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Gesundheit
Oberösterreich
15.01.2021

Die Chancen und Grenzen der COVID-Impfung

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Spitälern und Pflegehäusern sollen als systemrelevante Personen geschützt werden. Der Linzer Krankenhausapotheker Thomas Langebner beantwortet häufig gestellte Fragen zur Corona-Impfung. 

Das Virus SARS-CoV-2 ist noch nicht einmal ein Jahr bekannt, doch die WHO hat Mitte November bereits 212 Impfstoff-Projekte dagegen aufgelistet. Zum selben Zeitpunkt hat das österreichische Gesundheitsministerium sechs Millionen Impfdosen aus einem EU-Kontingent bei drei großen Konzernen bestellt. Politik und Medien rechnen damit, dass noch vor Jahresende diese COVID-Schutzimpfungen für Europa zugelassen werden könnten und sofort in die Verteilung gehen werden. 

Trotz des atemberaubenden Tempos bei der Impfstoffentwicklung blieb die Sicherheit der Impfstoffe immer oberste Priorität. Dr. Thomas Langebner, MBA, leitet die Krankenhausapotheke des Ordensklinikum Linz BHS. Im Interview betont er, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur in punkto Sicherheit bestimmt kein Auge zudrückt.

Gefährdete und systemrelevante Menschen sollen zuerst geimpft werden, dabei ist ausdrücklich immer wieder von Krankenhaus-Mitarbeiter/innen die Rede. Haben Sie Informationen, ab wann Ihre Krankenhaus-Apotheke mit Impfstoffen versorgt werden könnte?

Thomas Langebner: Der Plan für die Impfkampagne wird gerade im Gesundheitsministerium ausgearbeitet. Wenn alles gut läuft, können bereits im Jänner/Februar die Angehörigen bestimmter Risikogruppen, zum Beispiel die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, und die Mitarbeiterinnen in den Gesundheitseinrichtungen geimpft werden.

Die Pharmakonzerne haben verschiedene Impfstoffe entwickelt, einige davon haben gute Chancen, in der EU demnächst zugelassen zu werden. Was für Impfstoffe sind das? 

In Europa werden voraussichtlich drei verschiedene Arten von Impfstoffen und insgesamt sechs, vielleicht auch sieben, verschiedene Präparate zur Anwendung kommen. Wann welcher Impfstoff verfügbar ist, und wer mit welchem Impfstoff geimpft werden kann, lässt sich noch nicht sagen. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der verschiedenen Präparate ist vermutlich ähnlich, aber Genaueres dazu wird man erst in einigen Jahren wissen.

Wie unterscheiden sich diese Impfstoffe?

Da gibt es einerseits sogenannte Subunit-Impfstoffe, die nicht-vermehrungsfähige Virusfragmente enthalten, so wie wir das von den Impfstoffen gegen Hepatitis B kennen. 

Dann Vektor-Impfstoffe, bei denen ungefährliche Viren als „Genfähre“ benützt werden, um bestimmte Teile der Erbinformation des Krankheitserregers in Körperzellen einzuschleusen. Diese produzieren dann eine Zeitlang selbst bestimmte virale Antigene. Man imitiert sozusagen einen Teilprozess des Infektionsgeschehens. Vermehrungsfähige Viren können dabei nicht entstehen, aber das Immunsystem reagiert und schützt uns später vor der Infektion. Der 2019 zugelassene Impfstoff gegen Ebola ist dafür ein Beispiel. 

Eine dritte Gruppe von Impfstoffen enthält virale mRNA, welche die Zellen des menschlichen Körpers ebenfalls – aber durch einen etwas anderen Mechanismus – dazu bringt, eine Zeitlang selbst bestimmte virale Antigene zu produzieren. Derartige Impfstoffe sind bislang noch nicht zugelassen.

Ist diese mRNA-Schutzimpfung mit irgendeiner bisher bekannten Vorsorge oder Therapie vergleichbar?

Es gibt ähnliche Ansätze in der Krebstherapie. Deshalb haben auch manche Firmen, die in der Krebsforschung tätig sind, ihre Programme umgestellt, um zur Bekämpfung der Pandemie beizutragen.

