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Gesundheit
Oberösterreich
11.02.2021

„Das war ein magischer Moment!“

Werner Lanthaler ist weltweit tätiger Biotech-Manager. Der CEO von Evotec erklärt, warum die Covid-Impfungen so schnell so gut entwickelt werden konnten.

Evotec ist weltweit tätig, beschäftigt Tausende hochkarätige ForscherInnen, etwa in Hamburg, Oxford, Princeton, Seattle und Toulouse, und verfügt über topmoderne Technologien. Die lange Liste der Partner in der Wirkstoffforschung und Pharmaentwicklung liest sich wie das Who is Who der Branche, z.B. BMS, Boehringer Ingelheim, Novartis, Pfizer, Bayer, Roche oder Sanofi. 

An der Spitze dieses Unternehmens steht seit elf Jahren als CEO ein gebürtiger Innviertler, Dr. Werner Lanthaler, 52 Jahre alt. Im Interview erklärt er, warum die Erforschung der Covid-19-Impfstoffe so ungewöhnlich schnell funktioniert hat und auf welchen Aspekt die internationale Gesundheitspolitik nicht vergessen sollte.

Ist Ihr Unternehmen in die Entwicklung von SARS-Covid-19-Medikamenten involviert? 

Werner Lanthaler: Wir stellen als Innovations- und Entwicklungsplattform für viele Unternehmen die Infrastruktur zur Verfügung. Wir sind nicht direkt in die Impfungen involviert, aber in der Optimierung und Produktion von therapeutischen Antikörpern. Und in der globalen Repurposing-Inititative sind wir sehr engagiert. Da nützen fast alle Pharmaunternehmen die Evotec-Plattformen, um die Wirksamkeitsmöglichkeiten bestehender Medikamente bei Covid-19 zu testen. So wie zum Beispiel die Wirkung von Remdesivir getestet wurde, sind in den USA tausende Medikamente gecheckt worden, ob sie bei der Behandlung von Covid-19 helfen. 

Wer war da Ihr Ansprechpartner?

Unser Hauptpartner bei Covid sind die US-Regierung und die Bill und Melinda Gates Foundation. Beide haben uns beauftragt, therapeutische Antikörper auf unserer Plattform zu optimieren und gegebenenfalls zu produzieren. 

Impfskeptiker sind besorgt, weil die Anti-Covid-19-Impfung so schnell zugelassen wurde. Wieso geht etwas ruckzuck, was normalerweise 10 oder 15 Jahre dauert?

Das war ein magischer Moment! Denn zum ersten Mal haben 26 Unternehmen, die in der Virologie forschen und entwickeln, etwas gemeinsam gemacht und die Wettbewerbsbarrieren hintan gestellt. Sie haben das gemeinsame Ziel, die Pandemie zu besiegen und nicht primär ein großes Geschäft zu machen. Deshalb haben wir alle ganz früh angefangen, wesentliche Informationen zu teilen.

Plötzlich keine Konkurrenz? Und das in der Pharmabranche?

Normalerweise machen wir alle isoliert unsere Experimente, und jeder teilt so spät wie möglich seine Informationen. Aber diesmal war das übergeordnete Ziel so hoch, dass es anders gelaufen ist und ein ständiger weltweiter Informationsaustausch stattgefunden hat. 

Die Impfdosen werden bereits zehn Monate nach der Entdeckung des Virus ausgeliefert. Wie läuft Forschung, Zulassung und Produktion gleichzeitig?

Wenn man acht Milliarden Impfstoffdosen schnell ausliefern will, muss man die Produktion bereits hochfahren, während im Labor noch geforscht wird. Aber weil die Wissenschaftler weltweit ihre Ergebnisse veröffentlicht haben, wusste man sehr schnell, dass ein bestimmtes Protein verantwortlich ist und gejagt werden muss. Darum haben wir uns viele Leerläufe erspart. So steigt die Chance, dass man am Richtigen arbeitet.

"Die Formel lautet Eile, nicht Hast."

Die Behörden haben neue Impfstoffe ungewöhnlich schnell zugelassen. Wie bewerten Sie dieses Eiltempo?

Auch Regierungen haben erkannt, wie dringend es ist. Die Formel lautet Eile, nicht Hast. Es gab eine Priorisierung, weil jede Behörde dieses Thema als erstes dran genommen hat. Eine normale Zulassung bei FDA oder EMA dauert bis zu 18 Monate. Bei Covid haben die Pharmaunternehmen laufend ihre Daten vorgelegt und nicht erst, wenn der letzte Patient die Studiendauer absolviert hatte. Die Unterlagen wurden schon laufend bearbeitet. Das war der magische Moment der Zusammenarbeit. Ein Zeichen von Dringlichkeit, nicht Schlampigkeit. 

Viele MitarbeiterInnen in Kranken- und Pflegehäuser sind wegen dieses Tempos besorgt.

Es hat noch nie eine Impfstoffentwicklung gegeben, wo die Bedingungen für das exakte Messen und das Ablaufen der Studie so gut waren wie bei Covid-19. Normalerweise hat man im Double-Blind-Prozess nie so viele Erkrankte und Gesunde nebeneinander. Bei der Tollwutimpfung kann man zum Beispiel nur sehr Wenige prüfen. Bei Covid waren gleichzeitig Tausende in allen Altersgruppen infiziert und daneben sehr viele nicht Infizierte. Deshalb konnte man einen Impfstoff so schnell und sicher untersuchen. Üblich sind bei so einer Studie 1000 bis 3000 Menschen. Mittlerweile haben wir über mehr als 60.000 Menschen Sicherheitsdaten gesammelt, weil so viele infiziert gewesen sind und es so viele Studiencenter gegeben hat. Neben der Impfung sind damit auch die klinischen Entwicklungsbedingungen für Antikörper-Therapien bestens gegeben.

"Die Medizin braucht eine volle Werkzeugkiste: Diagnostik, Impfung und Therapie."

Wann wird die Pandemie an Schrecken verlieren?

Die Medizin braucht eine volle Werkzeugkiste: Diagnostik, Impfung und Therapie. Es ist ein Fehler der Politik, nur über die Impfung zu sprechen. Es war von Anfang an klar, dass wir antivirale und Antikörper-Medikamente brauchen werden, um Erkrankte zu behandeln. Da werden wir hoffentlich in ein paar Quartalen sein. Im Sommer sind wir in vielen westlichen Ländern hoffentlich mit der Impfung durch, die Therapie funktioniert danach hoffentlich auch bald. Die Mortalität muss mit besseren Medikamenten einfach gesenkt werden, aber sie wird viel besser managebar als heute.

Waren die amerikanische Zulassungsbehörde FDA und die europäische EMA unterschiedlich dynamisch?

Sie waren gleich schnell, jede Verherrlichung der Amerikaner oder Verteufelung der Europäischen Union ist nicht angebracht. Dilettantisch läuft allerdings bisher die letzte Meile in Europa. Denn Israel oder Singapur organisieren die Impfungen viel effizienter als die EU.

Wann werden Sie sich impfen lassen? Sie haben als Biotech-Manager ja beste Kontakte.

Ich werde mich mit dem ersten Impfstoff, der für meine Altersgruppe und meinen Gesundheitszustand verfügbar ist, impfen lassen. Ich bin nicht in einem Gesundheitsunternehmen tätig, sondern in der Forschung. Daher bin ich nicht wie Mitarbeitende in einem Krankenhaus exponiert und werde nicht von meinen Kontakten Gebrauch machen.

Interview: Claudia Schanza