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Gesundheit
Oberösterreich
22.03.2022

"Die regenerative Medizin hat eine große Zukunft!"

Als junger Medizinstudent absolvierte Josef Penninger im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried seine ersten Praktika. Als Wissenschaftler von Weltrang besuchte er das Haus nun erneut und gab dabei Einblick in seine Arbeit und seine Vision.

Was verbindet einen der weltweit führenden Genetiker mit dem Rieder Krankenhaus?

Josef Penninger: Ich habe hier famuliert, auf der Internen Abteilung. Schließlich bin ich nur wenige Kilometer von hier aufgewachsen und habe das Gymnasium in Ried besucht. Die Famulatur ist allerdings 35 Jahre her, und das Krankenhaus hat sich seither enorm verändert und weiterentwickelt.

Wussten Sie schon damals, dass Ihr Weg in die Wissenschaft führen würde?

Tatsächlich bin ich eher zufällig in die Forschung geraten, zuerst an der Uni in Innsbruck und dann als Post-Doc in Kanada. Seit damals beschäftigt mich im Grunde die gleiche Frage: Wie entstehen Krankheiten, und wie kann man das verhindern? Bei der Entdeckung von molekularen Schaltern beteiligt zu sein, mit denen das gelingt, war einer der ersten Höhepunkte für mich als Forscher.

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Mit ACE2 haben Sie vor über 20 Jahren ein Protein entdeckt, das in der Corona-Pandemie plötzlich weltberühmt wurde. 

ACE2 ist der Rezeptor, sozusagen die Tür, an dem das SARS-CoV-2-Virus andockt, um ins Zellinnere zu gelangen. Er kommt im Nasen- und Rachenraum vor, aber auch in Lunge, Herz, Nieren und anderen Organen. Wenn dieser Rezeptor für das Virus nicht erreichbar ist, gibt es auch keine Infektion. Auf dieser Grundlage arbeiten wir an einem Medikament, um das Virus auszutricksen. APN1 ist ACE2 in löslicher Form. Damit gaukeln wir dem Virus vor, dass es eine Unzahl solcher Türen gibt. Die führen aber nicht in die Zelle. Das ist ein sinnvoller Ansatz, weil er auch gegen alle mutierten Virusvarianten wirkt. Denn ACE2 selbst kann nicht mutieren. Das Medikament kann durch Inhalation angewendet werden, es befindet sich derzeit in einer klinischen Studie.

Wird die Omikron-Variante nicht ohnehin dazu führen, dass die COVID-19-Pandemie in absehbarer Zeit vorbei ist?

COVID-19 ist nicht harmlos, es ist eine multiple Erkrankung. Das sollte man nicht kleinreden, und man sollte sich durch die Impfung vor schweren Verläufen schützen, denn die Krankheit ist schwer zu therapieren. Generell haben Mutationen die Tendenz, das Virus abzuschwächen: Es will die Leute ja nicht umbringen, sondern möglichst viele infizieren. Es wird weitere Varianten geben, aber es ist klar, dass COVID-19 endemisch wird. Wir werden damit leben müssen wie mit anderen Erkrankungen, die auch durch Rhinoviren verursacht werden.  

"Es wird weitere Varianten geben, aber es ist klar, dass COVID-19 endemisch wird."

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschungsarbeit aktuell noch?

Da gibt es viele Themen, nur ein Beispiel: Wir untersuchen, was auf Bohrköpfen aus der Bergbauindustrie aus 2000 Meter Tiefe an die Oberfläche kommt, um zu erfahren, welche Mikroorganismen dort leben und was man damit anfangen könnte. Wir versuchen auch, viele Fragestellungen sozusagen von der anderen Seite zu betrachten: Wir suchen beispielsweise nicht Gene, die dafür verantwortlich sind, dass Menschen dick werden – sondern jene, die kontrollieren, dass jemand dünn bleibt. Das lässt sich auf viele Bereiche übertragen. Nicht zuletzt arbeiten wir an der Vision, menschliches Gewebe aus Stammzellen zunehmend transplantierbar zu machen. Wir studieren fundamentale Mechanismen für das tissue engineering.

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Bedeutet das, ganze Organe zu züchten?

Heute lassen sich aus Stammzellen nur einfache Strukturen wie etwa Blutgefäße ziehen. Bis man damit komplexe Organe wie Nieren oder Herzen herstellen kann, wird es noch eine ganze Weile dauern. Da sind wir noch weit weg. Es wird auch nicht möglich sein, für jeden Menschen individuelle Gewebe zu produzieren, sondern eher bestimmte Gewebslinien, sagen wir fünf bis sechs für ganz Europa. Grundsätzlich hat die regenerative Medizin eine große Zukunft. Das bedeutet übrigens nicht, dass es keine Operationen mehr geben wird: Auch das gesunde Gewebe muss jemand implantieren können.

Werden solche Behandlungen hochspezialisierten Zentren vorbehalten bleiben oder auch in peripheren Spitälern möglich sein?

Das passiert schon heute, auch in Krankenhäusern wie hier in Ried. Es ist faszinierend, wie schnell diese Entwicklungen in den Spitälern ankommen. Die Grundlagenforschung war noch nie so nahe an der Medizin wie jetzt

"Vielen ist nicht klar, dass Wohlstand und Fortschritt von Wissenschaft getrieben werden."

Die Wissenschaftsskepsis ist – nicht zuletzt wegen Corona – deutlich gewachsen. Besorgt Sie das?

Corona hat in diesem Bereich tatsächlich fundamentale Änderungen gebracht. Vieles wird nicht mehr rational diskutiert, sondern gleichsam religiös. Ich habe dafür nicht wirklich eine Lösung, außer den Ansatz, schon den Kindern die Wissenschaft näherzubringen. In Nordamerika ist die Situation allerdings ein wenig anders, das habe ich selbst erlebt: Wenn man in Kanada wissenschaftliche Erfolge erzielt, heißt es in den sozialen Medien „Great!“, in Österreich dagegen viel zu oft: „So ein Schmarrn!“ Vielen ist nicht klar, dass Wohlstand und Fortschritt von Wissenschaft getrieben werden. Länder, die wissenschaftliche Talente fördern, sind vorn – so erstaunlich einfach ist das.

Interview: Josef Haslinger

Josef Penninger, Prof. Dr.

Direktor am Life Sciences Institute der University of British Columbia

Penninger (57) stammt aus Gurten (OÖ), hat in Ried maturiert und in Innsbruck Medizin studiert. Nach der Promotion zog es ihn nach Kanada, wo er als Forschungsleiter am Amgen Research Institute und als Professor an der University of Toronto tätig war. Ab 2002 baute der Innviertler als Wissenschaftlicher Direktor das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien auf. Seit 2018 ist er Direktor am Life Sciences Institute der University of British Columbia in Vancouver. Sein Forschungsschwerpunkt sind genetische Ursachen von Krankheiten. Josef Penninger ist Träger zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen, darunter der Wittgenstein-Preis, der Karl-Landsteiner-Preis und die Wahl zu Österreichs Wissenschaftler des Jahres. Bereits mehrfach zählte der Genetiker im Jahresranking der weltweit meistzitierten Forscher zu den Top 10.

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