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Gesundheit
Oberösterreich
30.07.2020

„In der Alternsmedizin ist Kooperation ein Schlüsselelement“

Innerhalb der Spitalspartnerschaft des Ordensklinikums Linz Barmherzige Schwestern und des Konventhospitals Linz Barmherzige Brüder treibt man die Etablierung einer zeitgemäßen Alternsmedizin zielstrebig voran. Der Neurologe, Psychiater und Alternsmediziner Christian Lampl, der an beiden Häusern leitende Funktionen innehat, erklärt die dafür notwendigen Schritte und die Synergien, die durch die Kooperation der beiden Krankenhausträger entstehen.

Sie haben als Primar der Akutgeriatrie des Ordensklinikums der Barmherzigen Schwestern das Zentrum für integrative Alternsmedizin (ZiAM) auf den Weg gebracht und vor Kurzem außerdem eine weitere Leitungsfunktion übernommen, nämlich an der Neurologie des Konventhospitals Barmherzige Brüder. Was bedeutet diese Doppelfunktion für Ihre Bestrebungen, die medizinische Versorgung für die alternde Bevölkerung von Grund auf zu erneuern?

Christian Lampl: Herkömmliche Geriatrien werden die Bedürfnisse der zunehmend alternden Bevölkerung in absehbarer Zeit nicht mehr abdecken können; darum braucht es erweiterte, auf diese Patientengruppe zugeschnittene Krankenhausstrukturen. Man muss davon wegkommen, dass die diversen Fachabteilungen komplett getrennt voneinander an jeweils einem anderen physischen oder psychischen Symptom einer Person arbeiten. Es ist ja heute noch so, dass sich die Fachrichtung A nur für das Krankheitszeichen A zuständig fühlt, aber nicht für B, C und D. Gerade ältere Menschen sind häufig multimorbid und haben auch oft Symptome, denen eine ganze Reihe verschiedener Ursachen zugrunde liegen können. Deshalb versuchen wir an der Akutgeriatrie der Barmherzigen Schwestern, im Rahmen des ZiAM eine fächerübergreifende Rundumversorgung zu ermöglichen, bei der wir jeden Patienten und jede Patientin als Gesamtheit betrachten und wo sich die verschiedenen Expertinnen und Experten ganz selbstverständlich miteinander austauschen und abstimmen. Meine neue Doppelfunktion ist hier natürlich ein großer Vorteil, denn ich kann dieses Konzept nun auf die Neurologie der Barmherzigen Brüder ausdehnen und durch die sinnvolle Verknüpfung beider Abteilungen Synergien schaffen.

Die Linzer Ordensspitäler haben sich also explizit dazu entschlossen, ihre Ausrichtung in der Versorgung der älteren Bevölkerung zu bündeln?

Beide Krankenhausträger bekennen sich zu einem neuen Weg in der medizinischen Alternsversorgung und wollen dabei verstärkt miteinander kooperieren. Das wird durch die räumliche Nähe der Häuser unterstützt und die Möglichkeiten für beide vergrößern. Auf lange Sicht wollen wir die Akutgeriatrie der Barmherzigen Schwestern und die Abteilung für Neurologie der Barmherzigen Brüder zu einem großen Zentrum für Neurologie und Alternsmedizin zusammenschließen. Die Bezeichnung Alternsmedizin mit „n“ haben wir übrigens ganz bewusst gewählt, weil das Altern an sich ja keine Krankheit ist, der alternde Mensch aber eine adäquate Gesundheitsversorgung braucht.

"Auf lange Sicht wollen wir die Akutgeriatrie der Barmherzigen Schwestern und die Abteilung für Neurologie der Barmherzigen Brüder zu einem großen Zentrum für Neurologie und Alternsmedizin zusammenschließen."

Derart komplexe Versorgungsmodelle zu realisieren geht naturgemäß nicht von heute auf morgen. Vor vier Jahren begann ich mit dem Konzept für das ZiAM. Es hat unserem aktuellen Ziel, der trägerübergreifenden Vorgehensweise, den Boden bereitet. Diese umzusetzen ist nun der nächste große Schritt. 

Was steckt hinter dem Konzept des ZiAM?

Da die Menschen immer älter werden, sehen wir natürlich auch immer mehr damit verbundene Krankheiten, zum Beispiel Demenzen. Es gibt unklare Symptome wie Schwindel, Schmerzen oder Stürze, die je nach Ursache einer anderen Expertise bedürfen. Sehr problematisch sind außerdem die Polypharmazie (Medikamentenwechselwirkungen aufgrund vieler parallel eingenommener Arzeimittel) sowie der so genannte Drehtüreffekt. So nennt man es, wenn betagte Patientinnen und Patienten nach ihrer Entlassung schnell wieder zurück im Spital sind, entweder mit etwas Neuem oder weil manches rezidivierend auftritt. Mit solchen Patienten muss man sich eingehend und aus vielen medizinischen Blickwinkeln befassen.