Was ist über die Sicherheit solcher mRNA-Impfstoffe bekannt?

Bei allen neuen Arzneimitteln muss zuerst die Wirksamkeit, die Unbedenklichkeit und die Qualität nachgewiesen werden, bevor die Europäische Arzneimittelbehörde EMA die Zulassung erteilt. Impfstoffstudien sind typischerweise große Studien mit mehreren tausend Probanden, bei den aktuellen Studien mit rRMA-Impfstoffen waren es sogar mehrere Zehntausend Probanden. Daher weiß man über die Wirkungen und Nebenwirkungen der drei Covid-Impfstoffe, für die bereits Phase-III-Daten vorliegen, schon ziemlich gut Bescheid. 

Impfgrafik

Aber langfristige Nebenwirkungen können noch nicht bekannt sein …

Bei allen neuen Arzneimitteln kann es sein, dass man sehr seltene Nebenwirkungen in den Zulassungsstudien noch nicht erkennt. Daher gibt es für Präparate, die neu auf den Markt kommen besondere Überwachungsprogramme.

Ein neuer COVID-Impfstoff muss angeblich bei minus 70 Grad gelagert und transportiert werden. Gibt es in Österreich überhaupt so viele Tiefkühltruhen, dass Unmengen davon fachgerecht gelagert werden können? 

Wenn wir zum Beispiel an die Grippeimpfung denken, dann ist das eigentlich eine einfache Sache: Da gibt es Fertigspritzen, die bei 2–8° im Kühlschrank gelagert werden. Bei einigen COVID-Impfstoffen ist eine Lagerung und ein Transport bei -70° erforderlich. Bei normaler Kühllagerung hält das Präparat dann einige Tage. Daher wird man in den Spitälern keine -80°-Tiefkühler brauchen, wenn das Ganze straff organisiert ist. Bei manchen Präparaten handelt es sich um Trockensubstanzen im Mehrdosenbehältnis, das heißt, vor der Anwendung muss das Pulver erst aufgelöst und die Lösung dann auf Spritzen aufgeteilt werden.

Das klingt nach einer logistischen Herausforderung im Krankenhaus.

Das und vieles mehr macht die Vorbereitung und Abwicklung der COVID-Impfkampagne zu einer großen logistischen Herausforderung. Im Krankenhaus verfügen wir aber über eine ausreichende Zahl kompetenter Mitarbeiterinnen – Ärztinnen, GuKP, Apothekenmitarbeiterinnen –, um unseren Teil der Prozesskette gut abwickeln zu können. Und im Improvisieren, im raschen Finden von Lösungen für neue Herausforderungen, sind wir ja mittlerweile Weltmeister.

"Das und vieles mehr macht die Vorbereitung und Abwicklung der COVID-Impfkampagne zu einer großen logistischen Herausforderung."

Haben Sie Bedenken, einen Impfstoff auszuliefern, der binnen weniger Monate entwickelt worden ist?

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Für die wohlhabenden Länder, die das Glück hatten, viele friedliche Jahrzehnte erleben zu dürfen, ist das die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg. Die Impfstoffentwicklung wird daher mit höchstem Tempo betrieben und die Präparate für die Impfkampagnen werden bereits produziert, während die klinischen Prüfungen noch laufen. Das würde man unter normalen Umständen so nicht machen. Aber in punkto Sicherheit drückt die EMA (Anm: Europäische Arzneimittel-Agentur) bestimmt kein Auge zu.

Die Politik betont immer wieder die Freiwilligkeit und dass es keine Impfpflicht geben wird. Wie war denn heuer das Interesse der Mitarbeiter/-innen an der normalen Grippeimpfung?

Wenn ich mich impfen lasse, schütze ich nicht nur mich, sondern auch meine Familie, meine Arbeitskolleginnen und unsere Patientinnen. Hier im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern haben sich aktuell doppelt so viele Personen gegen Grippe impfen lassen, wie im vergangenen Jahr. Und auch an den anderen Standorten war, wie ich höre, die Nachfrage groß.

Interview: Claudia Schanza