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Gesundheit
Oberösterreich
28.05.2019

Alexa, die neue Krankenschwester

Die digitale Sprachsteuerung erobert immer mehr den Klinikalltag. An einem US-amerikanischen Krankenhaus werden derzeit Sprachassistenten im Patientenzimmer getestet.

Laut einer aktuellen Umfrage des Gallup Instituts verwendet bereits jeder fünfte Haushalt in Österreich digitale Sprachassistenten wie Alexa, Ok Google oder Siri. Neben verbalen Suchanfragen im Internet werden über Sprachbefehle auch smarte Geräte gesteuert. Damit sich auf Zuruf des Kunden Türen öffnen und Waschmaschinen einschalten, kooperieren die großen Anbieter von smarten Lautsprechern mit den Herstellern von Haushaltsgeräten und Autos. Auch im Gesundheitsbereich stehen zahlreiche Anbieter sprachgesteuerter Systeme bereits in den Startlöchern.

Dokumentation via Sprachsteuerung

Auf einer Tastatur lassen sich durchschnittlich 40 Wörter pro Minute tippen. In derselben Zeit können 150 Wörter gesprochen werden, das ist fast viermal so viel. Dieses einfache Rechenbeispiel zeigt, dass die digitale Sprachsteuerung eine enorme Zeitersparnis bieten kann, die derzeit vor allem in der Dokumentation patientenbezogener Daten genutzt wird.

Mittlerweile gibt es Spracherkennungssysteme, die zuverlässig funktionieren, auch wenn der Sprecher Dialekt spricht, zahlreiche Fachbegriffe verwendet oder Hintergrundgeräusche auftreten. Das Gesprochene wird dabei in Echtzeit in eine digitale Zeichenfolge übertragen und auf dem zentralen Krankenhausserver abgelegt. Dadurch ergeben sich ganz neue Formen der Prozessabläufe. Während in manchen Anstalten Sprachaufnahmen nach wie vor analog von einem Schreibdienst abgetippt werden, sorgt der Generationswechsel bei den Ärzten für eine rasche Digitalisierung.

Alexa schickt Pfleger oder Arzt

In den USA läuft derzeit ein Pilotprojekt, das den Einsatz von Voice Assistants im Krankenhausalltag testet. Im Cedars Sinai Medical Center in Los Angeles wurden über 100 Patientenzimmer mit Smart Speaker ausgestattet, die mit der Alexa-basierten Gesundheitsplattform Aiva verbunden sind. Die Patienten mit eingeschränkter Mobilität können über die Sprachsteuerung Hilfe anfordern. Dabei kann das intelligente System eine Vorauswahl treffen und die Anfrage bereits an die richtige Stelle weiterleiten. Möchte der Patient beispielsweise aufstehen und auf die Toilette gehen, so wird ein diensthabender Vertreter des Pflegepersonals verständigt. Klagt der Patient über Schmerzen, so wird der Anruf direkt an den zuständigen Arzt weitergeleitet.

Neben den gesundheitlichen Anliegen sorgt sich Alexa auch um die Unterhaltung des Patienten. Über Sprachbefehle kann er sich vom Bett aus und ohne Fernbedienung durch das Musik- und Fernsehprogramm zappen. Im Cedars Sinai Medical Center erhofft man sich durch den Einsatz des klinischen Voice Assistants eine bessere medizinische Versorgung der Patienten und eine Entlastung des Personals.

"Was für geschäftige Menschen, die gerade keine freie Hand haben, um ihr Smartphone zu bedienen, eine einfache Erleichterung ist, bietet behinderten Menschen oder beispielsweise auch Intensivpatienten im Krankenhaus enorme Freiheiten", meint Frank Stratmann, Vorstand vom deutschen Bundesverband Internetmedizin e.V.

Die Vorteile von Sprachassistenten im klinischen Alltag liegen auf der Hand. Sei es als Schnittstelle in der Patienten-Kommunikation, sei es, um das Krankenhauspersonal von administrativen Aufgaben freizuspielen. Seit kurzem verfügt Alexa auch über eine Messaging Funktion, was das Diktieren von Nachrichten an festgelegt Kontakte ermöglicht.

Frank Stratmann, Vorstandsmitglied vom deutschen Bundesverband Internetmedizin e.V., sieht darin einen neuen Meilenstein in Sachen Barrierefreiheit. „Was für geschäftige Menschen, die gerade keine freie Hand haben, um ihr Smartphone zu bedienen, eine einfache Erleichterung ist, bietet behinderten Menschen oder beispielsweise auch Intensivpatienten im Krankenhaus enorme Freiheiten. Hier zeichnet sich eine neue Qualität der Barrierefreiheit ab, die mit Sprachassistenten erreicht werden wird“, schreibt Stratmann in einem Blog-Beitrag über Gesundheitsapps.

Amazon hört mit

Amazon hat mit dem smarten Lautsprecher im Patientenzimmer den Gesundheitsmarkt ins Visier genommen. Laut „Wall Street Journal“ ist der Tech-Konzern dabei seinen Mitbewerbern einen Schritt voraus. Demnach soll der Sprachassistent dank neuer Software in der Lage sein, sensible Gesundheitsdaten den gesetzlichen Anforderungen entsprechend zu übermitteln.

Experten aus dem Gesundheits- und Datenschutzbereich sehen eine Koppelung von klinischen Voice Assistants an das Internet höchst kritisch. Schließlich erlaubt es dem Technologiekonzern, möglichst viele Konversationen und Bedürfnisse von Patienten auszuwerten und so neue, passgenaue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ein Testprojekt wie im Cedars Sinai dürfte in Österreich noch länger Zukunftsmusik bleiben. Der Datenschutz schiebt diesen Diensten bei sensiblen Gesundheitsdaten einen Riegel vor.

Text: Gertraud Gerst; Bild: www.depositphotos.com