INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
20.10.2021

Not sehen und handeln

Im Oktober 2020 wurde Anna Parr zur Generalsekretärin der Caritas Österreich bestellt. Im Interview mit INGO erzählt die Managerin mit langjähriger Erfahrung im Gesundheits- und Pflegebereich über ihr Leitmotiv für diesen Job und ihre Ziele für die kommenden Jahre. 

Sie haben in einer besonders herausfordernden Zeit aus der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe in die Leitung der Caritas Österreich gewechselt. Was hat Sie dazu bewogen?

Anna Parr: Ich habe über 16 Jahre in der Vinzenz Gruppe in verschiedenen Funktionen gearbeitet. Während dieser Zeit konnte ich in vielen verschiedenen Bereichen – Krankenhaus, Pflege, Reha, Ambulatorien und zuletzt auch in der Geschäftsleitung – mitgestalten. Der Gedanke, dass ich etwas Neues lernen und meine Erfahrung an anderer Stelle einbringen will bewog, mich letztlich zur Neuorientierung. Klar war dabei immer, dass ich mich weiterhin im gemeinnützigen Bereich einsetzen werde. Schließlich hat sich diese Möglichkeit bei der Caritas ergeben, wofür ich nach wie vor sehr dankbar bin und mich sehr freue.

Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen dem Krankenhaus-Management und dem Sozial-Management?

Die Krankenhäuser haben – wie viele Angebote der Caritas in Österreich – einen Grundversorgungsauftrag. Beide übernehmen eine wesentliche öffentliche Aufgabe im Gesundheits- und im Sozialbereich. Bei der Caritas sind das etwa unsere Angebote in der Pflege und Betreuung, unsere Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und vieles mehr. Vergleichbar ist sicher auch, dass wir damit in die jeweilige Bundes- und Landesgesetzgebung und weiteren Rahmenbedingungen und oft sehr knappen Ressourcen eingebettet sind. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Jeder Tag bietet neue Herausforderungen. Das macht wahrscheinlich auch den Kern der Caritas-Arbeit aus. Als Hilfsorganisation ist es unsere Aufgabe, sehr rasch auf Katastrophen oder neu entstehende Nöte zu reagieren. Im Fall eines Erdbebens organisieren wir rasche und wirksame Hilfe vor Ort, berufen einen Krisenstab ein und sind laufend im Kontakt mit den Betroffenen und den lokalen Organisationen vor Ort. Die Pandemie hat es erfordert, dass wir viele bestehende Angebote neugestalten und zusätzliche initiieren. Ganz im Sinne des Kernauftrags „Not sehen und Handeln“ geht es auf der einen Seite immer darum, hier und heute zu helfen, aber auch nachhaltig eine Veränderung zu erwirken. Gerade als Dachorganisation einer der größten Hilfsorganisationen des Landes ist diese anwaltschaftliche Vertretung der Betroffenen eine zentrale Aufgabe. Insofern sind wir auch in bundesweiten Abstimmungsgremien und in sozialpolitischen Prozessen eingebunden, um diesen Beitrag, diese Veränderung im Sinne der Betroffenen zu leisten. Darüber hinaus sind wir auch im Ausland mit humanitärere Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aktiv. 

Gibt es Bereiche, die Ihnen besonders am Herzen liegen? 

Aktuell prägen die Auswirkungen von Corona unseren Alltag. Wir sehen, dass Armut in Österreich gestiegen ist und nun auch neue Gruppen von Armut betroffen sind. All diese Menschen unterstützen wir mit unterschiedlichsten Angeboten – mit Nothilfe, aber auch mit langfristiger Unterstützung hin zu einem selbstbestimmten, gelingenden Leben. Ein besonderes Anliegen sind mir hier Frauen, Alleinerzieherinnen und auch Kinder, die -- wie wir in unseren Sozialberatungsstellen sehen - besonders von der Pandemie betroffen sind. Auch, dass wir den weltweiten Hunger besiegen, liegt mir am Herzen. Nicht nur, weil die Pandemie hier leider viel bereits Erreichtes zunichtegemacht hat, sondern weil wir wissen, dass eine Welt ohne Hunger möglich ist. Die sozialen Herausforderungen sind und bleiben sehr groß – und auf dem Weg zu einer Verbesserung wollen und dürfen wir niemanden zurücklassen: Leave no one behind! Das liegt mir sehr am Herzen. 

"Wir sehen, dass Armut in Österreich gestiegen ist und nun auch neue Gruppen von Armut betroffen sind."

