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Gesundheit
Oberösterreich
16.05.2022

Wo ist der Best Point of Service für Long-Covid-Patienten?

Long Covid fordert das Gesundheitssystem heraus. Symptome wie Atemnot, Herzrasen oder chronische Erschöpfung können manchen Menschen noch Wochen oder Monate nach einer Covid-19-Erkrankung das Leben massiv erschweren, sie teilweise sogar arbeitsunfähig machen. Doch während die Wissenschaft noch versucht, Antworten auf das hochkomplexe neue Krankheitsbild zu finden, braucht es bereits dringend zuverlässige Strukturen, um die Betroffenen medizinisch adäquat aufzufangen. Über die Schwierigkeiten mit den Zuständigkeiten und der Finanzierung sprach Richard Gauss, Leiter der in Wien für die Gesundheits- und Sozialplanung zuständigen Magistratsabteilung 24, mit INGO.  

Vor fast einem Jahr hat der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker gefordert, Long Covid in den langfristigen Reha-Strukturplan einzubinden und Long-Covid-Patienten eine Rehabilitation in geeigneten Kureinrichtungen zu ermöglichen. Was hat sich seitdem getan? 

Richard Gauss: Nicht viel. Meiner Beobachtung nach wird Long Covid immer noch zu wenig als eigenständiges Krankheitsbild wahrgenommen, obwohl es mittlerweile einen ICD-10-Code dafür gibt und sich nach und nach mehr Erkenntnisse dazu herauskristallisieren. Auch in der Schweiz und in Deutschland wird es beispielsweise schon anerkannt. Dass der vorherige Bundesminister Mückstein wiederholt geäußert hat, dass der Wissensstand darüber noch gering sei und man das Ganze noch beobachten müsse, hat sich leider eher als bremsend erwiesen. Denn umgekehrt zeigen die vielen und immer mehr werdenden Betroffenen bereits einen außerordentlich großen Handlungsbedarf. Schätzungen der WHO zufolge leiden zehn bis zwanzig Prozent der von Covid-19 Genesenen an langwierigen Folgeerscheinungen. So gesehen sind die Wartezeiten auf einen Rehabilitationsplatz viel zu lange. Darauf wird von allen möglichen Seiten schon seit Monaten verwiesen. Long Covid ist ein wachsendes Problem, welches das Gesundheitssystem schleunigst anpacken muss.

"Long Covid ist ein wachsendes Problem, welches das Gesundheitssystem schleunigst anpacken muss."

Woran hakt es?

Zuallererst ist es wesentlich, die Zuständigkeiten zu klären. Darüber ist man sich in den Ländern auch weitgehend einig. So haben die Gesundheitsreferenten beschlossen, diesbezüglich die Pensions- und Unfallversicherung zu adressieren, bevor man an die Spitäler herantritt. Schließlich kann man in Akutspitälern keine Langzeitfolgen des Virus wie Long Covid auffangen. Diese behandeln, wie der Name schon sagt, akut Erkrankte. Für Long Covid haben sie weder die Kapazitäten noch sind sie der Best Point of Service dafür. Doch die Zuständigkeiten und auch die Finanzierung sind noch immer nicht zufriedenstellend geregelt. 

Warum wollen die Versicherungen das nicht übernehmen? 

In unseren Gesprächen mit den Versicherungsanstalten bekamen wir zu hören, Covid-19-Langzeitfolgen seien hauptsächlich eine Angelegenheit alter Menschen. Und weil sie sich unterschiedlich äußern, also bei den einen zum Beispiel eher das Herz, bei den anderen die Lunge betreffen, verweisen PVA und AUVA auf ihre Spezialeinrichtungen für die jeweiligen Organsysteme und ihre etablierten Prozesse und sagen, diese würden als Auffangmöglichkeiten schon ausreichen. 

Die Gesundheitsverantwortlichen der Stadt Wien meinen allerdings, Aussagen wie diese verkennen und unterschätzen das Problem. Auch junge Menschen oder Personen mittleren Alters können Long Covid bekommen. Immerhin elf Prozent der an Covid-19 erkrankten Kinder haben später noch Symptome, bei älteren Kindern sind es sogar 15 Prozent. Was ist mit einer darauf spezialisierten Kinder-Reha? Und mit einem größeren Angebot an einer auf das hochkomplexe und facettenreiche Krankheitsbild Long Covid zugeschnittenen Reha für Erwachsene? Mit den steigenden Zahlen an Covid-19-Erkrankten werden wir noch mehr Long-Covid-Patienten bekommen, als wir ohnehin schon haben. Der Haupteinwand der Sozialversicherungen ist allerdings, dass ihnen die Rechtsgrundlage fehlt. Das stimmt natürlich. Sozialversicherungen unterliegen einem verstärkten Legalitätsprinzip und dürfen nur handeln, wenn es ihnen ausdrücklich geboten ist. Hier ist der zuständige Minister in der Ziehung, diese Grundlage zu veranlassen. 

Was wäre abgesehen von einer Verstärkung der Rehabilitationsmöglichkeiten noch wichtig in Zusammenhang mit der Long-Covid-Versorgung?

