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Oberösterreich
06.02.2024

„Computer, wann werde ich sterben?“

Forschende aus Dänemark haben eine Künstliche Intelligenz entwickelt, die Aspekte des menschlichen Lebens vorhersagen kann – einschließlich des Zeitpunkts, wann jemand sterben könnte.

Wollen Sie wissen, wie lange Sie leben werden? Oder genauer: Wollen Sie wissen, wann Sie wahrscheinlich sterben werden? Falls ja, werden Sie das wohl schon bald in Erfahrung bringen können. Wissenschaftler*innen in Dänemark haben nämlich nun mit einer Künstlichen Intelligenz experimentiert, die verschiedene Aspekte des individuellen menschlichen Lebens voraussagen kann – unter anderem eben die voraussichtliche Lebensdauer. Und die Ergebnisse sind durchaus verblüffend …

Sechs Millionen Datensätze

Die dänische Forschungsgruppe unter der Leitung von Universitätsprofessor Sune Lehmann veröffentlichte die Ergebnisse ihres Projekts im vergangenen Dezember im Fachmagazin „Nature Computational Science“. Demnach wurde ein sogenanntes Transformer Modell entwickelt, ein auf maschinellem Lernen basierender Algorithmus namens life2vec, der in der Lage ist, auch komplexe Datensätze sinnerfassend zu lesen und zu verarbeiten.  

Der Künstlichen Intelligenz war es demnach möglich, Sätze wie „Im September 2012 erhielt Francisco zwanzigtausend Dänische Kronen als Wache auf einem Schloss in Helsingör“ oder „Während ihres dritten Jahres im weiterführenden Internat besuchte Hermine fünf Wahlfächer“ zu verstehen und diese Ereignisse in passenden Kontext zu der Analyse zu bringen. Life2vec lernte aus diesen Daten, so Sune Lehmann, und konnte Vorhersagen über bestimmte Aspekte des Lebens der Menschen treffen, darunter auch darüber, wie sie sich künftig verhalten könnten und schließlich sogar, ob die Person in den nächsten Jahren sterben könnte.

Ausgewertet wurden dafür – unter strengen Auflagen – die Daten von rund sechs Millionen Däninnen und Dänen, darunter Wohnort, Ausbildung, Einkommen, Beruf, empfangene Sozialleistungen sowie die Gesundheitsdaten wie Arztbesuche und etwaige Diagnosen. Mit diesen Daten „können wir jede Art von Vorhersage treffen“, meint Lehmann, der an der Technischen Universität Dänemark als Professor für Complexity & Network Science tätig ist. Der Datensatz umfasste dabei die Jahre 2008 bis 2020, allerdings konzentrierte man sich auf den Zeitraum 2008 bis 2015 sowie auf die 2,3 Millionen Menschen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren.

"Mit den vorhandenen Daten können wir jede Vorhersage treffen", meint Projektleiter Sune Lehmann.

Diese Altersgruppe wurde ausgewählt, weil darin die Sterblichkeit schwieriger vorherzusagen sei, erklärte Sune Lehmann. Die zeitliche Einschränkung wiederum nahm man vor, um die Ergebnisse der Vorhersage tatsächlich überprüfen zu können, weil man so bis 2020 noch auf weitere vier Jahre Informationen zurückgreifen konnte. Die Wissenschaftler*innen wählten schließlich eine Gruppe von 100.000 Personen aus, von denen sie aufgrund der Daten wusste, dass die Hälfte nach 2015 verstorben war. Der Algorithmus jedoch wurde mit dieser Information nicht gefüttert. 

Auf diese Art konnte man feststellen, ob die Künstliche Intelligenz korrekte Vorhersagen traf. Die Ergebnisse waren laut der Projektleiterin beeindruckend: Der Algorithmus lag in 78 Prozent der Fälle richtig. Life2vec übertraf mit dieser Trefferquote andere hochmoderne Modelle um mindestens 11 Prozent, heißt es in dem Bericht.

"Bedrohlich und verrückt"

Wenig überraschend: Bei Männern ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben höher, zudem führen Tätigkeiten als Facharbeiter oder psychische Erkrankungen wie Depression ebenfalls zu einem früheren Tod. Eine Führungsposition oder ein hohes Einkommen wiederum ließ die Menschen hingegen oft „überleben“. Die Forschenden hatten jedoch mehrere Einschränkungen, wie sie selbst im Ergebnisbericht anmerkten: So wurden lediglich Daten über einen Zeitraum von acht Jahren untersucht; zudem konnte es zu soziodemografischen Verzerrungen kommen: „Wenn jemand beispielsweise kein Gehalt bezieht oder sich entscheidet, nicht im Gesundheitssystem erfasst zu werden, haben wir keinen Zugriff auf seine Daten“, heißt es. Die Studie sei überdies in einem wohlhabenden Land durchgeführt worden, das über eine starke Infrastruktur und ein solides Gesundheitswesen verfüge. Es sei daher unklar, ob die Ergebnisse von life2vec angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unterschiede auf andere Länder – wie beispielsweise die Vereinigten Staaten – übertragen werden könne. 

Er wisse, dass der Algorithmus „bedrohlich und verrückt klingt“, so Sune Lehmann abschließend. Aber nicht nur in Dänemark werde an derartigen KI gearbeitet; insbesondere von Versicherungsunternehmen werde die Forschung vorangetrieben. Expert*innen gehen weiters davon aus, dass bereits in fünf Jahren noch genauere Vorhersagemodelle auf den Markt kommen werden. Neben dem Unbehagen, die derartige Berechnungen mit sich bringen, kommt allerdings auch ein positiver Aspekt zum Tragen: Anhand der Daten können wir sehen, was wir tun können, um unser Leben zu verlängern. Wahrscheinlich.

Text: Michi Reichelt; Foto: Unsplash

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