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Gesundheit
Oberösterreich
16.05.2022

"Nicht Druck aufbauen, sondern Ängsten mit Fakten begegnen!"

Ebnen Alternativmedizin und Esoterik den Weg für Verschwörungstheorien und rechte Ideologien? Die Soziologin und Buchautorin Nora Pösl sieht klare Zusammenhänge und warnt vor einer weiter zunehmenden Polarisierung.

Vom Handauflegen zur Hassideologie – ist das nicht eine gewagte These?  

Nora Pösl: Ich behaupte selbstverständlich nicht, dass alle, die Homöopathie oder Alternativmedizin anwenden, gefährdet sind, an Verschwörungstheorien und rechte Ideologien zu glauben. Aber die Forschungsergebnisse zeigen, dass alternative Heilmethoden durchaus als Einstieg in Esoterik, verschwörungstheoretische Erklärungsmodelle und letztlich Hassideologien fungieren können. Der Glaube an alternative Heilverfahren kann in simplifizierende Weltanschauungen münden.

Wie erklären Sie sich das? 

In diesem komplexen und weitläufigen Feld gibt es drei große Gemeinsamkeiten: Skepsis gegenüber der Wissenschaft, Komplexitätsreduktion und ein ausgeprägtes Gut-Böse-Schema. Alternative Heilverfahren sind ja eben dadurch gekennzeichnet, dass sie sich nicht durch wissenschaftliche Methoden beweisen lassen. Ihre Anhänger stellen die evidenzbasierte Medizin in Frage. Das öffnet Tür und Tor für Verschwörungstheorien, etwa dass die Pharmaindustrie den Patientinnen und Patienten bewusst und zum eigenen Vorteil schaden wolle. Die evidenzbasierte Medizin und die Wissenschaft per se werden als Teil der Verschwörung gesehen. Aus der Wissenschaftsfeindlichkeit wird dann nicht selten Demokratiefeindlichkeit.

Sie haben Ihr Buch bereits im Vorjahr veröffentlicht. Hat Corona diese Entwicklungen verstärkt? 

Ganz massiv. Die Prognosen sind leider nur allzu gut eingetroffen. Viele Menschen empfinden die Covid-19-Maßnahmen als Zumutung oder als illegitim, sie sind zutiefst unzufrieden mit ihrer eigenen Situation und ihrer Ohnmacht. Sie suchen nach einfachen Auswegen aus ihrer Eigenverantwortung in der pandemischen Lage. Das führt dazu, dass „Sündenböcke“ verantwortlich gemacht werden, wie Virologinnen und Virologen oder Personen, die auf die Einhaltung der Infektionsschutzmaßnahmen verweisen. Das hat sich immer weiter radikalisiert, zuletzt bis hin zum Mord an einem Tankwart durch einen Maskenverweigerer in Rheinland-Pfalz. Die Proteste der Querdenker und anderer, ähnlicher Bewegungen darf man keinesfalls belächeln. Man muss sie genau beobachten, denn es kann sehr schnell gefährlich werden, wie sich gezeigt hat.

Welche Rolle spielt das Thema Corona-Impfung?

Die Tendenz zu einer De-Facto-Impfpflicht hat ja bereits zu Holocaust-Vergleichen geführt. Wenn jetzt darüber diskutiert wird, Ungeimpfte nicht mehr medizinisch zu behandeln, dann verschärft das den Diskurs weiter. Ich hielte das für einen Fehler der Politik. Nicht jede impfskeptische Person ist bereits radikalisiert. Mit alternativen Heilmethoden beschäftigen sich ja oft nicht Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau, sondern eher Angehörige des Bildungsbürgertums. Allerdings gibt es auch dort rassistische Theorien, inhärent etwa in der Anthroposophie und ganz gezielt in der rechten Esoterik. 

"Nicht jede impfskeptische Person ist bereits radikalisiert."

Wie sollen Menschen im Gesundheitswesen mit dieser Polarisierung umgehen?

Menschen mit einem geschlossenen verschwörungsideologischen Weltbild sind für Argumente nur noch schwer zugänglich. Doch wer zum Hausarzt, zur Fachärztin geht, steckt offensichtlich noch nicht so tief drinnen in einem solchen Weltbild. Diese Menschen haben noch Vertrauen. Daher wäre es wichtig, diese Fragen mit ihnen in Ruhe zu besprechen, erklärend, aber nicht herablassend. Keinen Druck aufbauen, sondern auf Ängste mit Fakten eingehen und statistische Studienergebnisse in Relation setzen. Viele Ängste gehen zurück auf mangelndes Faktenwissen, aber auch auf das Unvermögen, Studienergebnisse und schlichte verschwörungsideologische Behauptungen richtig einzuordnen. Viele Menschen wissen nicht, welche Quellen glaubwürdig sind und welche nicht. Hier lässt sich gezielt ansetzen, beispielsweise indem man auf die Angst vor Unfruchtbarkeit durch die Corona-Impfung mit Studienergebnissen reagiert, die das Gegenteil beweisen. Im Gespräch kann man auch manche Aussagen gleichsam von innen dekonstruieren und auf Widersprüche innerhalb der Verschwörungsideologien hinweisen, so in der Art: Wenn es das Coronavirus gar nicht gibt, wie kann es dann geplant freigelassen worden sein? Zu Antisemitismus und antidemokratischen Tendenzen muss jedoch eine klare Grenze gezogen werden. 

Wird die Polarisierung an Brisanz verlieren, wenn die Pandemie vorüber oder im Griff ist? 

Da bin ich nicht sehr optimistisch. Diese Radikalisierung hat schon früher begonnen, eigentlich mit dem 9/11-Terror vor 20 Jahren, und sie wird nach Corona nicht von selbst wieder aufhören. Sie wird sich stattdessen anderen Themen zuwenden, dem Klimawandel oder der Migration zum Beispiel. Die Polarisierung wird auch von einigen Medien und rechten Akteuren gezielt vorangetrieben. Unserer Gesellschaft kann in ein paar Jahren eine Spaltung drohen, wie wir sie schon heute in den USA sehen.

"Die Polarisierung wird auch von einigen Medien und rechten Akteuren gezielt vorangetrieben."

Was könnten aus Ihrer Sicht Politik und Gesellschaft gegen diese Entwicklungen tun? 

Die Wissenschaftskommunikation muss verstärkt werden, und sie muss verständlich sein. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Leute den gleichen Wissensstand haben – doch genau das passiert leider oft. Es muss vermittelt werden, dass wissenschaftliche Ergebnisse und Erkenntnisse im Fluss sind und sich ändern können, am besten schon in der Schule. Ein entscheidender Faktor ist auch die Medienkompetenz. Es geht darum, Quellen richtig einzuordnen und Propaganda als solche zu erkennen.

Interview: Josef Haslinger; Foto: depositphotos.com

Nora Feline Pösl,

Soziologin und Buchautorin

Pösl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum. Sie hat sich in einer Forschungsarbeit mit den Zusammenhängen von Alternativmedizin, esoterischen Weltanschauungen und Verschwörungstheorien mit rechten Ideologien beschäftigt und zu diesem Thema auch ein Buch verfasst („Von Homöopathie und Handauflegen zur Hassideologie?“, Diplomica Verlag, Hamburg).

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