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Gesundheit
Oberösterreich
30.11.2022

„Das Interesse am Modell Primärversorgungseinheit wächst!“

Sechs Primärversorgungseinheiten (PVE) arbeiten mittlerweile in Oberösterreich – nach den ursprünglichen Plänen sollten es bereits doppelt so viele sein. Albert Maringer, Vorsitzender im Landesstellenausschuss der ÖGK, hätte mehr Dynamik in der Entwicklung erwartet. PVE sieht er nach wie vor als ein Modell mit Zukunft und großem Potenzial.

Wie viele Primärversorgungseinheiten gibt es aktuell in Oberösterreich, wie viele sollten es laut den ursprünglichen Planungen sein?

Albert Maringer: Derzeit sind in Oberösterreich sechs PVE in Betrieb. Nach Enns, Marchtrenk, Haslach, Sierning-Neuzeug, Linz und Ried sollen Anfang 2022 zwei weitere PVE eröffnen. Darüber hinaus gibt es konkrete Gespräche mit weiteren Standorten. Das für Ende 2021 formulierte gemeinsame Ziel von 13 PVE im ganzen Bundesland erreichen wir nicht. Dabei steigt aktuell das Interesse, und wir verfolgen das Ziel, bis 2025 insgesamt 25 PVE in Oberösterreich zu etablieren.

Ist diese Entwicklung aus Ihrer Sicht zufriedenstellend?

Natürlich hätten wir uns, nachdem die ersten vier PVE innerhalb von eineinhalb Jahren gestartet sind, mehr Dynamik erwartet. Nun sind die ersten Evaluationsergebnisse sehr gut. Sie bestätigen das große Potenzial für Patientinnen und Patienten, Gesundheitsberufe und Systemsteuerung. 

Lässt sich damit dem Hausärztemangel vor allem im ländlichen Raum ausreichend gegensteuern?

Das Modell bietet in Form von Zentren und Netzwerken sowohl für den urbanen, den kleinstädtischen und auch den ländlichen Raum Möglichkeiten. Wir sehen, dass Ärztinnen und Ärzte die Arbeitsbedingungen in einer PVE sehr schätzen. Das macht PVE zu einem wichtigen Baustein zur langfristigen Sicherung der hausärztlichen Versorgung. 

Eine wesentliche Zielsetzung der „neuen Primärversorgung“ war es auch, den Spitalsbereich zu entlasten. Wird dieses Ziel dort, wo es bereits PVE gibt, erreicht? 

Erste Evaluationsergebnisse weisen in diese Richtung. Das stimmt uns optimistisch, dass ein weiterer Ausbau der PVE mit ihren längeren Öffnungszeiten und ihrem erweiterten Leistungsspektrum zu einer Entlastung der Spitäler führen wird.

Was sind für Sie die wichtigsten Erfahrungen aus dem bisherigen Betrieb der PVE, gibt es Optimierungsbedarf?

Die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe in einer gemeinsamen Einheit ist ein großer Vorteil für alle Beteiligten. Damit diese gut gelingt, gibt es Unterstützung bei der Team- und Organisationsentwicklung. Dass die Ärzte als Eigentümer einer PVE durch ein PV-Management bei Koordination und Administration dauerhaft entlastet werden können, ist ein wichtiger Schritt.

"Die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe in einer gemeinsamen Einheit ist ein großer Vorteil für alle Beteiligten."

Welche Organisationsstruktur wird bisher bevorzugt – Netzwerk, Gruppenpraxis, Gesundheitszentrum?

Aktuell sind die meisten PVE in Oberösterreich Zentren. In Ried-Neuhofen gibt es ein Zentrum mit einer Netzwerk-Ordination. 

Welche Rahmenbedingungen und Vereinbarungen müssten geändert werden, damit mehr PVE gegründet werden?

Für die Gründung einer PVE braucht es ein stabiles ärztliches Team, das drei bestehende bzw. freie Hausarztstellen abdeckt, eine geeignete Immobilie, ein Projektmanagement und das Einvernehmen der Partner ÖGK, Land und Ärztekammer. Das ist natürlich aufwändig, dient aber dem verantwortungsvollen Einsatz von Beitrags- und Steuergeldern und dem kollegialen Gefüge innerhalb der Ärzteschaft.

