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Oberösterreich
21.12.2020

125 Jahre Röntgenstrahlen – Quo vadis, Radiologie?

Im November 1895 entdeckte W. C. Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Primar Manfred Gschwendtner, Vorstand des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Ordensklinikums Linz, blickt auf die Vergangenheit und die Zukunft der Radiologie.

Was am Abend des 8. November 1895 geschah, revolutionierte die Medizin: Der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen experimentierte mit einer Kathodenstrahlröhre, als er bemerkte, dass die Strahlen Materie durchdringen können. Noch 125 Jahre später ist diese erste bildgebende Methode ein wichtiger Pfeiler der Radiologie, betont Primar Manfred Gschwendtner, Vorstand des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Ordensklinikums Linz. „Das Prinzip der Röntgenröhre ist heute noch genau so gültig wie 1895, und auf sie können wir nicht verzichten!“

„Ach, wenn es doch ein Mittel gäbe, den Menschen durchsichtig zu machen wie eine Qualle!“ Diese Worte schrieb der Dichter Ludwig Hopf drei Jahre vor der Entdeckung der Röntgenstrahlen in einem medizinischen Märchen. „Für Röntgen war das wie ein Leitsatz“, erzählt Gschwendtner. Der Grundstein der Radiologie war die legendäre Aufnahme vom 22. Dezember 1895, in der Wilhelm Röntgen die Handknochen seiner Frau Bertha sichtbar machte – inklusive Ehering. Am 23. Jänner 1896 stellte Röntgen schließlich seine Entdeckung erstmals öffentlich vor. „Zum ersten Mal konnte man in den Körper hineinblicken. Bis dahin horchte ein Arzt nur mit einem Hörrohr in den Körper hinein, aber mit Geräuschen allein kann man nicht alles erklären!“ 

Meilenstein Computertomographie

Konnten die ersten Röntgengeräte nur zwischen dichtem und weniger dichtem Gewebe unterscheiden, was die Diagnose von Knochenbrüchen oder Luft im Bauch ermöglichte, so entwickelten sich in den 1920er Jahren die ersten Kontrastmittel zur Füllung von Hohlräumen. Dann wurde die Technik verfeinert. „In den 70er, 80er Jahren schließlich kam die Digitalisierung. Aber es war immer noch ein normales Röntgengerät: eine Röntgenröhre, der Patient, dahinter Filme, später Folien und Detektoren.“ 

„Für uns in der Radiologie war der wahre Meilenstein die Entwicklung der Computertomographie in den 1970er Jahren“, erinnert sich Gschwendtner. Mit der rotierenden Röntgenröhre konnten erstmals Schnittbildaufnahmen und dreidimensionale Bilder erstellt werden. „Als ich vor 35 Jahren in die Radiologie kam, musste ich bis zu einer dreiviertel Stunde warten, bis wir ein Schichtbild bekamen! Und dann bin ich an der CT Konsole gesessen und habe diese Bilder zum Teil noch abfotografiert.“ Schnell entwickelte sich die Technik weiter, mittlerweile können bis zu 640 Schichten gleichzeitig aufgenommen werden, auch eine Aufnahme mit zwei Röhren gleichzeitig ist möglich. „Wir können ein ganzes Herz in einer einzigen Aufnahme abbilden.“

Weitere Tools der Radiologie, mit denen die diagnostischen Möglichkeiten erweitert wurden, sind die Magnetresonanztomographie und der Ultraschall. „In den letzten zehn Jahren kamen noch Kombinationsmethoden zwischen radiologischen und nuklearmedizinischen diagnostischen Verfahren dazu. Mit PET-CT, und ganz neu dem MR-PET, kann nicht nur die Morphologie, sondern auch die Funktion beurteilt werden“, berichtet Gschwendtner. Insbesondere in der Tumordiagnostik und -nachsorge sei das PET-CT entscheidend.

Wandel vom technischen zum klinischen Fach

Mit seiner Entdeckung ermöglichte Röntgen nicht nur eine verbesserte Diagnostik. „In den letzten 35 Jahren sind die Möglichkeiten der interventionellen Radiologie explodiert, sei es mittels konventionellem Röntgen, im CT oder mit dem Ultraschall. Früher nannte man uns ‚akademische Fotografen‘, jetzt sind wir Kliniker.“ Die meisten Interventionen betreffen Gefäße, wie die Dehnung von Engstellen und Gefäßverschlüssen, aber auch das Schienen von Aortenaneurysmen. 

In den letzten Jahren findet die interventionelle Radiologie auch Einzug in der Tumortherapie, „wir sind bei allen Tumorboards dabei, um Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen.“ Diese reichen von intravaskuärer Applikation von Chemotherapeutika; dabei werden zum Beispiel Metastasen in der Leber über die versorgenden Gefäße schonend aufgesucht und lokal therapiert, bis hin zum Verschließen von Gefäßen und dem Verkochen von Tumoren von außen. „Interventionelle Radiologie ist ein praktisch unendliches Feld, uns geht die Arbeit nie aus. Wir sind überall tätig: etwa bei Blutungen nach Unfällen oder Operationen können wir Gefäße verengen und verschließen, ohne chirurgisch den Patienten versorgen zu müssen – wir sind also minimal invasiv tätig. Auch bei gutartigen Veränderungen, wie Uterusmyomen oder gutartiger Prostatavergrößerung, können wir gefäßverschließend eine Therapiealternative zu chirurgischen Verfahren anbieten.“
Bei schmerzgeplagten Patienten bieten sich CT gesteuerte, somit exakteste Möglichkeiten für Wurzelinfiltrationen, aber auch Zementierungen bei Wirbelkörperbrüchen sind minimal invasiv möglich.

Die Zukunft der Radiologie sieht Gschwendtner in der weiteren Digitalisierung. „Robotergesteuerte Verfahren in der Radiologie entwickeln sich immer weiter. Sie ermöglichen ein punktgenaues Arbeiten, schützen uns Behandler aber auch vor der Strahlung.“ Denn wenn RadiologInnen etwa von außen präzise Nadeln in einen Tumorherd einbringen, um diesen mittels Hitze, Kälte oder Mikrowellen zu zerstören, befinden sie sich nahe an der Strahlenquelle. „Computergesteuert treffen wir die Herde außerdem noch genauer.“ 

125 Jahre arbeitet die Medizin nun mit Röntgenstrahlen, in Zukunft wird die radiologische Diagnostik noch mehr von Computern unterstützt werden. „Bei einem CT der Lunge haben wir 500 Bilder am Schirm, bei einem MR 4000 kleine Bilder. Bei so einer Datenmenge kann der Computer vermutlich besser nach Auffälligkeiten screenen. Danach müssen wir aber trotzdem hinschauen und sagen, ob eine Auffälligkeit relevant ist – ganz ersetzt werden wir Radiologinnen und Radiologen also nicht.“ 

Text: Sophie Fessl

Manfred Gschwendtner, Prim. Dr.

Leiter des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Ordensklinikums Linz

Gschwendtner startete Mitte der 1980er-Jahre seine medizinische Karriere am Krankenhaus der Elisabethinen Linz, heute ist er Leiter des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Ordensklinikums Linz. Gschwendtner verfeinerte seine Expertise in den Bereichen der Angiografie und der interventionellen Radiologie während mehrerer wissenschaftlicher Aufenthalte unter anderem in den USA und Frankreich. Als erster Radiologe in Österreich führte er die Stentimplantation in der Carotisarterie und die perkutane Vertebroplastie in die Praxis ein, ebenso führte er die ersten komplexen Aortenschienungen mit Seitästen in Österreich erfolgreich durch.