Long Covid ist bisher nur sehr eingeschränkt als Berufskrankheit anerkannt. Bei manchen Betroffenen gehen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung aber so weit, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Die Anerkennung als Berufskrankheit würde ihnen unter anderem zu Umschulungsmaßnahmen verhelfen oder im Fall des Falles zu einer Berufsunfähigkeitsrente. Es ist nicht einzusehen, dass Menschen, die während der Krise im Dienste der Gesellschaft weitergearbeitet haben, jetzt im Regen stehen gelassen werden, wenn sie an Long Covid erkranken.

"Long Covid ist bisher nur sehr eingeschränkt als Berufskrankheit anerkannt."

Wie sieht es mit der Vergütung von anderen long-covid-bezogenen Gesundheitsleistungen aus?

Im Moment ebenfalls nicht gerade rosig. Aus gutem Grund hat die Ärztekammer im November die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) dazu aufgefordert, in Bezug auf Long Covid notwendige diagnostische Untersuchungen in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Offensichtlich ist man aber immer noch der Meinung, dass diese im Spital vorgenommen werden sollen. Fakt ist, dass die Krankenhäuser ohnehin überlastet sind und man diese Leistungen ohne Weiteres im niedergelassenen Bereich bekommen kann. Außerdem sind Long-Covid-Betroffene entweder keine Spitalspatienten mehr oder das oftmals gar nie gewesen. Es gibt genügend Menschen, die eine Covid-19-Infektion zu Hause auskurieren, vielleicht nicht einmal besonders schlimme Symptome haben und trotzdem Wochen nach ihrer Genesung Long Covid bekommen. Das ist ja hinlänglich bekannt. Es gilt bei Long-Covid-Patienten mit bestimmten Symptomen grundsätzlich einmal abzuklären, ob die Covid-19-Infektion Organschäden wie etwa Lungenfibrose, ein Nierenleiden oder eine Herzschwäche verursacht hat. Erhöhte Messwerte des Laborparameters proBNP geben beispielsweise Aufschluss über die Herzfunktion, diese Untersuchung wird von der Kasse aber nicht bezahlt. Beim Herzultraschall hat die Kasse eine Deckelung von 40 Prozent eingezogen. Lungenfunktionstests sind mit 35 Prozent und Blutgasanalysen mit 30 Prozent der Fälle gedeckelt. Und bei etlichen anderen Untersuchungen, etwa der Nervenleitgeschwindigkeit, ist das nicht viel anders. Es wird höchste Zeit, dass die Notwendigkeit der diagnostischen Abklärung anerkannt wird und die Versicherungen diese entsprechend vergüten. Von der Regierung fordert mein Ressort einen Long-Covid-Plan, der bis ganz hinuntergeht in den niedergelassenen Bereich. Man kann ja nicht sagen, Long Covid existiert nur im Krankenhaus. 

Sind Ihnen auch die psychiatrischen Komorbiditäten von Long Covid ein Anliegen?

Auf jeden Fall. Zu den über 200 Symptomen, die Long Covid zugeordnet werden, zählen beispielsweise auch Panikattacken, Depressionen und vor allem die Fatigue, ein krankhafter Erschöpfungszustand. Für diese Betroffenen hat die Stadt Wien eindeutig zu wenig Ressourcen, das gehört dringend aufgestockt. Wir fordern schon lange mehr Psychiatrie auf Krankenschein, sprich eine leistbare Therapie für alle. In Wien hat die Anzahl der von der Sozialversicherung unter Vertrag genommenen niedergelassenen Psychiater nicht mit der Entwicklung der Stadt Schritt gehalten. Wir haben einen psychosozialen Dienst mit rund 600 Beschäftigten, der kann allerdings unmöglich alles stemmen. Und nun hat sich das schon vor Corona bestehende Kapazitätsproblem im psychiatrischen Bereich noch einmal verstärkt. Zum einen wegen der Long-Covid-Patienten, zum anderen weil es auch im Rest der Bevölkerung viele Menschen gibt, auf die sich die Belastungen der Pandemie psychisch so stark ausgewirkt haben, dass sie einer professionellen Therapie bedürfen. 

Sehen Sie von dieser Ausgangslage aus eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich setze große Hoffnungen auf den neuen Gesundheitsminister Johannes Rauch, weil ich denke, dass er als ehemaliger Sozialarbeiter mehr in den sozialen Themen zu Hause ist als seine Vorgänger. Er hat ja auch gesagt, dass ihm diese ein Anliegen sind.  

Interview: Uschi Sorz, Fotos: MA 24, depositphotos.com

Richard Gauss, SR Mag.

Abteilungsleiter der MA 24

Gauss ist Bereichsleiter der Geschäftsgruppe Soziales, Gesundheit und Sport und Abteilungsleiter der MA 24 – strategische Gesundheitsversorgung der Stadt Wien. Der studierte Volkswirt ist außerdem Vorsitzender des Präsidiums und Kuratoriumsmitglied des Fonds Soziales Wien.

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