INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
20.04.2021

"Der Preis ist nicht gerechtfertigt"

Mit einem Preis von 1,8 Millionen Euro wurde kürzlich in der EU das bislang teuerste Medikament der Welt zugelassen. Zur entfachten ethischen Debatte haben wir Public-Health-Expertin Claudia Wild befragt.

Noch vor vier Jahren gab es keine medikamentöse Behandlungsmöglichkeit gegen die Spinale Muskelatrophie (SMA). Diese Erbkrankheit ist durch eine fortschreitende Muskelschwäche gekennzeichnet und endet oft schon im Kleinkindalter tödlich. Mittlerweile hat sich die Lage durch die Entwicklung innovativer Gentherapien verändert. 

Vor allem das kürzlich in der EU zugelassene Medikament Zolgensma sorgte für Diskussion. Mit einem Preis von 1,8 Millionen Euro ist es das bislang teuerste Medikament der Welt. Vor seiner Zulassung wurde es unter erkrankten Kindern verlost. Es wird durch eine einmalige intravenöse Infusion verabreicht und soll ein Leben lang wirken. Bereits verloren gegangene Fähigkeiten lassen sich mit dieser Therapie nicht wiederherstellen, daher werden Patienten bereits im Alter von wenigen Monaten mit dem Therapeutikum behandelt. Der extrem hohe Preis neuartiger Hightech-Therapeutika wirft einige ethische Fragen auf, die Public-Health-Expertin Claudia Wild beantwortet hat.

Anfang des Jahres wurde das bislang teuerste Medikament der Welt vor der Zulassung unter Kindern verlost, die an spinaler Muskelatrophie erkrankt sind. Ist so eine „Überlebenslotterie“ ethisch vertretbar?

Claudia Wild: Das ist eine völlig abstruse Idee. Es bräuchte hier eine klare Indikationsstellung, die für die ganze Welt gilt. Doch im Grunde hakt es bei der gesamten Finanzierung des Medikaments – von der Entwicklung bis zur Zulassung. 

Inwiefern?

Da wird eine Gentherapie zugelassen – mit einer Zulassungsstudie mit 12 Patienten –, und wir zahlen zunächst nur die Hoffnung. Wir wissen nicht, ob das jetzt ein Durchbruch ist, beziehungsweise wie groß die Effekte sind. Der Preis ist völlig ungerechtfertigt, da die gesamte Grundlagenforschung und ein Teil der klinischen Forschung von der öffentlichen Hand und von gemeinnützigen Organisationen bezahlt wurde. Sobald dann patentierbares Wissen vorhanden ist, wird es für einen Apfel und ein Ei an ein Pharmaunternehmen verkauft, um es dann für viel Geld wieder zurückzukaufen. Das ist verrückt. 

Vor allem in der Gentherapie ist künftig mit sehr hohen Medikamentenpreisen zu rechnen. Was kann ohne politischen Rahmen für eine Finanzierung passieren?

Ja, Zolgensma ist nur ein Medikament von vielen. Es kommen jetzt zahlreiche neue Gentherapien auf den Markt. Bei den hohen Medikamentenkosten werden wir künftig keine Erkrankungen mehr behandeln können, weil das System kein Geld mehr hat. Patientengruppen, die keine starke Lobby haben, bleiben dabei auf der Strecke.

„Patientengruppen, die keine starke Lobby haben, bleiben dabei auf der Strecke“, sagt Public Health-Experting Claudia Wild.

Unter Medizinethikern wurde der Ruf laut, Medikamentenpreise zu deckeln. Was halten Sie davon?

Ich kann mit einer Preisdeckelung wenig anfangen, denn: Woran mache ich sie fest? Ich bevorzuge andere Regelungen. Bei öffentlicher Förderung eines Medikaments müssen sozial verträgliche Preise gemacht werden. Öffentliche Forschung muss an Forderungen und Konditionen gebunden werden, und tatsächlich ist es so, dass in der Grundlagenforschung aller Pharmazeutika öffentliche Mittel stecken. Zudem braucht es eine verpflichtende Preisbildungsoffenlegung durch Medikamentenhersteller.

Wie könnte eine alternative Preisgestaltung aussehen?

