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Gesundheit
Oberösterreich
16.05.2022

„Schwierige Situationen erfordern vielleicht Dinge, die nicht sympathisch sind!“

Nach fast eineinhalbjähriger Inexistenz wurde der Oberste Sanitätsrats (OSR), das Beratergremium des Gesundheitsministers, im März 2021 neu konstituiert. Dr.med.univ. Markus Müller, seines Zeichens Rektor der Medizinischen Universität Wien übernahm den Vorsitz. Nach einem Jahr im Amt zieht er nun Bilanz und spricht über Meilensteine, Versäumnisse und Pläne für die Zukunft.

Herr Müller, was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine des Obersten Sanitätsrats in den vergangenen zwölf Monaten?

Markus Müller: Zu Beginn möchte ich den häufigen Minister-Wechsel in den letzten Jahren ansprechen. Der neue OSR wurde unter Minister Rudolf Anschober im März des vergangenen Jahres neu konstituiert. Die Hoffnung damals war, dass Covid bald vorbei sein wird und wir uns anderen Themen widmen können. Nach Minister Anschobers Rücktritt folgte bekanntlich Minister Mückstein. Er war in meiner Amtszeit als Rektor der MedUni Wien in den letzten sieben Jahren der siebente Gesundheitsminister. (Anm. d. Red.: Das Interview fand kurz vor dem Rücktritt von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein statt.) So ein häufiger Wechsel macht die Organisation natürlich schwieriger. Zu den Themen, auf die wir uns nach der Pandemie konzentrieren wollen, gehören unter anderem Kindergesundheit, psychische Gesundheit, Prävention und die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Aber auch eine organisatorische Neugliederung des OSR war ein wesentlicher Punkt. Das Covid-Beratungsgremium von Minister Anschober wurde als Arbeitsgruppe in den OSR eingegliedert. Dadurch wurde das Organigramm des OSR komplexer als bisher. Bis jetzt konnten de facto andere Themen kaum bearbeitet werden, da wir uns immer noch in einer intensiven Phase der Pandemie befinden die aktiv gemanagt werden muss. 

Es gibt unzählige medizinische Bereiche, deren Vertretungen wohl gar nicht alle Platz im OSR hätten. Wie geht man dennoch sicher, dass alle Stimmen gehört werden?

Bei der Neukonstituierung wurde die Vollversammlung des OSR verkleinert. Nun sind nicht mehr alle Sonderfächer im Hauptausschuss vertreten. Spezialgebiete, die zwar immer wieder relevant, aber nicht die ganze Zeit für Themen des OSR intensiv benötigt werden, wurden in einen eigenen Fachausschuss eingegliedert. Es ist dennoch gelungen, möglichst alle Bereiche abzudecken und wir tagen in regelmäßigen Abständen. Der Informationstransfer funktioniert an allen Stellen mittlerweile fließend. Auch zu GECKO, dem Corona-Beratungsgremium der Regierung, wo ebenfalls mehrere OSR-Mitglieder mitarbeiten. 

Sie erwähnen in einem Interview, dass das Gesundheitsministerium durch die Entscheidungen der Vorgängerregierungen bereits lange Zeit geschwächt war. Würden Sie sagen, dass man besser auf die Pandemie vorbereitet gewesen wäre, wenn das Gesundheitsministerium mehr Durchsetzungskraft gehabt hätte?

Es gibt dazu ein passendes Zitat von Benjamin Franklin: “If you‘re failing to prepare, you‘re preparing to fail.” Es war natürlich unglücklich, dass die Pandemie genau zu einem Zeitpunkt ausbrach, als sich eine neue Regierung formierte und es auch keinen OSR gab. Minister Anschober hatte ein Ministerium übernommen, dem es aufgrund von Personalabgängen und Umstrukturierungen in dieser entscheidenden Zeit an Expertise gefehlt hat. Man konnte 2019 nicht damit rechnen, dass das Gesundheits- und Sozialministerium innerhalb kürzester Zeit dermaßen im Zentrum aller Ereignisse stehen würde und auch operativ eine Pandemie bewältigen muss. 

Ähnlich der Klimakrise, gab es auch in Sachen Pandemie bereits seit vielen Jahren ExpertInnen, die auf die drohende Gefahr hinwiesen. Waren Sie überrascht, als es vor zwei Jahren dann soweit war?

Man kann nicht die ganze Zeit in Angst vor einer drohenden Pandemie leben. Aus meiner vorherigen Tätigkeit in der Impfstoffentwicklung wusste ich, dass es in den letzten 20 Jahren schon mehrmals knapp war. Ich denke etwa an SARS 1. Kollegen in Singapur konnten damals eine weite Verbreitung dieses Virus gerade noch mit Quarantänemaßnahmen verhindern. Das war eine erste Warnung. Wir haben diese Bedrohung nur über die Medien erlebt, die asiatischen Länder haben es direkt erfahren und daraus Lehren gezogen. Dann kamen Vogelgrippe H5N1 und Schweinegrippe H1N1. Viren, die plötzlich vom Tier auf den Menschen übergesprungen sind. Dass es nie zu einer dauerhaften Mensch-Mensch-Übertragung kam, war eher ein Glücksfall. „Das wird gar nicht passieren“, meinte viele. Für alle, die sich mit dem Themengebiet beschäftigen, war diese Entwicklung aber nicht allzu überraschend. 

