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Gesundheit
Oberösterreich
06.12.2023

„Digitalisierung um der Digitalisierung willen bringt wenig“

Am 15. September hat die Betriebswirtin Elvira Czech die Geschäftsführung des Herz-Jesu Krankenhauses Wien übernommen. Im Interview spricht sie über ihr Verständnis von Unternehmensführung, warum Arbeit immer einen Sinn haben muss sowie Digitalisierung und den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen.

Sie sind seit Mitte September die neue Geschäftsführerin des Herz-Jesu-Krankenhauses Wien. Wie waren die ersten Wochen?

Der Start war sehr intensiv und ich hatte gleich an meinem ersten Arbeitstag meine erste Aufsichtsratssitzung. Ich habe aber schon vorher viele Personen aus dem Haus und auch den Vorstand kennengelernt. Insgesamt war mein Einstieg sehr herzlich, ich habe mich sehr willkommen gefühlt.

Sie treten die Nachfolge von David Pötz an, der mehr als zehn Jahre Geschäftsführer war. 

Ich habe den Eindruck, dass David Pötz hier mit zwei weinenden Augen verabschiedet wurde. Er hat einen großartigen Job gemacht, was man an der Prosperität des Krankenhauses während seiner Zeit als Geschäftsführer im Haus ablesen kann. Gleichzeitig wurde ich aber mit offenen Armen empfangen - viele haben mir gesagt, dass sie sich freuen, mit mir einen neuen Weg gehen zu können.

Fast zeitgleich mit Ihnen wurde in einem zweiten Krankenhaus der Vinzenz Gruppe, dem Göttlicher Heiland Krankenhaus, mit Michaela Latzelsberger ebenfalls eine Frau in die Geschäftsführung berufen. Das sieht nach einer Diversitätsoffensive in der Vinzenz Gruppe aus. Hat das Geschlecht bei Ihrer Bestellung eine Rolle gespielt?

Ich gehe davon aus, dass die Vinzenz Gruppe immer die beste Person auswählt, unabhängig vom Geschlecht. Ich denke, dass ich bestellt wurde, weil ich im Hearing zeigen konnte, dass ich die meisten Kompetenzen mitbringe. Michaela Latzelsberger und ich wurden ausgewählt, weil man der Meinung ist, dass wir am besten von allen Bewerbungskandidaten und - kandidatinnen in diese Positionen passen.

Unter dem Begriff „Female Leadership“ werden mögliche positive Eigenschaften von Frauen in Führungspositionen wie Umsicht, Kooperation und Empathie hervorgehoben. Führen Frauen anders als Männer?

Ich hatte in meiner Berufslaufbahn sowohl Männer als Vorgesetzte als auch Frauen. Und bei beiden Geschlechtern gab es gute und schlechte Vorbilder. Ich glaube nicht, dass das Geschlecht darüber entscheidet, ob jemand eine gute Führungskraft ist oder nicht.

Was macht eine gute Führungskraft aus?

Zum einen braucht man eine Werkzeugkiste an Hard Skills. Da bringe ich einiges mit, von der Betriebswirtschaft bis zu Kenntnissen im Gesundheitswesen. Andererseits braucht man gute Führungskompetenzen, wie klare Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit, Empathie, um nur einige wenige zu nennen. Wie bringe ich Menschen mit unterschiedlichen Interessen dazu, im Sinne der strategischen Zielsetzung des Hauses zusammenzuarbeiten? Wie kann ich Interessenskonflikte ausgleichen? Wie moderiere ich ein schwieriges Meeting? Man ist dann eine gute Führungskraft, wenn man ein Arbeitsumfeld schafft, in dem alle gut, auf Augenhöhe und transparent miteinander kommunizieren und Themen partnerschaftlich lösen.

"Ein Job muss für mich immer einen Sinn haben, den Menschen oder der Gesellschaft als solcher helfen."

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren für Licht für die Welt beziehungsweise das Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser gearbeitet. Wie passt da Ihr neuer Job als Geschäftsführerin des Herz-Jesu Krankenhauses dazu?

Ein Job muss für mich immer einen Sinn haben, den Menschen oder der Gesellschaft als solcher helfen. Das war bei Licht für die Welt der Fall, wo man Menschen hilft, die erblindet sind. Und das war bei den Wiener Pensionisten-Wohnhäusern der Fall, wo man Menschen hilft, die nicht mehr alleine leben können. Als Geschäftsführerin kann ich direkten Einfluss auf die Gesundheitsversorgung der Menschen nehmen. Insofern passt mein neuer Job sehr gut in diese Reihe.

