändert ist, desto schwerer werden die Erscheinungen sein.“ Auch Schlaganfälle und Lungenembolien sind aufgrund der Gerinnungsstörungen möglich. „Diese Risiken bestehen über längere Zeit, daher arbeiten wir während der Erkrankung mit der Blutgerinnung.“ 

Folgen des Intensiv-Aufenthalts werden minimiert

Durchschnittlich werden PatientInnen mit schwerstem COVID-19 Verlauf 14 Tage lang auf der Intensivstation behandelt. Auch das hat Folgen, betont Hohenauer. „Jeder, der einen 14-tägigen Intensivaufenthalt benötigt, braucht danach Rehabilitation. Allein das lange Liegen im Bett schwächt die Muskeln. Gerade für Ältere, die COVID-19 überlebt haben, wäre eine Rehabilitation wichtig, aber das ist derzeit leider nicht möglich.“ 

Ein langer Intensivaufenthalt und eine schwere Erkrankung mit lebensbedrohlichem Verlauf – wie eben COVID-19 – kann auch psychische Folgen haben. „Wir können bei psychischen Folgen noch nicht auf COVID-19 zurückschließen. Aber bei anderen schweren Erkrankungen wird von Symptomen wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung berichtet, das gibt es leider schon.“ Mit begleitenden Maßnahmen auf der Intensivstation versuchen die ÄrztInnen und Pflegekräfte, psychische Folgen zu minimieren. So werden PatientInnen nicht zu tief sediert, man spricht von „wachen Intensivpatienten“. Außerdem führen Pflege und ÄrztInnen ein sogenanntes Intensivtagebuch. „Wir zeichnen auf, was wir für den Patienten gemacht haben, was der Patient erreicht hat. Somit kann der Patient die Zeit, die er verloren hat, nachholen und über die Krankheit lesen. Oft nehmen Patienten Eindrücke aus der Zeit auf der Intensivstation mit. Mit dem Intensivtagebuch gewinnen sie darüber Orientierung.“ 

Um Klarheit über langfristige Folgen von COVID-19 zu gewinnen, wären langfristige Daten wichtig. „Wir haben in Österreich keine verpflichtenden Datenbanken oder Datenerhebung zu Folgewirkungen. Zwar werden manche Kliniken nach 12 bis 24 Monaten die Situation von genesenen Patienten erheben. Aber Deutschland und Skandinavien sind da strukturierter, diese Daten zu den Langzeitfolgen werden wichtig sein.“ 

Text: Sophie Fessl; Bild: depositphotos.com

Peter Hohenauer, Prim. Dr.

Abteilungsleiter Anästhesie und Intensivmedizin des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern Ried

Hohenauer leitet seit September 2013 die Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried. Er studierte an der Medizinischen Universität Innsbruck und absolvierte dann seine Turnusausbildung am Landeskrankenhaus Kirchdorf (OÖ). Dort machte er auch seine Facharztausbildung zum Anästhesisten, Intensivmediziner und Notarzt. 2007 wechselte er an das Landeskrankenhaus Salzburg, wo er unter anderem auch an der PMU und an der Krankenpflegeschule unterrichtete.