Die Idee des ZiAM – also des Zentrums für integrative Alternsmedizin – ist es, für diese Patientengruppen durch die Verfügbarkeit von Spezialisten aus verschiedensten Fachrichtungen an ein und demselben Krankenbett eine optimierte Versorgung zu gewährleisten. In meiner Abteilung bei den Barmherzigen Schwestern gibt es neben neurologischer, neuroonkologischer und internistischer Expertise auch Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie, Kardiologie, Pharmakologie und Genetik sowie außerdem einen Fokus auf Schmerzmedizin. 

Welchen Mehrwert hat die integrative Alternsversorgung nach so einem Modell für die Patientinnen und Patienten? 

Der Mehrwert besteht darin, dass in der integrativen Alternsversorgung viele Wissensfelder zusammenwirken und dasselbe, auf den individuellen Fall ausgerichtete Behandlungsziel verfolgen. Nehmen wir zum Beispiel einen Parkinsonpatienten. Ein solcher wird primär auf der Akutneurologie eingestellt. Aber wenn sich sein Zustand irgendwann verschlechtert, braucht es einen Ort, wo man der Ursache dafür aus allen möglichen Perspektiven auf den Grund gehen kann. So etwas leistet das ZiAM. Hier kann sich ein multiprofessionelles Team mit jedem Aspekt von der Bewegungsstörung über die Harnverhaltung bis zu den psychischen Folgeerscheinungen oder den Abläufen im täglichen Leben befassen und nicht zuletzt die Medikamenteneinnahme beurteilen. Polypharmazie entsteht, wenn jede Fachrichtung etwas eigenes verschreibt, ohne auf die anderen zu achten. Da sammeln sich dann etwa Blutdruck- und Lipidsenker, Rheuma- und Schlafmittel, Antibiotika, Psychopharmaka und Weiteres an. Bei uns besprechen wir gemeinsam, was man sinnvollerweise weglassen kann, um potenziell gefährliche Nebenwirkungen hintanzuhalten.

Der integrative Ansatz ist aber auch neuroonkologisch und neuropalliativ ein Benefit. Wir sehen heute eine Zunahme an neuroonkologischen Erkrankungen und an neurologischen Leiden infolge anderer Tumoren. Auch Chemo- oder Stammzelltherapien können das Zentralnervensystem schädigen. Und in der Palliativmedizin gibt es völlig unterschiedliche Zugangsweisen, abhängig davon, ob es um einen palliativonkologischen oder einen palliativneurologischen Patienten geht. Neben unserem Spektrum am ZiAM wie innere Medizin, Kardiologie, Psychiatrie oder physikalische Medizin wollen wir also auch diese Gebiete innerhalb unseres Zentrums vorantreiben. 

Es minimiert auf jeden Fall Risiken und macht Behandlungen effizienter, wenn Spitzenmediziner aus vielen Fachbereichen mit geriatrischem Grundverständnis verfügbar sind und sich direkt am Krankenbett eines Patienten miteinander austauschen. Das erhöht auch die Lebensqualität der Betroffenen. Sie werden nicht einmal hierhin und einmal dorthin geschickt.

"Das erhöht auch die Lebensqualität der Betroffenen. Sie werden nicht einmal hierhin und einmal dorthin geschickt."

 

Außerdem ist die Kooperations- und Diskussionskultur an einem Kompetenzzentrum fast automatisch mit Respekt und der Förderung von Selbstverantwortung verbunden. Wir nehmen unsere Patientinnen und Patienten ernst und legen Wert auf eine menschliche Zugangsweise. Auch Schmerzen tun wir nicht einfach als mehr oder weniger unvermeidliche Alterserscheinung ab, sondern betrachten sie ebenfalls wieder aus diversen Blickwinkeln. Auf einer reinen Akutabteilung wäre das in dieser Form nicht möglich. Das integrative Konzept hingegen inkludiert eine umfassende Schmerzmedizin auf dem neuesten Stand. Schmerzen verursachen ja nicht nur Leid, sondern oft auch Bewegungsbehinderungen und eine Einschränkung der Mobilität. Was wiederum ein höheres Risiko für Thrombosen oder Stürze bedeutet.

Haben Sie im Zuge der neuen trägerübergreifenden Kooperation auch schon erste Synergien bemerkt und bereits etwas von Ihrem Konzept umsetzen können?

Ja, es gibt bereits Synergien, etwa bei der Facharztausbildung für Neurologie. In dieser Phase gehen Neurologinnen und Neurologen vom Konventhospital Barmherzige Brüder ein halbes Jahr in das ZiAM der Barmherzigen Schwestern, um dort die Neuro-Geriatrie zu erlernen. Ihnen diesen Teil des Ausbildungscurriculums gleich nebenan ermöglichen zu können und dass wir unsere Leute an beiden Orten im Einsatz haben, ist natürlich sehr vorteilhaft. Alles, was aus einer Hand abgewickelt werden kann, bringt viel und ist wegweisend.

