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Gesundheit
Oberösterreich
13.11.2019

„Die Medizinische Fakultät ist den Kinderschuhen entwachsen!“

Elgin Drda, neue Vizerektorin für Medizin an der Johannes Kepler Universität Linz (JKU), sieht die Integration der medizinischen Lehre in den klinischen Alltag als eine der größten Herausforderungen – für alle Krankenhausträger in Oberösterreich.

Frau Drda, was sind Ihre Aufgaben als Vizerektorin?

Elgin Drda: Es geht darum, ein inspirierendes und zugleich organisiertes Umfeld für Spitzenmedizin, innovative Lehre und wissenschaftliches Arbeiten zu schaffen. Zu den wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren zählen neben der Forcierung interfakultärer Forschungskooperationen an der JKU der Aufbau eines akademischen Mittelbaues und die Umsetzung des Clinician Scientist Program. Dieses Programm soll jungen wie erfahrenen Ärztinnen und Ärzten durch entsprechende Freistellungen ermöglichen, neben ihrer klinischen Arbeit auch im wissenschaftlichen Bereich Fuß zu fassen. In Oberösterreich gibt es eine große Anzahl an wissenschaftlich tätigen beziehungsweise interessierten Ärztinnen und Ärzten. Für sie soll die Medizinische Fakultät zur Heimat werden.

Welche Vorteile bringt die neue Struktur mit Forschungs- und Studiendekan?

Die Idee war, das Führungsteam breiter aufzustellen: Die medizinische und wissenschaftliche Kompetenz, die Univ.-Prof. Gruber als Forschungsdekan und Univ.-Prof. Fellner als Studiendekan in hohem Maß gewährleisten, wird um eine ausgeprägte Management-Kompetenz erweitert. Dieser Aspekt ist bisher zu kurz gekommen und wird nun verstärkt. Schließlich geht es in den nächsten Jahren vor allem darum, das Lehr- und Forschungsmanagement zu professionalisieren, Abläufe zu optimieren und den geplanten Aufbau bis 2028 im Rahmen des Kostenpfades sicherzustellen. Die Medizinische Fakultät ist den Kinderschuhen entwachsen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, auf die Expertise von Persönlichkeiten aus den eigenen Reihen zu vertrauen. Alle Mitglieder des Führungsteams, auch meine Büroleiterin und die Geschäftsbereichsleiterin Medizin, kommen aus dem Kepler Universitätsklinikum. Damit kommen wir unserem Ziel, ein Studium mit Linzer Prägung zu entwickeln, authentisch nach.

Sie waren am Aufbau der Medizinischen Fakultät und des Kepler Universitätsklinikums von Anfang an maßgeblich beteiligt. Wie zufrieden sind Sie nach fünf Jahren mit der Entwicklung?

Es wurde unglaublich viel geschafft. Nur Insider können erahnen, wie mühsam der Aufbau einer neuen Fakultät tatsächlich ist. Die Etablierung der Fakultät und die Gründung des Universitätsklinikums waren eine enorme Leistung. Ohne den Gestaltungswillen und den Schulterschluss zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft wäre das nicht möglich gewesen. Die ersten Studierenden haben gerade das letzte Studienjahr begonnen, und es entsteht weithin sichtbar das hochmoderne Lehr- und Forschungsgebäude am medizinischen Campus, das 2021 in Betrieb gehen wird. Alle Beteiligten können stolz darauf sein, was bereits gelungen ist.

„Nur Insider können erahnen, wie mühsam der Aufbau einer neuen Fakultät tatsächlich ist.“

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Eine der größten Herausforderungen sehe ich in der Integration der medizinischen Lehre in den klinischen Alltag. Es geht darum, dass trotz steigender Studierendenzahlen die Ausbildung weiterhin praxisnah und fächerübergreifend erfolgt und die Patientenversorgung wie bisher reibungslos und auf höchstem medizinischem Niveau erfolgen kann. Das erfordert Unterstützung und Engagement aller Krankenhausträger, sei es in der Lehre, bei Praktika oder bei der Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten. Eine weitere Herausforderung ist es, möglichst viele Ärztinnen und Ärzte für wissenschaftliches Arbeiten zu begeistern und durch Nachwuchsförderprogramme und qualifiziertes Mentoring zu unterstützen. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Kepler Universitätsklinikum wichtig, worauf ich mich sehr freue.

Was sind die wichtigsten Zukunftstrends im Bereich der Medizin, wie beschäftigt sich die JKU damit?

