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Gesundheit
Oberösterreich
16.07.2020

"Großflächige Testungen sind derzeit nicht möglich"

Am Diagnostik-Institut im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried werden täglich bis zu 250 Sars-CoV-2-Tests durchgeführt. Institutsleiter Milo Halabi spricht im Interview über die Schwierigkeit großflächiger Testungen, den Mangel an Laborbedarf und die Tücken von Schnelltests.

„Man kann kein Feuer löschen, wenn man nicht weißt, wo es brennt“, warnte kürzlich WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus. Möglichst großflächig zu testen scheint ein Schlüsselfaktor im Kampf gegen das Coronavirus zu sein. Sehen Sie das auch so?

Milo Halabi: Wahrscheinlich wären großflächige Testungen ideal, weil man auch die asymptomatischen Fälle rasch isolieren und somit die Verbreitung im Keim ersticken kann. In Italien wurde das auch da und dort kleinräumig durchgeführt. Ich habe aber den Eindruck, dass wir in Österreich im Konzert der gesetzten Maßnahmen und der durchgeführten Testungen einen vernünftigen Mix an Instrumenten haben, um einer großflächigen Ausbreitung entgegenzuwirken. Wir haben den Zeitpunkt günstig erwischt, haben frühzeitig mit Testungen begonnen und parallel dazu behördliche Maßnahmen gesetzt. Italien hatte dieses Glück nicht so. Grundsätzlich kann man schon großflächige Testungen verlangen, wenn man sich bewusst ist, was dies für alle beteiligten Personengruppen – die Beprobten, die Probenehmer, die Transporteure, die Labors und die Behörden – bedeutet. Der Test passiert ja nicht von alleine, die Kette großflächig zu gewährleisten, halte ich derzeit für nicht möglich.

Was ist der Hauptgrund dafür?

Eigentlich wurden alle Beteiligten auf dem falschen Fuß erwischt. Die Hersteller kommen erst jetzt in Fahrt und kommen mit der Produktion nicht nach. Die Labors haben grundsätzlich zwar die Kapazitäten, die sie zur Versorgung der jeweiligen Gesundheitseinrichtung brauchen, aber nicht genug Gerätekapazitäten für eine derartige Pandemie. Und es macht sich auch ein wenig bemerkbar, dass in den letzten Jahren der Sparstift da und dort angesetzt wurde. Jetzt schnell Kapazitäten aufzubauen – also Geräte, Personal und Laborräume – geht leider nicht von heute auf morgen.

"Es mangelt an Reagenzien und auch an anderem Laborbedarf", erklärt Milo Halabi, Institutsleiter am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried.

Stimmt es, dass es hauptsächlich an Chemikalien-Nachschub mangelt?

Es mangelt an Reagenzien und auch an anderem Laborbedarf. Man muss sich vorstellen, dass so ein Test ja nicht so funktioniert, dass man eine Probe in ein Gerät steckt und dann kommt hinten ein Ergebnis raus. Die zuverlässigste Methode der Testung ist die sogenannte PCR, die Abkürzung steht für Polymerase Chain-Reaction. Bei dieser Methode wird Erbinformation des gesuchten Erregers isoliert und so lange im Reagenzglas vermehrt, bis man zuverlässig einen Virusnachweis hat. Diese Methode basiert auf mehreren Laborschritten und benötigt unterschiedliche Reagenzien und Plastikware wie Filtertubes, Pipettenspitzen et cetera.Die Anzahl der möglichen Tests, die man durchführen kann, orientiert sich somit immer an der kleinsten Menge der jeweils vorhandenen Reagenzien.

Woher kommen die Reagenzien?

Ganz unterschiedlich, unsere Reagenzien kommen zum Beispiel aus Deutschland, den USA oder Schweden. Da natürlich auch dort getestet wird, kann man sich vorstellen, dass möglicherweise der heimische Markt im Herstellerland bevorzugt wird. Hinzu kommt, dass Lieferketten meist auf die Straße angewiesen sind und die LKWs derzeit nicht ungehindert Landesgrenzen passieren können. Die EU mit dem Dogma des freien Warenverkehrs hat nicht mit einer Pandemie gerechnet.

Gäbe es eine Möglichkeit, die Chemikalien anders zu beschaffen oder in Österreich zu produzieren?

Es wäre natürlich ideal, wenn wir in Österreich produzieren könnten. Es gibt ja auch Firmen, die das machen, leider mangelt es oft an der Produktionskapazität. Zudem funktionieren bestimmte Geräteplattformen nur mit bestimmten Reagenzien, der Austausch ist hier nicht so einfach.

Die beiden Ärzte am Institut für Pathologie in Ried, Dr. Hörmandinger (links) und Dr. Halabi (rechts) mit dem Team der molekularen Diagnostik

Wie sinnvoll sehen Sie den Einsatz von Antikörpertests im Kampf gegen das Coronavirus?

Derzeit gibt es wenig Erfahrung mit den Tests, da die Infektion ja sehr jung ist und kein längerer Beobachtungszeitraum vorhanden ist. Es ist aber so, dass diese Infektion zu einer Antikörperproduktion im menschlichen Körper führt, die auch – zum Beispiel mittels IgG oder IgA – messbar ist. Was dies aber für eine mögliche Langzeitimmunität bedeutet, ist noch zu wenig bekannt. Auf jeden Fall taugen diese sogenannten ELISA-Tests nicht für die akute Diagnostik, da das Immunsystem immer fünf bis zehn Tage nach einer Infektion mit der Antikörperbildung reagiert. Eher würden sie sich dafür eignen, um zum Beispiel in einem Mitarbeiterkollektiv herauszufinden, wer eine Immunität gegen Covid-19 hat und daher im Intensivbereich bei schweren Infektionen eingesetzt werden kann. Während also ein PCR-Test nur eine Momentaufnahme darstellt, zeigt uns ein Antikörpertest die immunologische Situation der getesteten Person.

Wie sieht es da mit der Verfügbarkeit aus?

Diese Tests kommen gerade auf den Markt und werden sicher in den nächsten Monaten gut etabliert sein. Aufpassen muss man nur, was man aus den Ergebnissen ableitet.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die Entwicklung sogenannter Antigen-Tests?

Ich bin leider kein Freund von diesen Schnelltests, da sie einen sehr schlechten negativen Vorhersagewert haben, also nicht mit Sicherheit ein negatives Ergebnis belegen können. Dies wiederum kann dann gerade in der aktuellen Situation zu einer falschen Sicherheit führen und erst recht dazu beitragen, dass sich das Virus ausbreiten kann. Andererseits können solche Tests vielleicht rascher Infizierte nachweisen, weil zeitnaher verfügbar. Es hat eben alles seine Vor- und Nachteile. Aber nur, weil ich kein Freund solcher Tests bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht kommen werden. Ich bin auch kein Freund der Strategie „Masken für alle“ und Sie sehen, was derzeit passiert.

Interview: Gertraud Gerst; Bilder: Institut für Pathologie Ried, Renate Schrattenecker-Fischer

Milo Halabi, Oberarzt Dr.

Leiter des Instituts für Pathologie, Mikrobiologie und molekulare Diagnostik am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried

Halabi ist ausgebildeter Facharzt für klinische Pathologie und Molekularpathologie. Er leitet das Institut für Pathologie, Mikrobiologie und molekulare Diagnostik am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried. Es ist eines von sechs Laboren in Oberösterreich, das Testungen auf Sars-CoV-2 durchführt. Zu den versorgten Bezirken zählen Ried, Schärding und Braunau.