Bewährt sich die Finanzierung von PVE laut 15a-Vereinbarung, also aus Mitteln der Sozialversicherung und des Landes OÖ? 

Ja. PVE entsprechen den gemeinsamen Zielen, umfassen Leistungen aus der Verantwortung beider Systempartner und sind ein Beitrag zur Lösung gemeinsamer Herausforderungen. Daher sind einvernehmliche Planung und gemeinsame Finanzierung sinnvoll.

Welche Summen sind dafür in Oberösterreich derzeit veranschlagt, für Anschubfinanzierungen, ärztliche Honorare und nicht-ärztliche Leistungen?

Zur Gründung einer PVE gibt es eine Anschubfinanzierung in Höhe von 20.000 Euro je vollzeitäquivalenter Arztstelle sowie die Finanzierung des Projektmanagements in der Gründungsphase.  Die ärztlichen Honorare orientieren sich am bisherigen Arzteinkommen bzw. den Umsätzen der Einzel- und Gruppenpraxen. Für die Finanzierung der nicht-ärztlichen Leistungen und der Infrastruktur fließen Ansätze für qualifiziertes und erfahrenes Gesundheitspersonal, für eine solide und qualitätsvolle Ausstattung und ortsübliche Mieten in das Budget ein. Dazu kommt die Finanzierung des PV-Managements als kaufmännisch-administrative Fachkraft im laufenden Betrieb.

Ist die Finanzierung nachhaltig gesichert?

Ja.

Zusammenfassend: Hat das Modell PVE Zukunft?

Ja. Es ist eine neue und attraktive Organisationsform neben den bewährten Einrichtungen der medizinischen Primärversorgung.

Interview: Josef Haslinger; Fotos: depositphotos.com

Glossar: PVE, PVZ, PVN – was ist was?

PVE (Primärversorgungseinheit) ist ein Zusammenschluss von mindestens drei Vertragsarztstellen für Allgemeinmedizin. Neben dem Kernteam aus Ärztinnen bzw. Ärzten, DGKP und Ordinationsassistenz gibt es ein erweitertes Team aus verschiedenen Gesundheits- und Sozialberufen (Physiotherapie, Psychotherapie, Diätologie, Sozialarbeit sowie bei Bedarf auch Ergotherapie, Logopädie, Hebamme). Auch eine Facharztstelle für Kinder- und Jugendheilkunde kann in eine PVE eingebunden werden. Darüber hinaus sind PVE auch ärztliche Lehrpraxen für angehende Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner. Eine PVE kann als Zentrum (PVZ) oder als Netzwerk (PVN) organisiert sein.

PVZ (Primärversorgungszentrum): Die meisten PVE arbeiten an einer gemeinsamen Adresse in einem Zentrum. Das heißt, alle Gesundheitsberufe arbeiten unter einem Dach. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das neben der engen Abstimmung innerhalb des Teams aus Gesundheitsberufen auch kurze Wege.

PVN (Primärversorgungsnetzwerk): Dabei arbeitet das Team an zwei oder mehreren Standorten in einem Umfeld von bis zu 10 km. Auf diese Weise können Landgemeinden von den Vorteilen einer multiprofessionellen, eng abgestimmten Primärversorgung profitieren.

Albert Maringer,

Vorsitzender im Landesstellenausschuss der ÖGK

Maringer ist seit vielen Jahren als Funktionär im Bereich der Sozialversicherung tätig. Der gelernte Stahlbauschlosser und voestalpine-Betriebsrat war ab 2008 Obmann-Stellvertreter und ab 2013 Obmann der OÖ. Gebietskrankenkasse. Aktuell ist der 47-Jährige Vorsitzender des Landesstellenausschusses der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) sowie Mitglied der OÖ. Gesundheitsplattform und der Landes-Zielsteuerungskommission, jeweils im halbjährlichen Wechsel mit Michael Pecherstorfer.

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