Da möchte ich nur zwei Schlagworte nennen: Big Data, längst unverzichtbar für Qualitätsentwicklung und wissenschaftlichen Fortschritt. Und personalisierte Medizin, die es erlaubt, mit molekularer Medizin, genetischen Diagnoseverfahren und individuellen, zielgerichteten Therapiekonzepten immer mehr persönliche Eigenheiten von Patienten zu berücksichtigen. Die Universitätsklinik für Hämatologie und internistische Onkologie kann hier Entscheidendes beitragen. Dass die JKU Digitalisierung zu einem Schwerpunkt erklärt hat, nützt natürlich auch der Medizin. So fördert das Land Oberösterreich bereits ein Kooperationsprojekt zwischen dem KUK und der RISK Software GmbH für ein optimales Verlegungsmanagement in der Notaufnahme. Da geht es um mehr Patientensicherheit.

Welche Schwerpunkte verfolgt die Forschungsstrategie

Selbstverständlich fühlen wir uns den drei Schwerpunkten der Fakultät verpflichtet, also Klinische Altersforschung, Versorgungsforschung und Medizintechnik. Es gibt bereits eine Reihe von fakultätsübergreifenden Forschungsprojekten, zum Beispiel das Leitprojekt Medizintechnik des Landes Oberösterreich, das mit 2,3 Millionen Euro dotiert ist und zum Ziel hat, eine innovative Trainings- und Planungsplattform für Neurochirurgen zu entwickeln. Die Klinische Forschung ist am Standort bereits sehr gut aufgestellt. Forcieren möchten wir kompetitive Forschungsprojekte, die von öffentlicher Hand, EU oder Forschungsgesellschaften gefördert werden. Nicht zuletzt befindet sich derzeit ein Kompetenzzentrum für klinische Studien im Aufbau. Es soll eine echte Service- und Anlaufstelle bei der Planung von Projekten, bei statistischen Auswertungen oder bei Anträgen an die Ethikkommission sein.

"Forcieren möchten wir kompetitive Forschungsprojekte, die von öffentlicher Hand, EU oder Forschungsgesellschaften gefördert werden."

Wie schwierig gestaltet sich die Besetzung der Lehrstühle?

Bis jetzt konnten sieben klinische Lehrstühle mit international anerkannten Persönlichkeiten besetzt werden. Auch in der Vorklinik – Physiologie, Anatomie, Pharmakologie – sind sehr gute Besetzungen gelungen. Das Kepler Universitätsklinikum kann mit moderner Infrastruktur und ausgezeichneter technischer Ausstattung punkten, aber auch mit einem sehr familienfreundlichen Umfeld. Als spannend werden die großen Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in der noch jungen Fakultät empfunden.

Gibt es ausreichend wissenschaftlichen Nachwuchs für die Medizinische Fakultät?

Nicht nur am Kepler Universitätsklinikum, sondern auch an den regionalen Lehr- und Kooperationsspitälern gibt es eine erfreulich große Anzahl an habilitierten Medizinerinnen und Medizinern, die sehr bemüht sind, bei den Studierenden von Anfang an wissenschaftliches Interesse zu wecken. In diesem Studienjahr wird erstmals das Doktoratsstudium Humanmedizin angeboten, das junge Medizinerinnen und Mediziner auf eine wissenschaftliche Karriere vorbereitet. Es kommt sehr gut an, und die Anmeldefrist läuft noch bis November. Ich war beeindruckt, wie viele Ärztinnen und Ärzte sich spontan bereiterklärt haben, die Betreuung der Doktoranden zu übernehmen. Auch die Nachfrage nach Habilitationsmöglichkeiten ist hoch. Erst kürzlich ist die erste Habilitation erfolgt, ein junger Arzt aus dem KUK.

Wie bewährt sich der Studienplan mit dem modularen Aufbau und dem Anspruch „Medizin neu denken“?

Das Bachelor- und Masterstudium Humanmedizin, wie es in Linz umgesetzt wird, ist österreichweit einzigartig. Es orientiert sich an neuesten Erkenntnissen der Didaktik und Ausbildungsforschung und ist nach den Prinzipien Organzentriertheit, Integration von Querschnittsfächern und hohe Praxisorientierung strukturiert. Durch die Neugründung der Fakultät ist uns etwas gelungen, was an etablierten Fakultäten schwieriger umzusetzen ist. Die Resonanz aus den Kliniken zum Wissensstand und den Fertigkeiten unserer Studierenden ist bisher sehr positiv.

