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Gesundheit
Oberösterreich
12.03.2024

„Jeder Patient sollte zuerst bei 1450 anrufen“

Eine aktuelle Studie der Wirtschaftskammer Wien beziffert das Einsparungspotentiel im Gesundheitssystem durch die Verlagerung von Behandlungen vom ambulanten Spitalsbereich in den niedergelassenen Bereich auf jährlich 2,4 Milliarden Euro. Alexander Biach, Wiener Standortanwalt und stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Wien, will diese Summe in den Bau von Ärztezentren, Digitalisierungsmaßnahmen, Medizintechnik und die Stärkung der Prävention fließen lassen.

Die Studie „Die Lenkung von Patientenströmen – volkswirtschaftlicher Nutzen“ stellt der Gesundheit der Österreicherinnen und Österreicher keinen wirklich erfreulichen Befund aus. Nur 58,75 gesunde Lebensjahre weist die Statistik der Bevölkerung aus. In Deutschland sind es 65,75 Jahre, in Schweden sogar 72,75 Jahre. Entsprechend hoch sind die absoluten Gesundheitsausgaben in Österreich, die sich im Jahr 2022 auf insgesamt 50,8 Milliarden Euro belaufen haben. Während in den Spitälern die Aufenthaltstage der stationären Patienten seit Jahren deutlich rückläufig sind - von 14 Millionen Belagstagen im Jahr 2011 auf 10,7 Millionen Belagstage im Jahr 2021 – ist die Zahl der Frequenzen in den Spitalsambulanzen mit rund 18 Millionen pro Jahr unverändert hoch.

Laut dieser Studie könnten österreichweit jährlich rund 2,4 Milliarden Euro durch die Verlagerung vom ambulanten Spitalsbereich in den niedergelassenen Bereich eingespart werden. Warum wird das nicht gemacht?

Alexander Biach: Einerseits gibt es natürlich ein paar sich selbst beschränkende Maßnahmen, vor allem den Selbsterhaltungstrieb mancher Stationen in den Krankenhäusern. Denn niemand möchte den Status eines gut aufgestellten Krankenhauses verlieren. In dieser Studie geht es aber vor allem darum, dass sehr viele Patienten automatisch in die Ambulanzen gehen. Wir haben in den Ambulanzen relativ konstant rund neun Millionen Patienten mit in etwa 18 Millionen Frequenzen, allerdings mit steigenden Kosten. Während im ambulanten Bereich ein Fall durchschnittlich 432 Euro kostet, sind es im niedergelassenen Bereich nur rund 100 Euro. Wir sprechen also von einem Faktor 4!

Warum zieht es die Patienten wie magnetisch in die Ambulanzen?

Die Patienten fühlen sich dort sehr sicher. Außerdem ist in einem Krankenhaus alles unter einem Dach, wenn bei der Untersuchung etwas festgestellt wird, ist man sehr schnell sehr gut versorgt. Und natürlich haben die Krankenhäuser bessere Öffnungszeiten als der niedergelassene Bereich, nämlich rund um die Uhr. Das Problem ist, dass es keine Steuerung der Patientenströme im System gibt.

Die Wirtschaftskammer schlägt vor, dass die Patienten-Hotline 1450 diese zentrale Steuerung übernimmt.

Jeder Patient sollte zuerst bei 1450 anrufen, wo er durch einen Fragebaum geleitet wird. Anschließend erhält der Patient vom behandelnden Arzt eine Behandlungsempfehlung. Der Arzt sollte auch die Möglichkeit haben, diese in die ELGA einzutragen. Dieser Punkt wurde bereits ausgearbeitet, ist aber wegen Datenschutzfragen zurückgestellt worden. Aber das wäre natürlich wichtig. Der Arzt überweist dann zum Beispiel an einen Lungenfacharzt und sollte gleich auch einen Termin für den Patienten organisieren können. Und dann schlagen wir noch vor, dass bei der Verschreibung von Medikamenten keine Rezeptgebühr bezahlt werden muss, als kleine finanzielle Motivation. Ich bin mir sicher, dass dieser Vorschlag eine steuernde Wirkung hätte. Wenn sich ein Patient durch einen Anruf bei 1450 die Rezeptgebühr erspart und gleichzeitig einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt organisiert bekommt, dann wird er wahrscheinlich auch zu diesem niedergelassenen Arzt gehen und nicht sieben Stunden in der Spitalsambulanz auf die Untersuchung warten und dann auch noch Rezeptgebühr bezahlen müssen.

