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Gesundheit
Oberösterreich
09.08.2022

„Für die Schwächsten in unserer Gesellschaft“

Gesundheit für alle, unabhängig vom Versicherungsstatus. Das ist die Devise der neuen Sozial- und Gesundheitspraxis dock im Wiener Sonnwendviertel. Das neue Angebot für nichtversicherte sowie obdach- und wohnungslose Menschen stößt auf große Resonanz.

Im internationalen Vergleich ist Österreich ein Sozialstaat mit einem hohen Versicherungsschutz. Dennoch kommt es auch hierzulande immer wieder vor, dass Menschen aus dem System fallen. „Rund 27.000 Personen mit Stichtag Dezember 2015 sind in Österreich nicht krankenversichert“, wie die Armutskonferenz erklärt. „Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ein geringes Einkommen haben.“

Der Großteil der Betroffenen ist nur kurzfristig nicht versichert. Besonders betroffen sind etwa Frauen nach einer Scheidung und Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. Letztere können trotz Arbeit oft nicht von ihrem Einkommen leben. Wenn zusätzliche Kosten anfallen, wie etwa die Reparatur des Autos, dann werden die eigenen Sozialversicherungsbeiträge aufgeschoben. Ein Krankheitsfall in dieser Zeit kann für Betroffene schnell zu einem finanziellen Albtraum werden.

Ein kleiner Teil der nicht versicherten Menschen ist langfristig aus der Krankenversicherung ausgeschlossen. Meist sind es Schicksalsschläge, Krankheiten oder lange Arbeitslosigkeit, die eine soziale Abwärtsspirale auslösen, bis hin zum Verlust der eigenen Wohnung. 

Ein Ort zum Andocken

Für Fälle wie diese gibt es seit November 2021 eine neue Anlaufstelle. Nichtversicherte, wohnungs- und obdachlose Menschen werden im dock beraten und fachärztlich betreut. Betrieben wird die neue Sozial- und Gesundheitspraxis von der Sozialorganisation neunerhaus und der Vinzenz Gruppe. „Dies ist ein Angebot für die Schwächsten in unserer Gesellschaft, die sonst keinen Zugang zum Gesundheitssystem haben“, erklärt Katrin Gebhart, die Koordinatorin des Projektes in der Vinzenz Gruppe. 

Die neue Praxis ergänzt das Angebot im CAPE 10, dem Haus der Zukunft und sozialen Innovation im neu entwickelten Wiener Sonnwendviertel. Ehrenamtliche Fachärzt*innen, Therapeuten und Pflegekräfte aus allen fünf Wiener Krankenhäusern der Vinzenz Gruppe sowie aus dem Netzwerk von neunerhaus bieten im dock jeden Dienstag und Donnerstag Nachmittag ein wechselndes medizinisches Angebot. Zu den Fachrichtungen zählen aktuell Augenheilkunde, Gynäkologie und Geburtshilfe, Innere Medizin, Pulmologie, Orthopädie, Urologie, Chirurgie und seit neuestem auch Neurologie. 

Die Sozialarbeiter*innen von neunerhaus ergänzen das Angebot außerdem um eine niederschwellige Sozial- und Gesundheitsberatung, die auch darauf abzielt, wieder einen Versicherungsschutz für die Patient*innen zu bekommen.

Kooperation mit den Krankenhäusern

„In den meisten Fällen geht es hier nicht um High-Tech-Medizin, die gefragt ist, sondern um einfache Hilfestellung wie die Versorgung mit Sehbehelfen, mit Schmerzmedikation oder einer Wundversorgung“, so Gebhart. „Bei schweren Erkrankungen werden Patient*innen auch von den Krankenhäusern der Vinzenz Gruppe stationär aufgenommen.“

"Bei schweren Erkrankungen werden Patient*innen auch von den Krankenhäusern der Vinzenz Gruppe stationär aufgenommen", erklärt Katrin Gebhart, die Koordinatorin des Projektes in der Vinzenz Gruppe.

In dieser Hinsicht besteht bereits eine langjährige Kooperation zwischen der Vinzenz Gruppe und dem neunerhaus. Allerdings fehlt es bislang im Bereich der Nachsorge noch an entsprechenden Angeboten. „Besonders für obdachlose Menschen ist es oft nicht möglich, nach einer Operation Ruhe zu geben oder eine pflegerische Nachbetreuung zu bekommen, sodass der Heilungsprozess gut verläuft“, erläutert Gebhart. Auch hier soll längerfristig – eventuell wieder in Kooperation mit dem neunerhaus – ein entsprechendes Angebot geschaffen werden.

Langfristige Finanzierung gesucht

Die Nachfrage gehe derzeit deutlich über die zwei Praxis-Nachmittage pro Woche hinaus. „Es gäbe genug Bedarf, um das dock fünf Tage die Woche zu betreiben“, stellt die Leiterin klar. „Das hängt aber an den finanziellen Mitteln, die wir dafür benötigen.“ Der Orden der Barmherzigen Schwestern unterstützt das Projekt mit einer Anschubfinanzierung, „hat aber nicht die Möglichkeiten, den Betrieb langfristig zu bestreiten“. 

Eine öffentliche Finanzierung gibt es für das dock derzeit nicht. Um das Projekt über das erste Jahr hinaus umsetzen zu können, wird daher nach Spenden und Sponsor*innen gesucht. Neben Geld für Raummiete, Medikamente und Gehalt der fix angestellten Mitarbeiter*innen hängt der Betrieb vor allem auch am ehrenamtlichen Engagement der Ärzt*innen. 

Text: Gertraud Gerst; Foto: Christoph Liebentritt

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