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Gesundheit
Oberösterreich
19.04.2021

Virtuell vor Ort

Mit nur einem Klick mitten im Geschehen: Erstmals präsentierte das Ordensklinikum Linz einen Kongress komplett virtuell. Christian Lampl, Organisator der Fachtagung zum Thema Alternsmedizin, spricht im Interview über die Herausforderungen von Online-Präsenz und dem digitalen Austausch mit einem unsichtbaren Publikum.

Anfang September fand der erste virtuelle Kongress des Ordensklinikum Linz statt. Wann stand für Sie fest, dass aufgrund der COVID-Krise kein physischer Kongress stattfinden kann? 

Christian Lampl: Das zeichnete sich Mitte Juli ab, wir hatten für die Umsetzung des virtuellen Kongresses eine Vorlaufzeit von sechs Wochen.

War der Aufwand größer als sonst? 

Ja, durchaus. Wir konnten nicht sicher sein, dass jeder Vortragende, der ursprünglich zugesagt hatte, auch bereit war, zu kommen, um seinen Vortrag live zu übertragen. Wir haben daher alle Referenten nochmals anschreiben müssen und eine Timeline festgelegt, wann wer dabei sein kann, so dass wir letztendlich einen Live-Kongress auf die Beine stellen konnten. Auch von der psychischen Anspannung her war der Aufwand etwas anders als bei einem Präsenzkongress. Es ist durchaus ein Unterschied, ob ich vor einem physischen Publikum vortrage, oder live in eine Kamera blicke und meine Zuhörer nicht sehe. Natürlich musste ich aufgrund des digital stattfindenden Kongresses auch viele der Vorsitze übernehmen. Es hat dann aber alles gut geklappt und alle Vortragenden aus Österreich und auch aus Deutschland haben uns nicht im Stich gelassen. 

Der technische Aufwand für einen virtuellen Kongress ist auch nicht unerheblich. Lief alles reibungslos?

Die Technik war unglaublich gut. Was hier innerhalb kürzester Zeit in einer modernsten Art und Weise umgesetzt wurde, war absolut bemerkenswert. Über die Chatfunktion konnten wir auch mit unseren Zusehern problemlos kommunizieren. In einer Pause starteten wir einmal eine Rundfrage. Wir wollten wissen, wo sich die Zuseher gerade befinden würden. Hierauf kamen unter anderem auch recht amüsante Antworten, darunter „Ich sitze gerade mit einem Glas Wein auf der Terrasse“ oder „Ich gehe gerade mit meinem Hund im Wald spazieren und bin über mein Smartphone live dabei.“ Diese ortsunabhängige Teilnahme am Kongress hat schon etwas für sich.

"Zukünftig wird es mehr Hybridkongresse geben."

Wenn nun reihenweise Kongresse abgesagt oder verschoben werden, werden die Fortbildungsformate zunehmend ins Digitale verlegt – folgt daraus eine generelle Umstrukturierung, also weg von Präsenzveranstaltungen?

Die aufgrund der COVID-Auflagen gezwungene Virtualität stellt für viele sicherlich eine Erweiterung ihres Portfolios dar. Ich glaube aber nicht, dass die digitalen Vorträge die Präsenzvorträge komplett ablösen werden. Vielmehr wird es zukünftig vermehrt Hybridkongresse geben. Das wäre vor allem auch vorteilhaft für jene Teilnehmer, die physisch an einer Tagung nicht teilnehmen können oder wollen, aber die Vorträge dennoch übers Internet verfolgen möchten. Schließlich ist der Besuch eines Kongresses immer auch eine Frage des Geldes. Hier kommt hinzu, dass die Sponsorentätigkeit der Pharmaindustrie zukünftig abnehmen wird.

Wie wirkt sich das auf die Wirtschaftlichkeit von zukünftigen Kongressen aus?

Diese Frage lässt sich aktuell nicht beantworten. Es geht dabei nicht ausschließlich um die Wirtschaftlichkeit des reinen Kongresses. Da hängt ja viel mehr daran. Allein zu den Radiologie-Kongressen in Wien kommen Tausende Besucher. Davon profitieren normalerweise die Hotellerie, die Gastronomie – ja, selbst für die Fiaker sind die Kongresstouristen ein lukratives Geschäft. Inwieweit sich die Pharmaindustrie zukünftig zurückziehen wird und welche Auswirkung dies infolge haben wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sagen. Hier gilt es die weiteren Entwicklungen abzuwarten. 

"Was fehlt, ist der persönliche Austausch."

Das informelle Networking spielt bei Kongressen eine wesentliche Rolle, also Kollegen treffen und sich über die neuesten Trends in Wissenschaft und Forschung austauschen. Auch das fällt ja eine Weile aus. Wirkt sich das negativ auf die Fortbildungssituation aus?

Meiner Ansicht nach nicht. Man wird ja heutzutage regelrecht überschwemmt mit Webinaren. Jede Firma bietet wirklich zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten Webinare an. Fortbilden kann sich daher jeder auch online. Nach meiner Ansicht wird sich die Qualität der Fortbildungsinhalte deswegen nicht verschlechtern. Was allerdings - wie Sie sagen - wirklich fehlt, ist der persönliche Austausch. Die Interaktion lässt sich virtuell nicht so leicht ersetzen. 

Mitte Oktober wird zum Thema „Onkologie für die Praxis 2020“ der nächste reine Online-Kongress über die Bühne gehen. Haben Sie Tipps für Ihre Kollegen?

Was ich meinen Kollegen auf alle Fälle empfehle, ist zwischen den Webinaren und Vorträgen je nach Informationsgehalt und zeitlicher Ressource längere Pausen einzulegen. Auf den Präsenzkongressen gibt es schließlich auch Mittagspausen von ein bis zwei Stunden. Die Umstellung auf die Virtualität ist auch physisch recht anstrengend. Wenn ich den ganzen Tag in die Kamera blicke und spreche, fehlt mir einfach die Körperaktivität. Aber das wird leider wohl eine Weile so bleiben.

Interview: Rosi Dorudi

Christian Lampl, Prim. Univ.-Prof. Dr.

Leiter der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder und Leiter des Zentrums für integrative Alternsmedizin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Lampl ist Leiter der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder und Leiter des Zentrums für integrative Alternsmedizin am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern, wo er auch stv. Ärztlicher Direktor ist. Lampl promovierte 1990 an der Medizinischen Fakultät Innsbruck. 1997 erhielt er die Facharztanerkennung für Neurologie und Psychiatrie durch die ÖÄK. Danach war er als Oberarzt an der Abteilung für Neurologie und Psychiatrie am AKH Linz tätig, an dem er auch leitender Oberarzt an der Schmerzabteilung und Leiter der Schmerzambulanz war. Lampl ist allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Neurologie und Psychiatrie mit dem Spezialgebiet Schmerztherapie. Er ist zudem Vorstandmitglied der Öst. Schmerzgesellschaft.