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Gesundheit
Oberösterreich
28.09.2022

„Wir müssen uns bemühen, noch deutlicher gesehen zu werden!“

Christian Lagger, Vorsitzender der österreichischen Ordensspitäler, schätzt die Trägervielfalt im Gesundheitswesen als belebende Ermunterung zur Qualität. Konfessionelle Krankenhäuser hält er für aktueller denn je.

Ordensspitäler haben in Österreich eine lange Tradition. Welche Bedeutung haben sie heute?

Christian Lagger: Tatsächlich sind Ordensspitäler die ältesten Institutionen der Gesundheitsversorgung. Schon im 13. Jahrhundert hat der Deutsche Orden in Friesach in Kärnten ein Spital gegründet – für die Bevölkerung, nicht nur für die Ordensangehörigen. Später kamen Spitäler der Barmherzigen Brüder, der Franziskanischen Orden, der Barmherzigen Schwestern und anderer Gemeinschaften dazu. Heute sind die Orden insgesamt der größte Spitalsträger Österreichs, mit 23 Krankenhäusern, mehr als 26.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und jährlich rund 1,8 Millionen Patientinnen und Patienten.

Ist dieser Stellenwert den Menschen bewusst, in der Öffentlichkeit und speziell bei politischen Verantwortungsträgern?

In den einzelnen Bundesländern ist der Anteil der Ordensspitäler am gesamten Versorgungsvolumen durchaus unterschiedlich; in der Steiermark liegt er bei zehn Prozent, in Oberösterreich bei 50 Prozent. Ich würde sagen, dass die Bedeutung der Ordensspitäler überall zur Kenntnis genommen wird. Nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie zeigt, welch große Rolle unsere Häuser in der Akutversorgung, aber auch bei der Prävention, bei Test- und Impfstraßen und in der Nachbetreuung spielen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten Großartiges, oftmals unter härtesten Bedingungen, da kann man nicht oft genug Danke sagen. Aber wir müssen uns auch bemühen, dass unser Beitrag zur Gesundheitsversorgung noch deutlicher gesehen wird.

Die Pandemie hat den Druck auf viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nochmals erhöht. Wird das die Situation im Pflegebereich, wo schon jetzt zehntausende Fachkräfte fehlen, weiter verschärfen?

Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen gerne in der Pflege tätig sind – das ist ein Dauerauftrag für die Zukunft. Da darf es nicht bei Sonntagsreden bleiben. Die Wertschätzung im Krankenhausalltag muss gestärkt werden. Und wir müssen die Attraktivität des Berufs bekannter machen. Die verbreitete Vorstellung von Pflege nur als Waschen und Essenbringen entspricht nicht mehr der Realität. Pflege ist heute ein hochqualifizierter Beitrag zum Heilungsprozess. 

"Pflege ist heute ein hochqualifizierter Beitrag zum Heillungsprozess."

Aktiv im Spitalsdienst tätig sind nur noch wenige Ordensleute. Was unterscheidet heute Ordenskrankenhäuser von anderen?

In Ordensspitälern ist drinnen, was draufsteht – nämlich Orden mit ihren starken Traditionssträngen und Spiritualitäten, den Ordensfrauen und -männern und den gelebten christlichen Haltungen. Die christliche Nächstenliebe ist der genetische Code unserer Krankenhäuser und macht sie zu einem besonderen Biotop, für die Patientinnen und Patienten, aber auch für die Mitarbeitenden. Der Mensch ist mehr als sein Körper, er hat auch spirituelle Bedürfnisse, er ist eine gesamtheitliche Entität. Auch deshalb sind Ordensspitäler mit ihrem großen Schatz an Spiritualität heute mehr als zeitgemäß.

Sind Ordensspitäler also die besseren Krankenhäuser?

Alle öffentlichen Krankenhäuser leisten hervorragende Arbeit. Natürlich müssen Ordenskrankenhäuser in Medizin und Pflege State of the Art sein, sonst hätten sie gar keine Berechtigung, Akutversorgung zu machen. Ordensspitäler müssen aber mehr als Standard bieten wollen, nach dem Motto: Tue Gutes, und tu es gut. Von ihrer Unternehmenskultur her sind Ordenskrankenhäuser Orte der Herzensbildung und damit ein wesentliches Moment von Humanität für die gesamte Gesellschaft. Sie sind aber auch besonders gefordert, diese besondere Kultur und Qualität zu pflegen. Das erfordert hohe Aufmerksamkeit. Die Geschäftsführungen müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein. 

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit den nicht-konfessionellen Spitalsträgern in Österreich?

Die Zusammenarbeit ist wirklich gut, im gegenseitigen Verhältnis ist vieles gewachsen. Wir tragen gemeinsam Verantwortung für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Dieser Verantwortung werden wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander gerecht. Dabei geht es zunehmend auch darum, Spezialisierung zu koordinieren und zu fragen: Wer macht was am besten? Die Pluralität der Spitalsträger ist auch belebend. Sie bedeutet eine gegenseitige Ermunterung zur ständigen Weiterentwicklung und Optimierung der Qualität.

Auch die einzelnen Orden sind von ihren Kulturen und Schwerpunkten her durchaus unterschiedlich. Wie wirkt sich das aus?

Vielfalt ist essenziell für Resilienz. Die Ordensspitäler leben von der Vielfalt der Orden und den von ihnen geprägten Unternehmenskulturen. Das macht sie stark. Und bei aller Vielfalt verbindet uns ein besonderer gesamtgesellschaftlicher Auftrag: die Zugewandtheit zum Menschen in einer stark materiell geprägten Gesellschaft.

Wie gehen Sie unter diesem Gesichtspunkt mit dem neuen Gesetz zur Sterbeverfügung um?

Assistierter Suizid – und darum handelt es sich – ist für uns keine Option. Das bringen wir als Ordensspitäler auch in einer gemeinsamen Rahmenerklärung zum Ausdruck, die zwei Punkte klarstellt: Wir sind dazu aufgrund unserer christlichen Grundeinstellung nicht befähigt, und wir bitten, diese unsere Identität zu akzeptieren, so wie wir die Freiheit jedes Menschen achten. Wir lassen aber niemand allein, wir begleiten Menschen in ihrer letzten Lebensphase medizinisch, pflegerisch und seelsorglich. Wir wollen ihnen ermöglichen, ihren Weg bis zuletzt zu gehen, mit so viel Schmerzfreiheit wie nur möglich.

Interview: Josef Haslinger; Foto: Ferdinand Schlick

Christian Lagger, MMag. Dr. MBA

Vorsitzender der österreichischen Ordensspitäler

Lagger ist promovierter Theologe und hat auch Philosophie und Business Administration studiert. Der gebürtige Kärntner war Büroleiter von Diözesanbischof Egon Kapellari, er ist Geschäftsführer der Elisabethinen in Graz (seit 2010) und Sprecher der Elisabethinen Österreich. Lagger lehrt an der Karl Franzens Universität Graz und an der FH Joanneum, ist Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen in Salzburg und berät Unternehmen und Führungskräfte. Im November 2021 hat der 55-Jährige für zwei Jahre den Vorsitz in der ARGE Ordensspitäler Österreichs übernommen.

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