INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
02.12.2020

Wird der Tod verschreibungspflichtig?

Ein selbstbestimmtes Lebensende fordern die einen. Die anderen warnen davor, dass Sterben zum Geschäftsmodell werden könnte, wenn das derzeitige Sterbehilfeverbot fällt. Moraltheologe Michael Rosenberger über die aktuelle Debatte zur Euthanasie.

Der österreichische Verfassungsgerichtshof befasst sich derzeit mit dem Verbot der Sterbehilfe. Vier Antragsteller wollen die Strafgesetzbuch-Paragraphen 77 und 78 – Tötung auf Verlangen und Mitwirkung am Selbstmord – kippen. Das würde künftig den assistierten Suizid straffrei stellen, der derzeit ebenso per Gesetz verboten ist wie die aktive Sterbehilfe. Über eine mögliche Aufweichung dieser Rechtslage gibt es heftige Kontroversen. Moraltheologe Michael Rosenberger möchte den Fokus in dieser Debatte verstärkt auf die sozialen und gesellschaftlichen Faktoren richten, die oft hinter einem Suizidwunsch stecken.

Befürworter einer gesetzlichen Lockerung argumentieren oft mit einem selbstbestimmten Lebensende. Gibt es ein Recht zu sterben, auch wenn es dabei die Hilfe anderer benötigt?

Michael Rosenberger: Ein Recht zu sterben gibt es in keinem Land, sondern lediglich die Straffreiheit. Sonst könnte ich von einem Mediziner erzwingen, mir beim Selbstmord zu helfen. Hier muss man gut unterscheiden. Wenn sich jemand das Leben nehmen will, ist man verpflichtet, ihn daran zu hindern. Wenn ich das nicht tue, kann ich für unterlassene Hilfeleistung belangt werden. Es gibt eine Verpflichtung des Menschen, das Leben zu leben. Doch damit ist kein Recht verbunden, das ist sehr wichtig in der Debatte.

"Es gibt eine Verpflichtung des Menschen, das Leben zu leben."

In diesem Fall leiden die Betroffenen allerdings meist an einer terminalen Krankheit mit enormem Leidensdruck. Ist es nicht eine Form der Humanität, das Leid auf Wunsch des Leidenden durch den Tod zu beenden?

Es kann solche extremen Fälle des Leidens geben. Die Medizin spricht von rund einem Prozent aller Palliativpatienten, denen man mit schmerzlindernden Medikamenten nicht wirksam helfen kann. Das ist eine relativ kleine Zahl von Sterbenden. Wir verstehen die Ausweglosigkeit dieser Menschen, aber jetzt ist die Frage: Machen wir für diese wenigen Menschen ein Gesetz? Oder werden Einzelfälle im Nachhinein vor Gericht behandelt? Womöglich ist das für diese seltenen Einzelfälle der klügere Weg. 

Warum?

Wir sehen es in der Schweiz und in den US-Bundesstaaten Washington oder Oregon, wo der assistierte Suizid straffrei ist. Hier explodieren die Zahlen derer, die das in Anspruch nehmen. Dabei handelt es sich offensichtlich nicht nur um Extremfälle, sondern hier wird eine derartige Regelung missbraucht.

In der Schweiz ist es tatsächlich so, dass die Organisationen für Sterbehilfe sehr hohe Umsätze machen.

Kritiker meinen, dass bei einer gesetzlichen Lockerung Sterben zum Geschäftsmodell werden könnte. Teilen Sie diese Kritik?

In der Schweiz ist es tatsächlich so, dass die Organisationen für Sterbehilfe sehr hohe Umsätze machen. In den USA dagegen ist dies nicht der Fall. Dort wird es über die Krankenhäuser und die Ärzteschaft geregelt. Einem entsprechenden Geschäftsmodell wurde damit von vornherein das Wasser abgegraben. Die Mehrheit der Bioethikkommission in Österreich spricht sich für das amerikanische Modell aus. Ich bin dennoch kein Freund dieser Variante, da dort die Zahlen der assistierten Suizide ebenfalls explodieren.

