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Gesundheit
Oberösterreich
16.07.2020

„Das Spital der Zukunft ist wandelbar“

Der Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe, Michael Heinisch, fordert im Interview mit der „Presse am Sonntag“ ein Umdenken bei den Spitälern. Sie müssten investieren und flexibler werden, um auf weitere Krisen vorbereitet zu sein.

Um auf einen möglichen Ansturm von COVID-19-Patienten vorbereitet zu sein, haben Österreichs Spitäler ihre Leistungen massiv reduziert, seit Anfang der Woche werden sie schrittweise wieder erhöht. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus der Coronakrise?

Michael Heinisch: Dass wir nicht an die Grenzen unserer Kapazitäten gestoßen sind, ist zum einen der perfekten Zusammenarbeit sämtlicher Partner im Gesundheitssektor zu verdanken – egal ob staatlich oder privat. Und zum anderen der Disziplin der Bevölkerung, die sich auf beeindruckende Weise an die Verhaltensregeln gehalten und gezeigt hat, dass ihr etwas an ihrer und der Gesundheit anderer liegt. Unabhängig davon lautet meine wichtigste Erkenntnis, dass die Krankenhäuser der Zukunft flexibel, adaptionsfähig und wandelbar sein müssen.

Damit nicht jedes Mal ein solcher Kraftakt erforderlich ist, wenn wir es mit einer unbekannten Krankheit zu tun haben oder plötzlich in eine gefährliche Situation geraten?

Genau. Das lässt sich am Beispiel unserer Ordensspitäler schön verdeutlichen. Im Jänner und Februar hatten wir unsere übliche Auslastung von rund 90 Prozent. Im März waren es nur rund 50 Prozent, weil wir vom Krisenstab aufgefordert wurden, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit im Ernstfall ausreichend Intensivbetten und Beatmungsgeräte vorhanden sind. So haben wir 170 Betten für positiv Getestete isoliert, weitere 90 für COVID-19 Intensivpatienten und noch einmal 90, die zwar keine voll ausgerüsteten Intensivbetten sind, auf denen aber künstlich beatmet werden kann. In Oberösterreich wurden darüber hinaus 100 Betten für Verdachtsfälle bereitgestellt, die auch zum Großteil besetzt waren.

Wurden Ihre Betten für positiv Getestete letztlich benötigt?

Glücklicherweise nicht, weil COVID-19-Patienten in Wien laut Krisenplan zunächst nur in vier speziell darauf vorbereiteten Krankenhäusern behandelt wurden – dem Kaiser-Franz-Josef-Spital, Krankenhaus Hietzing, SMZ Ost und Baumgartner Höhe. Erst wenn man die Kapazitäten dort ausgeschöpft hätte, wären unsere Spitäler eingesprungen. Wir müssen aber auch in der Zukunft imstande sein, innerhalb kürzester Zeit Umstrukturierungen vorzunehmen, technisch ebenso wie personell. Inklusive eigener Abteilungen, in denen sich mehrere Einzelzimmer mit spezieller Infrastruktur befinden, die zwar auch im gewöhnlichen Betrieb ihren Zweck erfüllen, die aber im Bedarfsfall rasch und ohne viel Aufwand in Isoliereinheiten umgewandelt werden können. Flexibilität im Nutzen von Strukturen wird der neue Normalzustand sein müssen.

„Flexibilität im Nutzen von Strukturen wird der neue Normalzustand sein müssen.“

Für solche Maßnahmen werden Investitionen in Millionenhöhe erforderlich sein . . .

Ja, aber diese Erkenntnis muss uns als kollektives Wissen unbedingt erhalten bleiben. Spitäler haben ja die Tendenz, starr zu sein. Aber wenn uns die Coronakrise eines gelehrt hat, dann die dringende Notwendigkeit umfangreicher strategischer Reserven. Wer weiß, vielleicht braut sich jetzt gerade irgendwo auf der Welt die nächste Pandemiezusammen, die uns genauso kalt erwischt wie das Coronavirus.

So etwas darf sich eigentlich kein weiteres Mal ereignen, oder?

Dafür müssen wir mit langfristigen und aufeinander abgestimmten Strategien Sorge tragen – und das funktioniert nur mit wandlungsfähigen Krankenhäusern. Mit Strukturen also, die im Regelbetrieb ebenso effizient sind wie in Krisenzeiten. Intensivstationen etwa müssen unbedingt auch für Routinefälle aufrechterhalten werden, damit während einer Krise wie der aktuellen keine sogenannten Kollateralschäden entstehen und Operationen weiterhin durchgeführt werden. Wir werden Reserveräume brauchen, die über Anschlüsse für Beatmung und Überwachung verfügen und jederzeit eine konsequente Trennung infektiöser von nicht infizierten Patienten ermöglichen.

Was muss sich noch ändern? Außer Abteilungen, die schnell isoliert werden können.

Die Größe des Personals, das Kontakt zu einem Patienten hat, beispielsweise. In den vergangenen Monaten stellte sich heraus, dass nach einem positiven Test eines Patienten, der sich ein paar Tage in stationärer Behandlung befand, bis zu 30 Menschen in zweiwöchige Quarantäne geschickt werden mussten, weil sie in Berührung mit diesem Patienten gekommen waren – darunter Schlüsselpersonal. Daraus müssen wir lernen und einige wenige Bezugspersonen für Patienten schaffen, die dafür noch intensiveren Kontakt zu ihnen haben.

Bisher war es ja eher umgekehrt.

Stimmt, Ausdifferenzieren war die Devise. Das muss sich ändern. Kleine Behandlungsteamsdienen ja nicht nur dem Schutz des Personals, sondern sind auch im Sinne der Patienten, die es dann mit weniger Ärzten und Pflegekräften zu tun haben, zu denen sie eine Beziehung aufbauen können.

Fällt Ihnen noch ein Beispiel ein?

Noch viele. So müssen wir etwa dauerhafte Strukturen schaffen, damit Patienten im Fall einer Krise wie der Corona-Epidemie so früh wie möglich in die für sie vorgesehenen Abteilungen gebracht werden – im Idealfall noch bevor sie das Krankenhaus betreten. Wie bei den provisorischen Checkpoints, die unter anderem zur Fieberkontrolle eingeführt wurden. Denkbar wären auch mobile Testteams in Spitälern, die ausrücken und Patienten zu Hause besuchen, um eine erste Anamnese vorzunehmen und zu entscheiden, in welchem Bereich des Gesundheitssystems sie am besten aufgehoben sind. Auch diese Maßnahmen werden ein Umdenken und hohe Investitionen erfordern, aber wie die Alternative aussehen kann, haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt.

Wann wird eigentlich in Ihren Spitälern wieder Normalbetrieb herrschen?

Wir fahren die Kapazitäten sehr behutsam hoch. In der ersten Maihälfte sollten wir 60 Prozent Auslastung haben, im Laufe des Juni werden wir in die Nähe eines Normalbetriebs kommen. Aber damit keine Missverständnisse entstehen: Für Akutfälle sind und waren wir immer da. Das zu betonen ist mir deshalb ein wichtiges Anliegen, weil wir bei den Patienten wegen der Corona-Epidemie eine gewisse Skepsis gegenüber Spitälern beobachten.

Viele meiden Spitäler immer noch . . .

Genau. Wir rufen sie an, um eine verschobene Behandlung oder Operation nachzuholen, aber die Patienten wollen das gar nicht. Sie haben Angst, sich anzustecken. Aber die Angst ist unbegründet. Österreichs Spitäler sind sicher.

Text: Köksal Baltaci ©Die Presse am Sonntag