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Gesundheit
Oberösterreich
20.10.2021

„Seelsorge kümmert sich um das, was den Patientinnen und Patienten am Herzen liegt“

Wenn Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorger Erkrankten in schweren Momenten Beistand leisten, sich ihren emotionalen Bedürfnissen zuwenden und auch religiöse Rituale ans Krankenbett bringen, stehen menschliche Nähe, Kommunikation und nicht zuletzt Berührung im Vordergrund. Doch wie lässt sich das in Zeiten von Corona aufrechterhalten? Im Gespräch mit INGO erzählt Hermine Harra-Szyhska, Leiterin der Krankenhaus-Seelsorge am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, wie die Pandemie den Berufsalltag ihres Teams verändert hat.

Den Menschen nach dem Betreten des Krankenzimmers ganz selbstverständlich die Hand zu geben, das geht nicht mehr. Stattdessen trägt Hermine Harra-Szyhska FFP2-Maske, auf Covid-Stationen sogar Schutzbrille, Plastikschürze, doppelte Handschuhe. „Für sprechende Berufe ist das sehr einschneidend“, sagt die Seelsorgerin. „Und dabei geht es nicht nur um das Gespräch selbst, sondern auch um den Ausdruck von Emotionen.“ Vieles spiegle sich ja im Gesicht – Anteilnahme, Aufmerksamkeit, die Freundlichkeit eines Lächelns, Ermutigung. Und umgekehrt die Gefühle der Erkrankten: Ist ihnen der Besuch willkommen? Wie geht es ihnen? Was würde ihnen gut tun? Manchmal gelte es auch Unausgesprochenes zu erspüren, um ihrer Anwesenheit die Qualität und Richtung zu geben, die der oder die Betreffende gerade braucht. „Im Gegensatz zur Krankenhauspsychotherapie, die konkrete Behandlungsziele wie etwa Angstbewältigung verfolgt, ist Seelsorge ganz ergebnisoffen. Neben den klassischen religiösen Ritualen geht es hier einfach ums Dasein, Zuhören, eine einfühlsame Geste, eine hilfreiche Handlung. Eben das, was sich aus der individuellen Situation heraus ergibt.“

Das Dilemma der Seelsorge: menschliche Nähe trotz Social Distancing

Vor neun Jahren ist Harra-Szyhska von der Pfarrseelsorge zur Krankenhausseelsorge gewechselt. Seit vier Jahren leitet sie ein achtköpfiges Team am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, das von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern unterstützt wird. Der Umgang mit existenzieller Not ist ein wesentlicher Teil dieser Arbeit und die menschliche Zuwendung umfassend: So gehen die Seelsorgerinnen und Seelsorger regelmäßig auf ihnen zugeordnete Krankenstationen im Haus und in die onkologische Tagesklinik, um ein Gespräch anzubieten, oder sie werden vom Krankenhauspersonal zu bestimmten Personen gerufen. „Auch Menschen, die zu schwach zum Sprechen sind, sind oft froh, wenn jemand einfach nur da ist und ihnen die Hand hält.“ Scheint es ihr notwendig, tut Harra-Szyhska Letzteres auch in Corona-Zeiten. „Aber die Spontaneität ist weg“, erzählt sie. „So etwas muss ich ich mir jetzt natürlich vorher gut überlegen und dann eine Extraportion Hygienemaßnahmen ergreifen.“ Dazu komme, dass es unter der Schutzkleidung sehr heiß sei. „Das kann die Konzentration beeinträchtigen.“ Erschwerte Bedingungen also. „Augenkontakt hilft ein bisschen und wir bemühen uns natürlich trotzdem, die Menschen so gut es geht zu unterstützen.“

"Auch Menschen, die zu schwach zum Sprechen sind, sind oft froh, wenn jemand einfach nur da ist und ihnen die Hand hält."

Welches Gewicht Spiritualität in der seelsorgerischen Begleitung bekommt, hänge vom Patienten ab. „Wir kümmern uns um das, was ihm oder ihr gerade am Herzen liegt.“ In vielen Fällen gehören hier auch ein Gebet und eine Segnung des Erkrankten dazu. Für sakramentale Abläufe wie den Gottesdienst, Beichtgespräche oder die Krankensalbung ist ein Priester im Team zuständig. „Wir haben aber auch Ehrenamtliche, die beispielsweise am Sonntag die Kommunionsfeier abhalten“, so Harra-Szyhska. Eine neue Aufgabe seien im ersten Lockdown mit dem weitgehenden Besuchsverbot auch stellvertretende Krankenbesuche für Angehörige gewesen. „Da haben wir beiden Seiten Nachrichten voneinander überbracht.“ Darüber hinaus sei die Seelsorge selbstverständlich auch für die Spitalsbediensteten da. „Dafür haben wir eine eigene Mitarbeiterin in unserem Team“, berichtet Harra-Szyhska. „Anlässlich der Pandemie hat sich diese mit der Betriebspsychologin zusammengeschlossen, um gemeinsam auf Rundgängen im Haus und auf den Intensivstationen Nachschau zu halten, wie es der Pflege und den Medizinern dort geht.“ 