Was steckt dahinter, wenn Schwerkranke ihrem Leben ein Ende setzen wollen?

Wir sind in unserer Gesellschaft sehr stark Individualisten. Wir fragen, ‚was bringt mein Leben noch für mich?‘ Und nicht: ‚Wo kann ich für andere noch etwas bedeuten?' Wir haben auch eine Verantwortung für andere Menschen. Soziale Beziehungen werden heute immer weniger gesehen. Sehr oft ist es die Angst, Angehörigen zur Last zu fallen, die Sterbende in den Suizid treibt. Dazu gibt es empirische Befragungen.

Der Verfassungsgerichtshof befasst sich mit diesem gesellschaftspolitisch brisanten Thema. Viele hoffen, dass der VfGH hier einen Schritt in Richtung Selbstbestimmung setzen wird. Können Sie ihre Position verstehen?

Wenn man nur auf den Einzelfall eines Sterbenden schaut, kann ich es gut verstehen. Aber man muss auch fragen: Was löst eine Gesetzesänderung insgesamt an Dynamiken aus? Wenn ich sehe, wie es in der Schweiz oder in Oregon läuft, muss ich das als Gesetzgeber mitdenken.

Überspitzt gefragt: Muss man geistig gesunde Menschen vor ihren eigenen Entscheidungen schützen?

In gewisser Weise ist das schon so. Der Gesetzgeber hat die Aufgabe, Menschen vor gewissen Dingen zu beschützen. Ein Suizid betrifft auch andere, und jeder hat auch soziale Verantwortung für andere.

Ist es nicht gerade das Fehlen an sozialer Verantwortung, das kranke, ältere Menschen oft zusätzlich belastet?

Die größte Altersgruppe derjenigen, die Suizid begehen, ist die der über 70- und über 80-Jährigen, die aber zum Großteil kerngesund sind. Das muss für unsere Gesellschaft ein Alarmsignal sein. Häufig ist der Ehepartner gestorben, der in vielen Fällen die einzige Kontaktperson war. So wie im Film „Amour“ von Michael Haneke, bei dem es um aktive Sterbehilfe geht. Das ist eigentlich etwas Erschreckendes. 

Wie kann man da gegensteuern?

In England gibt es ein eigenes Ministerium gegen die Einsamkeit im Alter. Auch bei uns wird die Materie sehr stark wahrgenommen. Man versucht ältere Menschen mehr in soziale Netzwerke einzubinden, wo sie auch noch eine Aufgabe haben. Denn de facto ist das der Hauptgrund für Suizid im Alter. 

Welche Entwicklung würden Sie sich für die Sterbehilfe wünschen?

Wenn dieser Paragraph erhalten bleibt, würde ich mir wünschen, dass die Gerichte wirklich den Mut haben, im begründeten Einzelfall einen Arzt freizusprechen, der Beihilfe zum Suizid geleistet hat. Denn im Grunde kann uns kein Gesetz die eigene Verantwortung abnehmen. Letztlich müssen wir immer nach eigener Verantwortung entscheiden. Das ist auch etwas, das Ärzte in ihrer Ausbildung lernen. 

Außerdem wünsche ich mir in dieser Debatte, dass wir uns verstärkt damit auseinandersetzen, was wir gegen Einsamkeit und Beziehungsverlust im Alter tun können. Das wichtigste im Leben von Menschen sind die Beziehungen. Ziel wäre es, dass im Alter nochmal eine wertvolle Lebensphase beginnt, in der der Wunsch nach Suizid gar nicht erst aufkommt.

Interview: Gertraud Gerst; Bilder: Suzy Stöckl, pixabay

Michael Rosenberger, Univ.-Prof. Dr.

Moraltheologe

Rosenberger ist Vorstand des Instituts für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz. Er wurde 1962 in Würzburg geboren, ist geweihter Priester und seit 2004 Mitglied der Gentechnik-Kommission beim Österreichischen Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Zwischen 2006 und 2010 war Rosenberger Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz.