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Gesundheit
Oberösterreich
30.07.2020

Was ist eigentlich eine Community Nurse?

Spätestens seit die Regierung angekündigt hat, in 500 österreichischen Gemeinden den Einsatz von Community-Nurses zu erproben, ist diese erweiterte Variante der Gesundheits- und Krankenpflege in aller Munde. Allerdings verleite die Neuheit des Begriffs auch dazu, ihn inflationär zu verwenden, meint Martin Nagl-Cupal, stellvertretender Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft der Uni Wien. Im Gespräch erklärte er, was man unter Community-Nursing nach internationalem Vorbild versteht.

Noch gibt es sie nicht in Österreich, doch wir wissen schon lange, dass wir sie brauchen: die so genannte Community-Nurse, von der im neuen Regierungsprogramm die Rede ist. Im Zuge eines Pilotprojekts sollen bald in 500 Gemeinden diplomierte Pflegerinnen und Pfleger für Leistungen zur Verfügung stehen, für die man nicht unbedingt einen Arzt benötige, heißt es da. Und: „Sie sollen Angehörigen bei der Koordination von Therapien zur Seite stehen und erste Ansprechpartnerinnen in Gesundheitsfragen sein.“ Der Startschuss fällt nächstes Jahr in ausgewählten Testregionen, ein schrittweiser Ausbau bis 2025 ist geplant.

„An sich eine wunderbare Sache“, sagt Martin Nagl-Cupal vom Institut für Pflegewissenschaft der Uni Wien. „Außerdem ist es angesichts unterversorgter Bevölkerungsgruppen, einer alternden Gesellschaft und des zunehmenden Hausärztemangels dringend notwendig.“ Was der Wissenschaftler aber ebenfalls feststellt: „Im Zuge der Diskussion um innovative neue Pflegekonzepte wie dieses schwirren oft alle möglichen Begriffe durch die Luft, die man eigentlich sauber voneinander abgrenzen sollte.“ Denn auch wenn eine Community-Nurse oft im ländlichen Raum eingesetzt wird: „Sie ist nicht zwangsläufig eine Gemeindekrankenschwester.“ Genauso gut könne sie in einem Primärversorgungszentrum in der Großstadt arbeiten. Und obwohl Pflegekoordination und Case-Management zu ihren Aufgaben gehören, seien dies bei Weitem nicht die einzigen. „Darum ist eine Pflegenahversorgerin nicht automatisch eine Community-Nurse.“

Spezialisierung als Gebot der Stunde

Was also ist eine Community Nurse nach internationalem Vorbild? „Im Fachjargon ist das eine spezialisierte APN“, erklärt Nagl-Cupal. „Diese Abkürzung steht für Advanced Practice Nurse.“ Auf gut Deutsch handle es sich dabei um Gesundheits- und Krankenpflegepersonal, das sich besonderen Aufgaben widme. Voraussetzung sei ein zweijähriges Masterstudium in Advanced Nursing Practice (ANP). In Österreich gibt es dieses erst seit wenigen Jahren. „Mit einem Kurs oder einer einfachen Fortbildung ist es also nicht getan“, so Nagl-Cupal. „Es ist ein enorm vielfältiges und anspruchsvolles Berufsbild, das eine postgraduale Ausbildung im Anschluss an einen Bachelor in Gesundheits- und Krankenpflege erfordert, die in sich wiederum je nach Aufgabengebiet fragmentiert ist.“ So könne man beispielsweise einen ANP-Masterabschluss für Cancer-Nurses machen, für Diabetes-Nurses, für School-Nurses, für Chronic oder Acute Care Nurses oder eben auch für Community-Nurses. „Hier gibt es eine große Bandbreite und noch viel Luft nach oben bei der Entwicklung unserer Curricula.“

„Es ist ein enorm vielfältiges und anspruchsvolles Berufsbild, das eine postgraduale Ausbildung im Anschluss an einen Bachelor in Gesundheits- und Krankenpflege erfordert", erklärt Martin Nagl-Cupal.

Die Spezialisierungen seien allerdings ein Gebot der Stunde. „Im Bereich der Pflege gibt es viele vertiefte und bedarfsorientierte Aufgaben, die noch überhaupt nicht abgedeckt sind.“ Heute biete die moderne, hochtechnisierte Präzisionsmedizin immer komplexere Behandlungsmöglichkeiten für mehr und mehr Krankheitsbilder, die, etwa in Spitälern, alle verfügbaren Kapazitäten beanspruchen. So sei eine Lücke entstanden, was beispielsweise Aufklärung, Beratung, Begleitung, Koordination oder Prävention betreffe. „Am Beispiel Krebs lässt sich das gut illustrieren“, meint Nagl-Cupal. „Die meisten denken, wenn man nach einer Operation oder Chemotherapie aus dem Krankenhaus entlassen wird, hätte man das Ganze überstanden. Dabei fängt vieles damit erst an.“ Dann brauche es nämlich jemanden, der für die Nachsorge da sei, einem Nebenwirkungen und den Umgang damit erkläre, Therapien, Hilfsdienste und die Anpassung von Medikationen im Blick behalte und zeige, wie man die Lebensqualität trotz der Erkrankung erhalten könne.

„Wenn man bedenkt, was sich heute alles rund um Immuntherapie und personalisierte Medizin tut, wird klar, wie viel Wissen so eine Tätigkeit erfordert. Und bei chronischen Krankheiten, Demenzen und sonstigen gesundheitlichen Leiden ist das nicht anders.“ Eine Community-Nurse könne man also nicht isoliert von anderen APN-Nurses sehen, denn sie sei Teil desselben Konzepts. „International ist es eben die Idee, all diese Leerstellen zu füllen und das jeweilige Personal dafür akademisch hochwertig auszubilden.“ Bei der Community-Nurse gehe es zum Beispiel um die wohnortnahe kompetente Versorgung spezieller Bedürfnisse, ob am Land, im Bezirk oder im Stadtviertel. In vielen Fällen suche sie die Menschen auch in ihrem Zuhause auf. „Community-Nurse ist kein neuer Gesundheitsberuf, sondern eine grundsätzliche Erweiterung des pflegerischen Handlungsfeldes in der Primärversorgung.“ Und auch nicht beschränkt auf alte Patienten, sondern für alle möglichen Zuständigkeiten im Rahmen akuter oder chronischer Erkrankungen sowie der Gesundheitsförderung gedacht.

Vorläufer und Vorbilder

Mit der klassischen Gemeindeschwester am Land werde sie gern verwechselt, weil manche Versorgungssysteme, die bei uns mitunter als Referenz herangezogen würden, durchaus aus dieser Tradition entstanden seien. „Etwa in Finnland, wo die Community-Nurse als Public-Health-Nurse bezeichnet wird und die Versorgung in den weitgestreckten, oft abgelegenen ländlichen Regionen aufrecht hält.“ Auch in der ehemaligen DDR habe es Schwestern gegeben, die eine großflächige Gesundheitsversorgung für alle Altersgruppen geleistet haben, inklusive Vorsorgeuntersuchungen, Geburtsbegleitung, Medikationen und Beratungen. „Diese Frauen hatten durchaus einen arztersetzenden Charakter, gingen von Haus zu Haus und waren ähnlich wie der klassische Landarzt früherer Zeiten Allrounderinnen, die sich um sämtliche gesundheitlichen Belange gekümmert haben.“

Nach dem Mauerfall seien diese DDR-Gemeindeschwestern auf ein arztzentriertes System gestoßen und verschwunden. Heute suche man allerdings auch in Deutschland – wie überall im deutschsprachigen Raum – nach Lösungen für strukturschwache Gebiete. „Es gibt dort bereits einige Modelle für so genannte Dorfschwestern modernerer Prägung, die einen starken Fokus auf ältere Menschen legen und auch soziale und Präventionsaufgaben wahrnehmen. Unter anderem aus dem Gedanken heraus, das Altersheim zu vermeiden.“

Auch das IT-unterstützte, ganzheitliche holländische Modell der Buurtzorg, zu Deutsch Pflege in der Nachbarschaft, taucht in der österreichischen Diskussion zuweilen als beispielgebend auf. Es stützt sich auf eigenständige mobile Pflegeteams und wurde 2006 etabliert. Im angloamerikanischen Raum begann die Entwicklung des Advanced Practice Nursing, von dem Community-Nursing eine Ausformung ist, sogar schon ab den 60er-Jahren.

„Dies auch bei uns einzuführen ist mehr als begrüßenswert, aber eine ökonomische und strukturelle Herkulesaufgabe“, meint Nagl-Cupal. „Mit der nötigen Schärfung des Berufsprofils der Community-Nurse muss nicht zuletzt über deren Kompetenzen geredet werden.“ Auch wenn sie in enger Abstimmung mit Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Gesundheitsberufen arbeite: International sei ihr medizinischer Handlungsspielraum in einzelnen, ausgewählten Bereichen um einiges weitreichender als bei uns üblich. „Hier sollte man genau hinschauen, denn diese – freilich streng selektive, nur auf ganz spezielle Anlassfälle zugeschnittene – Eigenständigkeit ist ein typisches Merkmal. Auch die Bandbreite der Pflegeleistungen und Zielgruppen ist grundsätzlich größer, als es für die Pilotprojekte formuliert ist. Und die hochkarätige Ausbildung ist ein Muss. Sich bei Adaptionen für das heimische Gesundheitswesen nur Einzelheiten aus den Vorbildern herauszupicken und dabei zu viele Aspekte zu vernachlässigen, könnte dazu führen, dass das Ergebnis nicht mehr viel mit Community-Nursing nach internationalem Verständnis zu tun hat.“ In Österreich müssten berufsrechtliche Rahmenbedingungen und viele neue Ausbildungscurricula erst entwickelt und Menschen in diesem Sinne ausgebildet werden. „Wenn man aber die Sache zu Ende denkt und entsprechend ausbaut, wäre das eindeutig ein Signal in Richtung Qualität“, so der Pflegeexperte.

Text: Uschi Sorz; Bilder: Depositphotos, Pflegenetz

Martin Nagl-Cupal, Ass.-Prof. Dr.

Stellvertretender Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Wien

Nagl-Cupal ist promovierter Pflegewissenschaftler und stellvertretender Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Wien. Unter anderem ist er Mitglied der Gesellschaft für Pflegewissenschaft im Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) und Mitherausgeber der Zeitschrift „Pflege“. Er lehrt und forscht in Bereich der familienorientierten Pflege.