"Alles, was aus einer Hand abgewickelt werden kann, bringt viel und ist wegweisend."

Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass wir dadurch, dass unser Verständnis der Neurologie den alternden Patienten in seiner ganzen Komplexität inklusive Multimorbidität und Polypharmazie einschließt, den Drehtüreffekt besser in den Griff kriegen könnten. Das wird meines Erachtens schon in Ansätzen sichtbar. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blicken über den neurologischen Tellerrand hinaus und behandeln die Menschen integrativ. Sie vergewissern sich auch, dass sie zu Hause gut versorgt sind, damit sie nicht so schnell wieder im Spital landen. 

Was ist für Sie als Arzt und Krankenhausmanager die größte Herausforderung bei der Entwicklung eines derart neuen und dann auch noch träger- und standortübergreifenden Alternsversorgungsmodells? 

Sicher die Akzeptanz. Man muss viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu verdeutlichen, dass dies ein Modell der Zukunft ist. Unser Ziel bezeichnen wir als Zentrum mit einem großen „Z“. Im Gegensatz zu Zentren, die sich einem bestimmten Organ widmen, etwa der Schilddrüse oder der Prostata, geht es bei einem Zentrum mit großem „Z“ um einen sehr viel breiteren Bereich. Zum Beispiel könnte ein Viszeralzentrum so funktionieren, wo sich Fachärzte für innere Medizin und Chirurgen gemeinsam verschiedensten Erkrankungen im Bauchraum widmen. Dieses Übergreifende und Multidisziplinäre braucht es eben auch in der Alternsmedizin. Und das ZiAM, das auf so viele unterschiedliche  Aspekte des Alterns fokussiert, hat demnach ein großes „Z“.

Voraussetzung ist, dass Krankenhausleitung und Kollegenschaft grundsätzlich offen für Innovationen sind und bereit, über die gewohnten Strukturen hinauszudenken. Nichtsdestotrotz erfordert es zunächst einen intensiven Dialog, um Verständnis für die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorhabens zu wecken. Der führte bei den Barmherzigen Schwestern nach und nach zum ZiAM-Konzept. Die nächste Stufe hat sich logisch ergeben, als ich im November die Leitung der Neurologie im Konventhospital übernehmen durfte. Da die Neurologie ja einen wesentlichen Teil der alternden Bevölkerung betrifft, liegt der Gedanke einer Partnerschaft mit dem ZiAM nahe. 

Welche Eigenschaften brauchen Krankenhausabteilungen, um überhaupt so ein Kompetenzzentrum bilden zu können?

Vor allem braucht es Mut zur Veränderung. Und wenn es um Überzeugungsarbeit geht, manchmal auch Mut zum Widerspruch. Schließlich gilt es, althergebrachte Vorstellungen aufzubrechen. Neues umzusetzen erfordert immer Flexibilität, Lern- und Vernetzungsbereitschaft von allen Beteiligten. Speziell wenn Zuständigkeitsbereiche erweitert werden, muss man über den Tellerrand seines eigenen Fachs hinausblicken können.

Für ein Kompetenzzentrum mit einem großen „Z“ braucht es außerdem ganz klare Strukturen und Schwerpunktsetzungen. Kooperation ist dabei eines der wesentlichen Schlüsselelemente. Durch den Beschluss, mit dem ZiAM zusammenzuarbeiten, hat sich das Konventhospital der Barmherzigen Brüder die alternden neurologischen Patientinnen und Patienten als neuen Schwerpunkt für die Zukunft gesetzt. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Alternsmedizin?

Ich wünsche mir, dass es nicht bei einer Vision bleibt. Es wäre schön, wenn unser Modell einen wirklich hohen Umsetzungsgrad erreicht und daraus ein Vorzeigeprojekt wird, das Nachahmer findet. Es soll klar zeigen, dass Kooperation und Weiterentwicklung sowohl die Patientenversorgung optimieren als auch die Kompetenz medizinischer Berufsbilder erweitern können und sich nicht zuletzt kostensenkend auf das Gesundheitssystem auswirken.

Interview: Uschi Sorz; Bild: Ordensklinikum Linz

Christian Lampl, Prof. Dr.

Stv. ärztlicher Direktor am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern sowie Leiter der Abteilung Neurologie des Konventhospitals Linz Barmherzige Brüder

Lampl ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, stv. ärztlicher Direktor am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern sowie Primarius der dortigen Abteilung für Akutgeriatrie und Remobilisation. Diese hat er in den letzten Jahren nach einem innovativen Konzept als Zentrum für integrative Alternsmedizin (ZiAM) aufgebaut. Im November des Vorjahres wurde er außerdem zunächst interimistischer Leiter der Abteilung Neurologie des Konventhospitals Linz Barmherzige Brüder, seit Juli 2020 ist er dort fix bestellter Leiter.