In Österreich besteht ein großes Ungleichgewicht zwischen Kassen- und Wahlärzten. Während man bei den einen oft wochenlang auf einen Termin warten muss, gibt es bei den anderen gegen Bezahlung oft von einem Tag auf den anderen einen Termin.

Wahlärzte sind ein wesentlicher Bestandteil des österreichischen Gesundheitssystems. Sie sollen aber dazu dienen, Spitzen abzudecken und die Kassenärzte zu entlasten. So wie es jetzt ist, ist es aber nicht fair, weil oft ein und derselbe Arzt sowohl als Kassenarzt als auch als Wahlarzt ordiniert. Jetzt könnte man natürlich regulierend eingreifen und zum Beispiel Kassenverträge für mehr Stunden vergeben, zum Beispiel für fünf Tage die Woche und 40 Stunden. Dann bliebe dem Arzt nicht mehr viel Zeit für die Wahlarzttätigkeit. Ich würde aber eher bei den Spitalsärzten ansetzen. Laut ÖGK sind je nach Spital bis zu 40 Prozent der Spitalsärzte nicht vollbeschäftigt und betreiben nebenbei eine Wahlarztordination. Hier würde ich versuchen, auf Vollzeitanstellungen in den Spitälern zu drängen.

"Würde man diese Gruppenpraxen forcieren, würden die Wahlärzte sehr schnell an Bedeutung verlieren."

Sie setzen aber auch stark auf Gruppenpraxen, um dieses Ungleichgewicht zwischen Kassen- und Wahlärzten auszugleichen.

Weil ich überzeugt bin, dass das der richtige Weg ist und dass diese Primärversorgungszentren, Ärztezentren und Ambulatorien auch den Wünschen der Ärzteschaft entsprechen. Denn der Zeitgeist geht immer mehr dahin, keine One-Man- oder One-Woman-Show sein zu wollen. Ich weiß, dass junge Ärztinnen und Ärzte sehr gerne im Team arbeiten und geregelte Dienstzeiten haben wollen. Für die Patienten wiederum bieten die Primärversorgungseinheiten relativ ausgedehnte Öffnungszeiten, die denen der Spitalsambulanzen sehr nahe kommen. Aber natürlich müssten diese Gruppenpraxen Kassenleistungen anbieten. Würde man diese Gruppenpraxen forcieren, würden die Wahlärzte sehr schnell an Bedeutung verlieren.

Die Primärversorgungseinheiten entwickeln sich zahlenmäßig allerdings nicht in der Geschwindigkeit, wie oft gewünscht.

Sie entwickeln sich langsam, ja. Mehr Erwartung setzen wir nun in die Gründung von selbständigen Ambulatorien, also nicht-bettenführenden Krankenanstalten. Die Genehmigung dieser erfolgt durch die Landesregierungen, wobei die Ärztekammer bisher ein massives Einspruchsrecht hatte. Mit der im Dezember beschlossenen Gesundheitsreform wurde dieses Einspruchsrecht der Ärztekammer zumindest entschärft. Die dahinterstehende Angst der Ärzteschaft, dass ausländische Großkonzerne nach Österreich strömen, den Markt aufkaufen und alle Kleinen kaputt machen, halte ich für völlig unbegründet. Es gibt nämlich zwei Sicherheitsbarrieren, die das verhindern - einerseits die notwendige Genehmigung durch die Länder und andererseits ein notwendiger Vertrag mit der ÖGK.

Das österreichische Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich sehr teuer. Woran liegt das?

Die Hauptkosten liegen im Krankenhausbereich und belaufen sich auf fast 18 Milliarden Euro pro Jahr. Die niedergelassenen Ärzte einschließlich der Arzneimittelkosten machen dagegen nur zehn Milliarden Euro aus. Oder anders ausgedrückt: Im Krankenhausbereich haben sie elf Millionen Behandlungen pro Jahr, davon etwa zwei Millionen stationäre und neun Millionen ambulante. Im niedergelassenen Bereich sind es über 120 Millionen Behandlungen. Während das eine insgesamt 18 Milliarden Euro kostet, kostet das andere nur zehn Milliarden Euro. Diese Vergleiche sind natürlich unfair, weil die Behandlungen im stationären Bereich qualitativ anders sind und die schweren Fälle betreffen. Aber trotzdem braucht man diesen Steuerungseffekt.