Wie attraktiv ist der Studienort Linz?

Linz zählt zu den stärksten Wirtschaftsstandorten in Europa, die Stadt bietet ein umfangreiches Angebot für Kultur, Sport und Freizeit. Die Wohnkosten sind im Vergleich zu anderen Standorten erschwinglich. Nachtleben, Musik- und Kunstszene sind für Studierende ansprechend. Und das neue, moderne Campusgebäude der Medizin wird ein spannender Ort, an dem sich Studierende sehr wohl fühlen werden.

Wird die Medizinische Fakultät den drohenden Ärztemangel in Oberösterreich maßgeblich beeinflussen?

Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung, eine medizinische Fakultät nach Oberösterreich zu holen, die effizienteste Maßnahme war, um dem drohenden Ärztemangel mittelfristig gegenzusteuern. Im Endausbau werden 300 Studierende jährlich Medizin studieren. Selbstverständlich brauchen wir aber auch attraktive Arbeitsplätze, um die Absolventen in Oberösterreich halten zu können.

"Ich bin überzeugt, dass die Entscheidung, eine medizinische Fakultät nach Oberösterreich zu holen, die effizienteste Maßnahme war, um dem drohenden Ärztemangel mittelfristig gegenzusteuern."

Wie stehen Sie zu Forderungen, die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin in Österreich deutlich zu erhöhen?

Als ehemalige Geschäftsführerin des Kepler Uniklinikums kenne ich die Situation sehr gut und denke, dass das Problem des Ärztemangels mehrschichtig ist. Als Universität sehen wir uns in der Verantwortung, den Studierenden frühzeitig Einblick in Arbeitsbereiche zu geben, in denen Ärztemangel droht. Allgemeinmedizin ist bei uns ein Ausbildungsschwerpunkt, und wir arbeiten sehr eng mit Allgemeinmedizinern aus ländlichen Regionen zusammen, um ein realistisches Berufsbild zu zeigen.

Was sind die nächsten Schritte in Richtung Medical Upper Austria?

Das „MED UP” ist im strategischen Programm „Innovatives Oberösterreich 2020“ verankert, in dem das Aktionsfeld Gesundheit / Alternde Gesellschaft einen wichtigen Schwerpunkt darstellt. Die Forschungs- und Entwicklungskompetenzen des künftigen MED UP bauen auf den Schwerpunkten der Fakultät auf: Klinische Altersforschung, Versorgungsforschung, Medizintechnik. Zu diesen Themen kann Oberösterreich bereits zahlreiche Aktivitäten und erfolgreiche Kooperationsprojekte vorweisen. Das betrifft insbesondere Medical Engineering, Digital Health und Medical Materials, also Werkstoffe für diagnostische oder therapeutische Zwecke.

Wo sehen Sie die Medizinische Fakultät zum 10-Jahr-Jubiläum 2024?

Der Vollausbau ist bis 2028 geplant. Ich denke, dass wir auf dem Weg dorthin in fünf Jahren doch ein gutes Stück weiter sein werden, viele Prozesse und Abläufe gut eingespielt sind und von den 30 geplanten Lehrstühlen ein Großteil mit international anerkannten Persönlichkeiten besetzt sein wird. Das neue Campusgebäude wird das Herzstück der Universität sein und uns alle begeistern.

Interview: Josef Haslinger; Bilder: Weihbold

Elgin Drda, Mag. Dr.

Vizerektorin für Medizin an der JKU

Drda studierte in ihrer Heimatstadt Linz Rechtswissenschaften und war ab 1992 als Juristin am Amt der OÖ. Landesregierung tätig, zuständig für die Landeskrankenanstalten. Nach Absolvierung eines Universitätslehrgangs zur Krankenhausbetriebswirtin und akademischen Krankenhausmanagerin an der Wirtschaftsuniversität Wien wechselte sie 2002 als Prokuristin und Leiterin der Rechtsabteilung zur OÖ. Gesundheits- und Spitals AG (gespag). Von 2004 bis 2008 war Elgin Drda Leiterin der Abteilung Soziales beim Amt der OÖ. Landesregierung, danach Büroleiterin von Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer. 2015 übernahm sie die Geschäftsführung des Kepler Universitätsklinikums für die Bereiche Finanzen, Personal, Organisation und Pflege. Im Sommer 2019 wurde die 52-Jährige zur Vizerektorin für Medizin an der JKU berufen.