Die Bezahlung sollte in Milestone Payments erfolgen, das heißt, dass nur bei Wirksamkeit bezahlt wird. Diese müsste im Fall von Zolgensma an größeren Entwicklungsschritten des Kindes festgemacht werden, zum Beispiel, dass es sich mit einem bestimmten Alter aufsetzen kann. Zudem braucht es eine österreichweite Regelung, damit kein Patiententourismus entsteht, wie etwa bei der Verschreibung von Nusinersen, dem Vorgängerprodukt von Zolgensma. In der Steiermark etwa haben nur symptomatische Kinder bis neun Jahre Anspruch auf die Therapie, in anderen Bundesländern wie Wien oder Oberösterreich dagegen gibt es kaum Altersbeschränkungen. Hier bräuchte es ein Gremium, das österreichweite Regelungen schafft. 

Der Pharmakonzern Novartis begründet den hohen Preis von Zolgensma damit, dass statt einer lebenslangen Therapie nur eine einmalige Gabe erforderlich sei, und es nur eine geringe Anzahl von Patienten gebe. Der Preis richtet sich also marktwirtschaftlich nach Angebot und Nachfrage. Gibt es diesbezüglich ethische Bedenken?

Im Grunde geht es darum, die Aktionäre zu bedienen. Novartis stellt die Hochrechnung an, was ein SMA-Patient lebenslang kostet oder eben eventuell nicht kostet. Das Problem dabei ist, dass wir ja gar nicht wissen, was Zolgensma für langfristige Effekte hat. So eine Kalkulation ist nicht bezahlbar. Von den 37 Milliarden Euro Ausgaben im Gesundheitswesen im Jahr will jeder einen Marktanteil. Doch das Gesundheitswesen ist kein Markt. Im derzeitigen System stecken eine Reihe von Fehlern.

Welche wären das?

Ein Problem ist, dass man die berufliche Fort- und Weiterbildung der Ärzte der Industrie überlassen hat. In Wahrheit sind die Ärzte die Einkäufer, die für die Pharmaindustrie den Markt erschließen. Das darf nicht sein, die Fortbildung sollte ausschließlich in öffentlicher Hand liegen. Außerdem werden Behörden wie die EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur) zu 90 Prozent durch Einreichungen der Pharmaindustrie bezahlt. Bei weniger Zulassungen würden sie weniger Geld bekommen. Das ist ein weiterer Systemfehler, den man bereinigen muss.

Sehen Sie Tendenzen einer Richtungsänderung?

Ja. Ein zivilgesellschaftliches Engagement gegen exzessive Medikamentenpreise gibt es bereits seit Jahrzehnten. Mittlerweile wurde die Thematik von der EU aufgegriffen. Die Europäische Kommission setzt sich dafür ein, dass es bei öffentlicher Forschungsfinanzierung eine sozial verträgliche Preisgestaltung gibt. Damit ist die Sache auf höchster politischer Ebene angekommen. Das finde ich großartig. 

Was wünschen Sie sich aus ethischer Sicht für die Zukunft des Gesundheitswesens?

Es mag nach einer Plattitüde klingen, ist aber wirklich ernst gemeint: Ich wünsche mir, dass künftig der Patient im Mittelpunkt steht, und dass man sieht, was er tatsächlich braucht. In erster Linie ist es nämlich nicht ein Medikament, das er braucht, sondern ein offenes Ohr. Jede Krankheit hat nämlich einen Ursprung, und den gilt es ausfindig zu machen – sei er sozialer, psychischer oder körperlicher Natur. Derzeit basiert unser System auf einer produktorientierten Medizin und nicht auf einer Caring Medizin. Die ist jedoch deutlich effektiver und sollte im Vordergrund stehen. Das ist eine Frage der Ethik, denn Patienten, denen eine Caring Medizin besser helfen kann, haben keine Lobby. 

Interview: Gertraud Gerst; Bilder: Pixabay, HTA Austria

Claudia Wild, Priv.-Doz. Dr. phil.

Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment

Claudia Wild ist sei 2020 Geschäftsführerin des Austrian Institute for Health Technology Assessment, einer unabhängigen Instanz, die mit ihrer interdisziplinären Arbeit Entscheidungsträger im Gesundheitswesen unterstützt. Sie ist Lehrbeauftragte in zahlreichen österreichischen Masterlehrgängen auf Universitäten und Fachhochschulen. Zudem ist sie Gutachterin im Bereich Public Health und Mitglied von Fachbeiräten zahlreicher Organisationen, wie Transparency International.