Die großen Corona-Themen im Spital: Schuldgefühle und Isolation

In den Seelsorgegesprächen habe Corona gewisse Themen deutlich verstärkt, etwa Fragen der Verantwortung. „Gerade Menschen, die in Bezug auf das Virus ohnehin vorsichtig und gegenüber ihren Mitmenschen gewissenhaft sind, werden oft von heftigen Schuldgefühlen geplagt, wenn sie trotzdem Covid-19 bekommen“, hat Harra-Szyhska beobachtet. „Die Angst, andere womöglich angesteckt zu haben, belastet sie sehr.“ Das könne so tief sitzen, dass ein einzelnes Gespräch gar nicht ausreiche, um ihnen zu versichern, dass sie ihr Bestes getan haben, und sie vom Schicksalhaften einer Erkrankung zu überzeugen. „So etwas haben wir nicht in der Hand“, unterstreicht Harra-Szyhska. „Das ist zwar eine grundsätzliche Erfahrung in unserem Beruf, aber mit seiner Virulenz und seinem plötzlichen Auftauchen hat Corona das besonders drastisch gezeigt. Dem stand ja die gesamte Menschheit quasi ohnmächtig gegenüber.“ Anlass zur Hoffnung sieht die Seelsorgerin in dem starken Miteinander und der menschlichen Krisenbewältigungsfähigkeit, die sich parallel entfaltet haben. „Wissenschaft, Experten und unzählige Helfende setzen alles in Bewegung, um gegenzusteuern, und auch bei uns im Krankenhaus gab und gibt es eine überwältigende Solidarität. So sind zum Beispiel pensionierte Pflegemitarbeiterinnen und -mitarbeiter zurückgekommen, um einzuspringen, und alle im Haus unterstützen einander.“ Als Christin fühle sie sich außerdem getragen und gestützt von ihrem Glauben. „Ich bin davon überzeugt, dass Gott in jeder Situation da ist.“ Etwas von dieser Zuversicht und diesem Vertrauen möchte sie den Covid-19-Betroffenen und allen anderen Erkrankten vermitteln. „Ich bemühe mich, ihnen die Gnade Gottes greifbar zu machen.“

Ein anderer hinzugekommener Aspekt sei die übergroße Einsamkeit der Covid-19-Patientinnen und -Patienten im Spital. „Einmal hat mich eine Frau rufen lassen und mich gebeten, ihr etwas von der Welt draußen zu erzählen. Das hat mir die ganze Wucht dieser Isolation vor Augen geführt“, verdeutlicht Harra-Szyhska. „Die Umstände, unter denen diese Menschen krank sind, hat fast etwas von Aussätzigsein.“ Besonders schlimm sei es, wenn keine Angehörigen da seien, um wenigstens virtuell zu kommunizieren oder zu telefonieren. Dies berühre sie sehr, sagt die Seelsorgerin. Außerdem erlebe sie – obwohl die Konfrontation mit Sterben und Tod naturgemäß Bestandteil ihres Alltags ist – bei Corona Abschiede, die sie besonders erschüttern. „Wenn zum Beispiel jemand, der anfangs eigentlich relativ robust gewirkt hat, innerhalb eines Tages rapide verfällt und stirbt, weiß man genauso wenig wie dieser Mensch, was da gerade passiert.“ Da fehlten einem schlicht die Worte und es blieben nur noch die stille Anwesenheit und das Gebet. 

Seelsorge ist Teil eines ganzheitlichen Spitalsbetriebs

Kraft schöpft Harra-Szyshka aus ihrem Berufsethos. „Für kranke Menschen da zu sein ist meine Berufung“, sagt sie mit einem Lächeln. „Und von Anfang an habe ich mir dabei Jesus als Vorbild genommen.“ Seinen Auftrag „Geht und verkündet die Frohe Botschaft und heilt die Kranken“ (Lk 9,6) interpretiere sie für sich eben mit „geht zu den Kranken“. Dies tue sie mit Leib und Seele und es erfülle ihr Leben mit Sinn. „Medizin ist ein Segen und kann Leben retten. Es ist aber wichtig, dass auch Menschen in diesem Hightech-Betrieb arbeiten, die sich ausschließlich den seelischen Bedürfnissen der Erkrankten und der Nächstenliebe widmen. Auf diese Weise hat ein Spital den ganzen Menschen im Blick.“

Text: Uschi Sorz

Hermine Harra-Szyhska,

Krankenhausseelsorgerin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Harra-Szyhska hat die Religionspädagogische Akademie und eine Ausbildung für geistliche Begleitung absolviert und Theologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz studiert. Sie ist Krankenhausseelsorgerin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und Leiterin des dortigen Seelsorge-Teams.