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Gesundheit
Oberösterreich
30.07.2020

„Der Faktor Mensch ist unverzichtbar“

Elisabeth Bräutigam wurde zur neuen Ärztlichen Direktorin des Ordensklinikums Linz Barmherzige Schwestern bestellt. Im Gespräch gibt die Onkologin einen Einblick in die Herausforderungen des Klinikbetriebes und einen Ausblick auf die medizinische Versorgung der Zukunft.

Was sehen Sie in Ihrer neuen Verantwortung als Ärztliche Direktorin des Ordensklinikums Linz Barmherzige Schwestern als größte Herausforderung?

Elisabeth Bräutigam: Die größte Herausforderung ist die Personalrolle im ärztlichen Bereich. Es ist eine große Verantwortung, für alle Mitarbeiter Rahmenbedingungen zu gewährleisten, die es für eine motivierende Arbeitsumgebung braucht. Das Ziel ist, dass jeder gerne in die Arbeit kommt. Der Wunsch geht hier immer mehr in Richtung alternativer Arbeitszeitmodelle, hier hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren sehr viel getan.

In welche Richtung geht es?

Mittlerweile gehen sehr viele ärztliche Kollegen in Väterkarenz. Das zu ermöglichen ist mir ein persönliches Anliegen. Im Interesse der Familie stehen Mann und Frau heute gleichermaßen im Erwerbsleben, somit ist das Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschlechtsunabhängig. Wir haben alle einen sozialen Beruf gewählt, da muss es auch möglich sein, dass die Rahmenbedingungen den familiären Anforderungen entsprechen. Außerdem ist es wichtig, dass die Mitarbeiter einen Raum bekommen, wo sie ihre Ideen einbringen können. Die meist sehr guten Ideen sollen gehört werden.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf den Gesundheitsbereich zu?

Hier spielt auch der Personalbereich eine große Rolle. Viele niedergelassene Ärzte – der vielzitierten Generation Baby-Boomer – gehen in den nächsten Jahren in Pension. Durch die Probleme bei der Nachbesetzung wird mehr Arbeit auf das Krankenhaus zukommen. Hier werden wir mit strukturellen Anpassungen reagieren müssen. Es darf aber nicht passieren, dass die Erstversorgung in den Krankenhäusern mit den Themen der niedergelassenen Medizin belastet wird.

„Es darf nicht passieren, dass die Erstversorgung in den Krankenhäusern mit den Themen der niedergelassenen Medizin belastet wird.“

Gibt es im Hinblick auf die Digitalisierung noch andere Möglichkeiten, auf den drohenden Versorgungsengpass zu reagieren?

Ich glaube, dass die Digitalisierung hier auch eine Chance bietet, das abzufedern. Bei den Elisabethinen wurdediesbezüglich gerade ein Pilotprojekt in der Dermatologie gestartet. Es erfolgt ein telemedizinischer Austausch zwischen Arzt und Patient.

Diagnosen werden künftig vermehrt von Algorithmen generiert. Inwiefern wird das den Beruf des Arztes verändern?

Ich sehe das so, dass die Nutzung der Digitalisierung im Alltag unmittelbar vor der Tür steht. Sie wird den Patienten viel Lebensqualität bringen. Man spart sich Wartezeiten und Wege ins Krankenhaus, in manchen Bereichen werden sich ganz neue Strukturen bilden. Das Bild, dass ein Arzt in einem Raum sitzt, und draußen viele Patienten warten, wird sich in Zukunft ändern.

„Die Digitalisierung wird den Patienten viel Lebensqualität bringen.“

Wie wird sich die Digitalisierung Ihrer Meinung nach auf den Krankenhausalltag auswirken?

