INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
21.08.2019

Es zählen ausschließlich die Bedürfnisse der Patienten

Die Vinzenz Gruppe zeigt beim Europäischen Forum Alpbach die Vorteile und Herausforderungen der digitalen Patientenversorgung auf.

Internationale Experten sind sich einig: Die Digitalisierung wird das Gesundheitswesen völlig umkrempeln. Das Zwischenmenschliche wird aber weiterhin der zentrale Faktor im System bleiben und der Mensch wird noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Chancen der Digitalisierung überwiegen somit eindeutig die Risiken. So lautete der Grundtenor bei der Diskussion über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das heimische Gesundheitswesen, die die Vinzenz Gruppe im Rahmen der Gesundheitsgespräche des Europäischen Forum Alpbach organisiert hat.

Der rasante technologische Fortschritt fordert einen sensiblen Umgang mit den Menschen – insbesondere im Gesundheitssystem. Über den herausfordernden Spagat zwischen analoger und digitaler Patientenversorgung im „Spital der Zukunft“ diskutierte Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe, gemeinsam mit der Innovationsforscherin Eva Maria Kirchberger, Imperial Dyson School of Design Engineering in London, und der Medizinethikerin Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, TU München.

Mehr Freiheit für Patienten

Die Digitalisierung wird den Patienten noch mehr Selbstbestimmung ermöglichen als bisher, ist Heinisch überzeugt. „Patienten erhalten mehr Freiheit – sie werden den Ort und die Zeit bestimmen, an der sie ihre Gesundheitsdienstleistung konsumieren.“ Durch die Digitalisierung werde es nur einen „best Point of service“ geben und zwar unmittelbar beim Patienten. „Wer diese Potenziale des digitalen Wandels im Gesundheitsbereich erkennt und richtig nützt, tut viel für ein Gesundheitssystem, das in Zukunft mehr denn je Maß am Menschen nehmen kann“, erläutert Heinisch.

„Die neuen Akteure rittern im Endeffekt darum, dass sie ganz nah am Patienten sind“, weiss Eva Maria Kirchberger.

Damit die Patienten von der Digitalisierung profitieren können, muss man jedoch auch die Risken erkennen. „Es geht um den Kampf der Daten und daher auch um den Kampf der Benutzeroberfläche, der Interfaces“, sagt Kirchberger. „Wir haben heute neue Akteure am Medizinmarkt. Früher waren da der Arzt und das Spital. Heute spielen zunehmend große Techfirmen und viele andere mit. Und alle diese Akteure rittern im Endeffekt darum, dass sie ganz nahe am Patienten sind. Der Grund ist: Je mehr ich über den Patienten weiß, desto mehr kann ich in Data Science vorhersagen, desto mehr kann ich auch Angebote personalisieren.“ Viele Daten ermöglichen auch Prognosen über Ausbreitung von Krankheiten und Viren. Kirchberger: „Die großen Chancen liegen daher besonders in der Prävention und in der Therapie.“

Diskussion

v.l.n.r.: Moderatorin Gertraud Leimüller (Gründerin und Geschäftsführerin von winnovation), Eva Maria Kirchberger (Senior Teaching Fellow an der Imperial Dyson School of Design Enginnering in London), Michael Heinisch (Vorsitzender der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe) und Alena M. Buyx (Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, TU München)

Eine Folge der Digitalisierung und der vielen Daten wird weiters sein, dass neue Berufsbilder entstehen werden, beispielsweise ein Gesundheitscoach, der sich die Daten eines Klienten anschaut, und ihm hilft, sich gesund zu erhalten. Kirchberger beschreibt, dass die „holistische“ Medizin an Bedeutung gewinnen werde. „Menschen werden einen Heilpraktiker konsultieren, der sie wirklich anschaut, anfasst und eine ganzheitliche Betrachtungsweise hat. Algorithmen sind gut in der Spezialisierung, aber nicht so gut im ganzheitlichen Bild.“

Für das Gesundheitswesen eröffnet diese Entwicklung ein Spektrum völlig neuer Möglichkeiten und birgt zugleich Risiken. Medizinethikerin Buyx hält es für sehr wahrscheinlich, dass es in 20, 30 Jahren digitale Chief Consultants für Ärztinnen und Ärzte gibt. „Diese Spezialisten müssen so entwickelt werden, dass sie Ärztinnen und Ärztefür den Arzt-Patienten-Kontakt frei machen und sehr viele Routinetätigkeiten übernehmen. Das kann besonders im diagnostischen Bereich sehr gut gelingen.“ Und: „Wir müssen ganz sorgfältig darauf achten, dass nicht der Eindruck entsteht, wir könnten damit die medizinisch professionellen Tätigkeiten ersetzen.“

Potenzial für Selbstbestimmung

In der „Selfcare“ sieht Buyx eines der größten Potenziale für die Zukunft. „Die Patienten werden es genießen, viel in ihre eigene Hand zu nehmen. Wir haben hier echte Potenziale für Selbstbestimmung, die wir heben können.“ So gebe es auf der einen Seite die junge Millenial-Generation, die digital superfit ist. „Auf der anderen Seite haben wir aber auch Patientinnen und Patienten, denen das Internet noch immer fremd ist, die nicht gut sehen, die nicht mehr gut tippen können, weil sie etwa Arthritis haben. Sie können an der neuen Art der Selbstversorgung nicht teilnehmen. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht aus dem System fallen.“

In diesem Bereich sieht auch Heinisch großen Handlungsbedarf: „Wir müssen an der Gesundheitskompetenz der Menschen arbeiten. Man braucht hier wirklich Ausbildungen, wie man mit seiner Gesundheit und mit den vielen Angeboten umgeht. Es ist ein wichtiger Bildungsauftrag, dass Menschen so früh wie möglich lernen, wie sie diese neuen Möglichkeiten nutzen.“

Wie Kirchberger und Buyx ist auch Heinisch davon überzeugt, dass selbst im Zeitalter der Digitalisierung der zwischenmenschliche Kontakt der wesentliche Faktor ist. „Es wird weiterhin Menschen brauchen“, sagt Heinisch, denn immer noch kann der Mensch in der Medizin das größte Vertrauen geben, vor allem, wenn er kompetent ist und ethisch handelt.“ In einer zunehmend digitalisierten Welt könne es daher eine Renaissance der Empathie geben. „Gesundheit hat immer etwas mit Empathie und Emotion zu tun und da braucht es Zuwendung, die ein Roboter nie wie ein menschliches Gegenüber spenden wird können“, so Heinisch abschließend.