Die Vinzenz Gruppe gehört einer gemeinnützigen Privatstiftung der Barmherzigen Schwestern und ist daher von christlichen Werten geprägt. Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist es ganz wichtig, den Menschen als Ganzes zu sehen. In einem Krankenhaus sollte man nicht nur auf den Körper schauen, sondern auch auf die psychische Gesundheit. Körper, Geist und Seele bilden in meinen Augen die Basis für Genesung und Wohlbefinden des Menschen.  

Das Gesundheitswesen steht vor enormen Herausforderungen, es fehlt an allen Ecken und Enden an Fachkräften, der Kostendruck ist enorm. Warum tun Sie sich diesen Job an?

Gerade jetzt braucht es Menschen, die etwas Positives bewirken wollen. Und zwar in einem Dreieck zwischen Patienten und Patientinnen, Mitarbeitenden und Wirtschaftlichkeit. Ich glaube, dass ich für dieses Dreieck eine gute Balance mitbringe. Wir müssen uns sehr genau überlegen, wo und wie wir die knappen Ressourcen einsetzen, um mit kompetenten und motivierten Mitarbeitenden qualitativ hochwertige Leistungen anbieten zu können, um die Wartelisten der Patienten und Patientinnen zu verkürzen und zudem unser gesamtes Leistungsportfolio so weiterzuentwickeln, dass auch der Patient der Zukunft gut versorgt werden kann. Denn eines ist klar: Durch die demografische Entwicklung wird es immer mehr Patienten geben. Deshalb müssen wir uns jetzt so aufstellen, dass wir dieses Dreieck aus Patienten, Mitarbeitenden und Wirtschaftlichkeit gut bedienen können.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist unbestritten die Digitalisierung. Wie sieht hier Ihre Agenda für die nächsten Jahre aus?

Man muss sich schon wundern, warum in manchen Bereichen noch nicht digital oder mittels Online-Formularen gearbeitet wird, zum Beispiel im Zuweisermanagement. Aber natürlich steckt der Teufel oft im Detail. Meistens wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am besten, was man vereinfachen kann. Und die Leute sind extrem motiviert, sich in diesem Bereich einzubringen, die Dinge voranzutreiben und zu verbessern. Das finde ich wirklich super! Aber: Digitalisierung um der Digitalisierung willen bringt wenig. Der Antrieb für die Digitalisierung muss immer sein, dass wir entweder mehr Zeit für die Mitarbeitenden oder mehr Zeit und Qualität für die Patienten und Patienten schaffen oder im Idealfall beides. Es geht immer darum, die Mitarbeitenden zu entlasten, um diese Ressourcen dann besser für die Patienten und Patientinnen einsetzen zu können. 

Haben Sie ein positives Beispiel für Digitalisierung im Herz-Jesu Krankenhaus parat?

Wir haben seit kurzem eine neue digitale Lagerlogistik für Sterilgutlagerung, die hat mich sehr beeindruckt. Damit kann auf sehr engem Raum sehr effizient, ergonomisch und sicher kommissioniert werden. Der jeweilige Artikel kommt zur Person und nicht umgekehrt – und das spart wertvolle Zeit! Durch die kompakte Bauweise wird auch Lagerkapazität eingespart – besonders wichtig als Krankenhaus im Zentrum der Stadt mit eingeschränktem Platzangebot. Das automatische Regalsystem liefert auch immer nach dem First-in-First-out-Prinzip, das heißt die ältesten gelagerten sterilen Tassen kommen als erstes wieder hinaus, was besonders im Hinblick auf die Patientensicherheit ein wichtiger Faktor ist.

"Als Nächstes wollen wir die App "Hallo Gesundheit" der Vinzenz Gruppe bei uns ausrollen."

Was kommt als nächstes dran?

Im Herz-Jesu-Krankenhaus sind wir sehr innovativ unterwegs. Wir haben bereits in der Ambulanz ein Online-Check-In-Terminal. Wir haben ein neues Patienten-Infotainment-System, mit dem die Patientinnen und Patienten zum Beispiel ihr Essen digital bestellen können und gezieltes Videomaterial für ihre Therapie bekommen. Als Nächstes wollen wir die App „Hallo Gesundheit“ der Vinzenz Gruppe bei uns ausrollen, die zuerst bei den Barmherzigen Schwestern und im Göttlicher Heiland Krankenhaus ausgerollt worden ist. In welchen Bereichen uns die App konkret unterstützen wird – diese Frage wird uns 2024 intensiv beschäftigen.