Es gibt viele Bereiche in der Medizin, die man digitalisieren kann. In der Administration und in der Dokumentation ist das Potenzial für eine Zeitersparnis riesig. Damit bleibt mehr Zeit für die Dinge, die wichtig sind. Zum Beispiel bei Brustkrebsdiagnosen durch eine Mammographie kann ein Algorithmus besser sein als jeder Mediziner. Anders ist es bei chronisch kranken Patienten, bei denen die persönliche Betreuung ausschlaggebend für Heilung und Begleitung sein kann. Das wird uns die Künstliche Intelligenz nicht lösen. Sie kann eine gute Unterstützung sein, aber bei einer ganzheitlichen Betrachtung des Patienten ist der Faktor Mensch unverzichtbar.

Geht es um Digitalisierung, geht es immer auch um Datenschutz. Sehen Sie hier Risiken?

Das Datenschutzthema hat man überall. Man muss in der heutigen Zeit damit leben, dass jeder zu jeder Zeit weiß, was man tut. Die Banken wissen im Grunde auch über alles Bescheid – was man in der Freizeit gerne macht oder wo man wann einkauft. Zum Glück haben wir in der EU die Datenschutzgrundverordnung, damit sind wir global Vorreiter, was die Sicherung der Daten angeht. Internationale Firmen werden sich da künftig an unsere Rechtslage anpassen müssen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Wer seine Genomanalyse beispielsweise über eine amerikanische Firma übers Internet machen lässt, gibt unter Umständen alle seine Daten her. Mit der elektronischen Gesundheitsakte Elga ist es hierzulande für Patienten möglich, eine Erkrankung durch ein generelles Opt-Out oder ein sogenanntes situatives Opt-Out der weiteren elektronischen Bearbeitung zu entziehen. Damit behält der Patient die Kontrolle über seine Daten.

Weil soziale Faktoren einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit haben, stellen Ärzte in England Rezepte für soziale Aktivitäten wie Kochkurse aus. Sehen Sie hier auch einen Ansatz für das Krankenhaus der Zukunft?

Ja, man muss verstärkt in diese Richtung gehen. Gerade in der Notfallaufnahme stellt sich oft heraus, dass ein ganz anderes Thema hinter den Beschwerden steht. Da ist es wichtig, dass man für diese Patienten ein Angebot hat. Wir sind im Bereich der Selbsthilfegruppen sehr aktiv. Denn auch für chronisch Kranke ist die soziale Interaktion enorm wichtig. Durch die Vernetzung und den Austausch mit Gleichgesinnten entwickelt man nicht so leicht Ängste und kann besser mit der Erkrankung umgehen. Die sozialen Medien spielen im Bereich der Selbsthilfegruppen eine wichtige Rolle. Zusätzlich gibt es Initiativen wie zum Beispiel selbertun.at, eine Infoplattform für onkologischePatienten.

Interview: Gertraud Gerst; Bild: Werner Harrer

Elisabeth Bräutigam, Mag. Dr.

Ärztliche Direktorin des Ordensklinikums Linz Barmherzige Schwestern

Bräutigam ist Fachärztin für Radioonkologie und Oberärztin an der Abteilung für Strahlentherapie und Radioonkologie im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Im Bereich der Krebstherapie ergänzt sie konventionelle Strahlentherapie mit komplementärmedizinischen Methoden. Dabei setzt die ausgebildete Allgemeinmedizinerin auf neueste Erkenntnisse aus der orthomolekularen Medizin sowie der Phyto- und Misteltherapie. Bräutigam schloss 2001 ihr Medizinstudium an der Universität Wien ab, fast gleichzeitig erhielt sie ihr Medizinrechtsdiplom. Danach absolvierte sie die Ausbildung zur Fachärztin für Radioonkologie, 2012 folgte außerdem die Sponsion zur Mag.a iuris an der Universität Wien. Seit ihrem Turnus ist Bräutigam am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern tätig, dazu kamen Studienaufenthalte am Royal Marsden Hospital in London und am Hirntumorzentrum in Frankfurt an der Oder. Seit November 2019 ist Bräutigam interimistische Ärztliche Direktorin des Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.