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Gesundheit
Oberösterreich
19.04.2021

Selbsthilfe: Neue Online-Angebote

Damit Selbsthilfe auch in Corona-Zeiten stattfinden kann, unterstützt Anna Hochgerner, Selbsthilfebeauftragte des Ordensklinikums Linz, Selbsthilfegruppen bei der Umsetzung neuer Formate.

Seit 2012 sind die Elisabethinen, seit 2014 auch die Barmherzigen Schwestern als "Selbsthilfefreundliche Krankenhäuser" zertifiziert. Nach der Fusion 2017 erhielt das Ordensklinikum Linz dieses Gütesiegel des Dachverbands Selbsthilfe Oberösterreich. Im „Normalfall“ ist das Ordensklinikum Linz daher ein offenes Haus für Patientengruppen. „Wir stehen in Kontakt mit vielen Selbsthilfegruppen und beheimaten sieben onkologische sowie elf nicht-onkologische Selbsthilfegruppen, denen wir kostenlos Räumlichkeiten im Krankenhaus zur Verfügung stellen“, erzählt Hochgerner. 

Doch durch COVID-19 änderte sich die Situation schlagartig. Aufgrund der Corona-bedingten, strengen Sicherheitsbestimmungen im Gesundheitsbereich können seit März keine persönlichen Selbsthilfegruppen-Treffen im Ordensklinikums Linz stattfinden. Hochgerner begann, mit den Selbsthilfegruppen alternative Angebote zu entwickeln – vorrangig für Krebspatientinnen und -patienten. 

„Wir müssen dieses neuartige Virus ernst nehmen, aber wir dürfen COVID-19 nicht alles unterordnen oder andere Krankheiten aus dem Blick verlieren. Menschen, die Krebs haben, oder mit einer chronischen oder seltenen Erkrankung ihr Leben meistern, haben ganz spezielle Bedürfnisse und Nöte. Sie suchen Information und Austausch, was sie zu den Selbsthilfegruppen führt“, begründet Hochgerner die Einführung neuer Unterstützungsangebote während des Lockdowns.

Online Sprechstunden

Es war naheliegend, von der physischen in die virtuelle Welt auszuweichen. „Wir haben unseren Selbsthilfegruppenleiterinnen und -leitern angeboten, sie bei einem Umstieg auf online zu begleiten. Mit diesen ersten Gehversuchen sind wir sehr zufrieden: acht Treffen haben bereits online stattgefunden, weitere sind in Planung.“ Wichtig sei es dabei, gemeinsam mit den Selbsthilfegruppen und gemäß ihren Wünschen vorzugehen. „Für Selbsthilfe ist ganz viel Engagement von Seite der Patientinnen und Patienten nötig – sonst ist es nicht Selbsthilfe!“, betont Hochgerner. 

Momentan werden Online-Vorträge und Sprechstunden für onkologische PatientInnen zu bestimmten Themen angeboten. „Das Ordensklinikum Linz stellt die Expertinnen und Experten. Ich kümmere mich um die technische Umsetzung und natürlich um die Bewerbung“, erklärt Hochgerner. Manche Vorträge werden aufgezeichnet und über den Selbsthilfe-Newsletter des Ordensklinikums verschickt. Auf der Website des Ordensklinikums bleiben die Vorträge dann länger zugänglich, um dem erhöhten Informationsbedarf gerecht zu werden. „Selbsthilfe ist einerseits der Austausch mit anderen Betroffenen und das Teilen des Erfahrungswissen, andererseits ist es Weiterbildung – viele Patientinnen und Patienten möchten einfach mehr über ihre Erkrankung erfahren. Mit den Vorträgen können sie diesen Bedarf online decken. Ich denke, wir erreichen so viel mehr Betroffene als durch klassische Gruppentreffen. Das ist sicherlich die Zukunft“, erklärt die Selbsthilfebeauftragte. 

Für Austauschrunden stellt das Ordensklinikum den Selbsthilfegruppen einen kostenlosen Zoom-Account zur Verfügung. „Wenn es derzeit schon nicht möglich ist, unsere Seminarräume zu vergeben, können wir zumindest online Infrastruktur anbieten. Ich bin gespannt, wie intensiv dies angenommen wird.“ Manche Selbsthilfegruppen, die sich vor Corona im Ordensklinikum getroffen hatten, veranstalten ihre Treffen nun an alternativen Orten. „Auch das ist, unter Einhaltung aller Vorschriften, zu begrüßen. Und manche Gruppen möchten sich zur Selbsthilfe generell nicht im Krankenhaus treffen – das ist natürlich auch in Ordnung!“ 

Neue Zielgruppen der Selbsthilfe 2.0

Ein weiteres Anliegen von Hochgerner ist, dass die Selbsthilfe-Einladungen an PatientInnen und ihre Angehörigen gerichtet sind. Denn einerseits sind die Angehörigen von der Erkrankung mitbetroffen, andererseits sind sie manchmal das Sprachrohr der PatientInnen. „Wir erleben, dass Angehörige für einen Patienten die Selbsthilfegruppe besuchen, weil der Patient nicht kommen möchte oder nicht kommen kann. Und bei Kindern und Jugendlichen tragen die Eltern die Verantwortung und möchten sich weiterbilden.“ 

Hochgerner hofft, dass irgendwann das Ordensklinikum Linz wieder Gastgeber für die Selbsthilfegruppen sein kann. Gleichzeitig möchte sie aber die online Angebote beibehalten, denn gerade für onkologische PatientInnen sieht sie darin Vorteile. „Im Krankenhaus besteht doch immer Infektionsrisiko und viele, die gerade in Therapie sind, möchten nicht noch für ein Treffen extra ins Krankenhaus fahren.“ Vor allem jüngere PatientInnen holen sich die Informationen im Internet und tauschen sich virtuell aus. „Jetzt werden auch bei etwas älteren Menschen die Berührungsängste abgebaut. Die Selbsthilfe hat durch Corona einen enormen Digitalisierungsschub erhalten, was viele Vorteile bringt und manchmal eine echt gute Alternative ist. Aber für viele Menschen ist, so wie mir mitgeteilt wird, der direkte, persönliche Austausch einfach unersetzlich.“

Hochgerners großes Anliegen ist, dass die Selbsthilfe-Arbeit nicht durch Corona gestoppt wird, sondern sich in der neuen Situation neue Chancen eröffnen. „Viele GruppenleiterInnen kämpfen darum, dass ihre Gruppe nicht ein ‚Corona-Opfer‘ wird. Sie führen, trotz erschwerter Bedingungen aufgrund der Pandemie, ihr Selbsthilfe-Engagement unbeirrt weiter - für KrebspatientInnen und Menschen mit chronischen Erkrankungen. Diese Menschen verdienen unseren größten Respekt und wir sind froh, sie als Ordensklinikum dabei unterstützen zu können. Das ist für uns Selbsthilfe-Freundlichkeit.”

Mehr Informationen unter: www.ordensklinikum.at/selbsthilfeonline

Text: Sophie Fessl; Bild: Wolfgang Lehner

Anna Hochgerner, Mag.

Selbsthilfebeauftragte des Ordensklinikum Linz

Hochgerner ist seit November 2018 Selbsthilfebeauftragte des Ordensklinikum Linz. Die frühere Journalistin (OÖ Rundschau, Kronenzeitung) und Pressesprecherin (Land OÖ) unterstützt die Arbeit von 7 onkologische und 11 nicht-onkologische Selbsthilfegruppen. Privat engagiert sie die zweifache Mutter ehrenamtlich in einem österreichweiten Familiennetzwerk für eine seltene Erkrankung.