"Man kann nicht die ganze Zeit in Angst vor einer drohenden Pandemie leben."

Eine Stimmung, die vielleicht auch die Medien erzeugt haben …

Es wurde damals eine Stimmung erzeugt, welche die mögliche Bedrohung nicht ernst genommen hat – im Nachhinein gesehen ein Fehler. Die damalige Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat hatte vorsorglich Millionen Schutzmasken für eine drohende Vogelgrippewelle angekauft. Das wurde fälschlicherweise als hysterisch abgetan.

Sie sind Auskunftsperson und Sprecher des Gremiums nach Außen – welche Eigenschaften muss man für diese Aufgabe als Person mitbringen? 

Meine Rolle gibt das Gesetz vor. Und das Gesetz besagt, dass der OSR ein Beratungsgremium des Gesundheitsministeriums ist. Ich bin nicht Regierungsmitglied. Mein griechischer Kollege Sotiris Tsiodras war während der Pandemie beispielsweise jeden Tag im Fernsehen und ist dort zum Gesicht der Pandemiebekämpfung nach außen geworden. In Österreich haben die politischen Entscheidungsträger auch überwiegend selbst kommuniziert. Und das finde ich demokratiepolitisch prinzipiell richtig. Dennoch habe ich persönlich wie auch zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Medizinischen Universität Wien auch unzählige Interviews in den heimischen Medien gegeben. Aber ich wollte meine persönliche mediale Rolle nicht überstrapazieren. 

Sie haben sich damals auch für einen der ersten Impfkampagnen-Spots zur Verfügung gestellt. 

Ja, weil ich persönlich der Meinung bin, dass man das unterstützen muss. Damals, im Herbst 2020 war die Bereitschaft in Österreich sich impfen zu lassen bei unter 20%. Wenn man sich die Impfquote heute ansieht, dann ist das zwar nicht genug, aber im Vergleich ist doch auch viel gelungen. 

Wie ist Ihre Einschätzung: kann man heftige GegnerInnen der Impfung überhaupt noch überzeugen? Helfen TV-Spots, Impflotterien und Co.?

Im Englischen gibt es den Begriff „nudging“, also im wesentlichen psychologische Tricks, mit denen man die Leute dazu überzeugt, etwas zu kaufen oder zu tun. Das ist mir persönlich nicht sympathisch. Medizin ist eine Disziplin, bei der man mit Zwang nicht weiterkommt. Das wird Ihnen jeder Arzt und jede Ärztin bestätigen. Die Pandemie ist nun eine Situation, die über eine übliche Arzt-Patient-Beziehung weit hinausgeht. Denn, wenn jemand beispielsweise keine Chemotherapie will, dann ist es eine rein persönliche Entscheidung. Die Nutzen-Risiko-Abwägung in Sachen Impfung in einer Pandemie liegt aber nicht mehr nur im eigenen Interesse – sie hängt direkt mit der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit zusammen. Ich weiß nicht, wie die Welt aussehen würde, wenn es die Impfung nicht gäbe. Sie minimiert jedenfalls das persönliche Risiko schwer zu erkranken entscheidend. Vor allem zu Beginn der Pandemie kam, neben der Allgemeingefährdung, noch etwas hinzu, was viele Generationen schon lange nicht mehr erlebt haben: dass man als MedizinerIn ein persönliches Gesundheitsrisiko in Kauf nimmt, um jemanden zu behandeln. Das gab es nun wieder zum Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, als es an Schutz vor Infektionskrankheiten für MedizinerInnen gemangelt hat. Im Jahr 2020 starben in Italien 150 Ärzte und Ärztinnen, weil sie ungeschützten Kontakt mit PatientInnen hatten. 

"Ich weiß nicht, wie die Welt aussehen würde, wenn es die Impfung nicht gäbe."

Und dennoch ist die österreichische Impfquote im weltweiten Vergleich recht weit hinten.

Offenbar gibt es in Österreich ein hohes Vertrauen in das Gesundheitssystem. Nehmen wir das Beispiel Brasilien. Hier hat die Regierung de facto nichts gegen die Pandemie getan. Dieses Land hat also gesehen, was das Virus tatsächlich anstellt, wenn es sich unkontrolliert vermehrt. Dort gab es rasch eine Impfquote von 90%, weit mehr als in Österreich. Offenbar kamen die Bürger dort zu dem Schluss: der Staat tut nichts für mich, also muss ich mich selbst um meine Gesundheit kümmern. Und das Naheliegenste ist, sich impfen zu lassen. 

Falls wir die Pandemie wirklich einmal überstanden haben – was ist der erste Schritt des OSR?

Da liegt bereits eine lange Liste mit vielen Herausforderungen vor. Die entscheidende Frage wird sein, wie die Priorisierung aussieht. Was es auch sein wird, Covid und seine Langzeitfolgen werden uns in jedem Fall weiterhin begleiten.

Interview: Jenni Koutni; Foto: Felicitas Matern

Markus Müller, Univ.-Prof. Dr.med.univ.

Rektor der MedUni Wien

Müller ist Professor für innere Medizin und klinische Pharmakologie. Seit 2015 ist er Rektor der Medizinischen Universität Wien, 2018 wurde er auch zum Präsidenten des Obersten Sanitätsrates gewählt. Er hat etwa 200 wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, unter anderem im New England Journal of Medicine.

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