Corona hat auch die Caritas-Einrichtungen in Österreich an ihre Belastungsgrenzen gebracht hat. Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Die Caritas war sicher in einem großen Ausmaß - wie alle anderen Hilfsorganisationen auch - gefordert und gebraucht. Wir haben über 1600 Einrichtungen und Angebote in Österreich. Und wir nennen sie gerne „unsere Seismografen“, weil wir die Not in diesen Einrichtungen bereits merken, bevor sie in einer Statistik aufscheint. Wir sehen und spüren es, wenn Warteschlangen vor den Essensausgabestellen länger werden, wenn die Nachfrage in unseren 56 Sozialberatungsstellen steigt. Die Pandemie zwang uns dazu, viele unserer Angebote sehr stark weiterzuentwickeln und auszubauen. Auch die Digitalisierung vieler Angebote war notwendig, um Menschen während des Lockdowns nicht zu verlieren – etwa die Kinder in unseren Lerncafés, die hier kostenlose Nachhilfe erhalten. Letztlich war und ist natürlich die Belastung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter enorm. Gerade im Bereich der Pflege und der Betreuung. Das Ganze dauert mittlerweile auch schon sehr lange. Und viele sind wirklich müde und erschöpft.

Hier ist doch auch die Politik gefordert. Wie weit kann oder soll die Caritas aber politisch sein?

Wir haben keine politische Farbe, wir stehen an der Seite der Menschen, die Hilfe brauchen und so positionieren wir uns auch, wenn beispielsweise Ministerien und Gremien unsere Meinung erfragen. In der Pflege setzen wir uns stark für eine Pflegereform ein – unter anderem weil wir hier mit einem Personalmangel konfrontiert und pflegende Angehörige an den Grenzen ihrer Belastbarkeit sind. Ich bin lange in dem Bereich tätig und weiß, dass ein großer Wurf eine komplexe Herausforderung ist. Aber er muss uns jetzt gelingen, denn wir steuern auf einen Pflegenotstand zu. Bis 2030 braucht es zusätzlich 100.000 Pflegefachkräfte und entsprechend flächendeckende und vor allem auch kostenlose Ausbildungsplätze. Das ist alternativlos. 

"Bis 2030 braucht es zusätzlich 100.000 Pflegefachkräfte und entsprechend flächendeckende und vor allem auch kostenlose Ausbildungsplätze."

Der Klimaschutz und die damit verbundene soziale Gerechtigkeit nehmen an Wichtigkeit zu. Wie begegnen Sie diesen Themen?

An einer echten Haltungsänderung – auch in Österreich – wird letztlich kein Weg vorbeiführen. Der Klimawandel betrifft uns alle und das spüren wir mittlerweile auch in unserem Land. Ich nehme wahr, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ oft nur in Bezug auf die Klimaerwärmung und die CO2-Reduktion diskutiert wird. Dass zahlreiche Gruppen, vor allem in Entwicklungsländern, längst in ihrem täglichen Leben massiv in ihrem Alltag unter der Klimaerwärmung leiden, ist vielen noch immer nicht bewusst. Es braucht also beides - die ökologische und die soziale Balance. Ich hoffe, dass sich das Bewusstsein hier ändert und als Caritas werden wir hier auch unseren Beitrag leisten. 

Noch eine abschließende Frage: Als Sie diese Position übernommen haben, wurden Sie des Öfteren gefragt, wie es für Sie als Frau in einer Führungsposition sei. Hat Sie das gestört?

Überrascht bin ich darüber weniger, aber ich finde es bedenkenswert. Letztendlich ist das einmal mehr ein Beleg dafür, dass es Maßnahmen braucht, die dazu führen, dass diese Frage eben nicht mehr gestellt wird. Dass eine Frau in eine Führungsposition kommt, ohne dass dies besonders beklatscht wird, weil sie eine Frau ist, sondern weil die Person – unabhängig von ihrem Geschlecht – eben die beste Wahl für die jeweilige Position ist. Und es braucht auch eine besondere Unterstützung von Frauen über Führungspositionen hinaus. Sie übernehmen nach wie vor fast ausschließlich unbezahlte Care-Arbeit und es gibt vielerorts kein ausreichendes Angebot an leistbarer Kinderbetreuung – alles Gründe dafür, warum Frauen oft jahrelang in Teilzeit arbeiten müssen. Für eine echte Chancengerechtigkeit für Frauen - egal in welchem Beruf - braucht es ein umfangreiches Maßnahmenpaket und Rahmenbedingungen, die es Frauen ermöglichen, eine Ausbildung zu machen, einem Beruf nachzugehen und – wenn sie wollen – auch Karriere zu machen. Da muss sich also noch viel tun.

Interview: Rosi Dorudi

Anna Parr,

Generalsekretärin der Caritas Österreich

Die studierte Volkswirtin war zunächst Verwaltungsdirektorin im Krankenhaus Göttlicher Heiland und Geschäftsführerin der Pflegehäuser der Vinzenz Gruppe. Von 2012 bis 2020 war Parr Mitglied der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe, einem Träger gemeinnütziger Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Die gebürtige Wienerin war in dieser Funktion für die Angebote in den Bereichen Rehabilitation, Pflege und ambulante Dienste verantwortlich.