"Das Credo ist also klar: digital vor ambulant vor stationär."

Es gibt immer wieder auch Vorstöße, im intramuralen Bereich Behandlungen vom stationären in den ambulanten Bereich zu verlagern. Sehr erfolgreich waren diese Vorstöße bisher nicht.

Im letzten Zielsteuerungsvertrag von 2017 wurden 14 Disziplinen vereinbart, in denen Behandlungen vom stationären in den ambulanten Bereich verlagert werden sollen, zum Beispiel Krampfaderoperationen, Kataraktoperationen oder Hernienoperationen. Mit Ausnahme der Kataraktoperationen ist leider nicht viel passiert. In den Krankenhäusern muss man sich ganz klar darauf konzentrieren, den ambulanten Bereich zu stärken, indem man viele stationäre Behandlungen übernimmt und damit zumindest theoretisch die Bettenzahl reduzieren könnte. Und davor sollte man versuchen, mit digitalen Anwendungen den Zustrom in die Spitäler abzufangen, und zwar im niedergelassenen Bereich mit telemedizinischer Betreuung. Das Credo ist also klar: digital vor ambulant vor stationär.

Die hohen Kosten des österreichischen Gesundheitssystems sind auch darauf zurückzuführen, dass Herr und Frau Österreicher nicht sehr gesund sind. Bei den so genannten gesunden Lebensjahren liegt Österreich mit nur 58,75 gesunden Lebensjahren im letzten Drittel Europas. In Deutschland sind es 65,75 Jahre, in Schweden sogar 72,75 Jahre. Woran liegt das?

Noch schlimmer ist die Pflegestatistik. Sie besagt, dass in Österreich 20 Prozent der über 65-Jährigen Pflegefälle sind. Der Vergleichswert in den skandinavischen Ländern liegt bei nur acht Prozent. Wir müssen in Österreich viel mehr Motivation für Präventionsmaßnahmen aufbauen. Bei der SVS sehen wir in vielen Bereichen, dass Motivation funktioniert, etwa beim „Gesundheitshunderter“ oder beim Fitnessprogramm „Jackpot.fit“. Dies sollte durch einen Best-Agers-Bonus-Pass ergänzt werden, der Menschen ab dem 50. Lebensjahr zu mehr Bewegung, entsprechender Ernährung und psychischer Entlastung motivieren soll. Der Erhalt der Gesundheit sollte dabei die höchste Motivation sein.

Warum leben die Skandinavier so viel gesünder?

Die Skandinavier haben genau solche Präventionsprogramme. Die Skandinavier haben auch ein ganz anderes Verständnis von Pflegekräften, deshalb gibt es dort auch keinen Pflegenotstand. Wenn sich dort jemand die Schuhe nicht mehr zubinden kann, greift ein anderes System als in Österreich. In Österreich schickt man eine Pflegekraft oder eine 24-Stunden-Betreuung, die die Schuhe bindet. In Skandinavien kommt in so einem Fall ein Personal Coach, der die Menschen dazu bringt, sich die Schuhe wieder selbst binden zu können. Wenn man in Österreich nicht mehr einkaufen gehen kann, geht die Haushaltshilfe für einen einkaufen. In Skandinavien geht man mit dem Patienten so lange einkaufen, bis er es wieder selbst kann.

Interview: Karl Abentheuer; Foto: VP Wien

Alexander Biach, Dr.

Standortanwalt und Dir-Stv. der Wirtschaftskammer Wien

Biach war von 2007 bis 2016 Direktor des Wirtschaftsbundes in Wien und Delegierter zum Wirtschaftsparlament der Wirtschaftskammer Wien. Von 2011 bis 2016 war er Vorsitzender der SVA Wien und anschließend erster Stellvertreter der Obfrau in der Wiener Gebietskrankenkasse. Von 9. Mai 2017 bis 31. Dezember 2019 war er Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger. Biach ist Wiener Standortanwalt und stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Wien. Im Dezember 2023 wurde er vom Verwaltungsrat der Sozialversicherungsanstalt der Selbständigen (SVS) als Nachfolger von Hans Aubauer zum Generaldirektor der SVS ab Juli 2024 bestellt.

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