Was erwarten Sie sich von der App „Hallo Gesundheit“?

Die Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten kann deutlich verbessert werden. Sei es digitale Sprechstunden besuchen, Termine organisieren oder Befunde abrufen, für Patientinnen und Patienten wird dadurch einiges einfacher werden. 

Aber nicht jede Patientin und jeder Patient ist in der Lage oder willens, digital zu agieren.

Deshalb müssen wir hybride Angebote machen. Für diejenigen, die nicht online können oder wollen oder vielleicht das persönliche Face-to-Face-Gespräch bevorzugen, müssen wir analoge Alternativen anbieten. Aber es gibt genug Menschen, die sich freuen werden, wenn sie einen Termin nicht hier im Krankenhaus wahrnehmen müssen, sondern ihn per Videokonferenz abwickeln können.  

Der Mangel an Fachkräften ist im Gesundheitswesen quer durch alle Bereiche enorm. Wo können und wo wollen Sie hier ansetzen?

Wenn wir ein gutes Krankenhaus sein wollen, brauchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die motiviert sind, die gut ausgebildet sind und die sich in ihrem Arbeitsumfeld sicher und nicht überfordert fühlen. Wir müssen also dafür sorgen, dass die Mitarbeiter eine gute Ausbildung bekommen, dass sie sich wohl fühlen, dass wir eine gute Unternehmenskultur und eine gute Arbeitsatmosphäre haben. Das oberste Gebot ist aber, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden. 

Wie schwierig ist es, neue Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt zu finden?

Es gibt immer noch kompetente Menschen auf dem Arbeitsmarkt, aber es sind nicht mehr so viele wie früher und sie sind vielleicht nicht mehr so gut ausgebildet wie früher. Grundsätzlich haben wir hier im Herz-Jesu Krankenhaus aber einen recht gut gefüllten Stellenplan. Da dürften wir in der Vergangenheit wohl einiges richtig gemacht haben. Schaffen wir gute Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeitenden, spricht sich das dann auch in der Branche herum. Und genau das müssen wir beibehalten.

Abschließend eine persönliche Frage. Sie haben zwei Kinder und eine Führungsposition in einer anspruchsvollen Branche. Das mit der gesunden Work-Life-Balance wird für Sie in den nächsten Jahren wohl schwierig werden.

Ich habe schon in den letzten Jahren Vollzeit in verantwortungsvollen Positionen gearbeitet und mit einem guten Organisationskonzept und einem guten Netzwerk im Hintergrund geht sich das aus. Ohne die familiäre Unterstützung würde das nicht gehen, das ist klar. Ich habe tüchtige Omas, 14 Nichten und Neffen - meine Kinder freuen sich immer sehr, wenn sie einen Nachmittag mit den Cousins und Cousinen verbringen dürfen. Und ich glaube auch, dass die Zeiten, in denen man 60 oder 80 Stunden pro Woche gearbeitet hat, vorbei sind. Man kann mit weniger Stunden genauso viel weiterbringen. Ja, die Balance zwischen Arbeit und Familie ist manchmal sehr herausfordernd, aber es ist mir sehr wichtig, Zeit für meine Familie zu haben. Ich arbeite im Krankenhaus eng mit einem hochqualifizierten Team zusammen, und wir führen das Krankenhaus gemeinsam. Und die Vinzenz Gruppe ist ein Arbeitgeber, dem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Anliegen ist. Schön, dass ich zeigen kann, dass dies auch in Führungspositionen möglich ist.

Interview: Karl Abentheuer; Foto: Herz-Jesu Krankenhaus Wien

Elvira Czech, Mag.a, MBA

Geschäftsführerin des Herz-Jesu Krankenhaus Wien

Nach dem Betriebswirtschaftsstudium an der Wirtschaftsuniversität Wien war Czech in der Managementberatung tätig, bevor sie zu Licht für die Welt in den Bereich Augengesundheit und inklusive Entwicklungsarbeit wechselte. Nach Abschluß des MBA für Health Care Management an der Executive Academy der WU Wien verantwortete sie als Regionalleiterin im Kuratorium der Wiener Pensionisten-Wohnhäuser 15 der insgesamt 30 Häuser. Seit 15. September ist sie Geschäftsführerin des Herz-Jesu Krankenhauses Wien, der orthopädischen Fachklinik der Vinzenz Gruppe im dritten Wiener Gemeindebezirk. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

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