INnovation
Gesundheit
Österreich
19.12.2023

„Es ist Zeit, zu handeln“

Die Berufe der gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD) leisten einen wichtigen Beitrag zur qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung. Um diese auch zukünftig gewährleisten zu können, sei eine Novellierung des MTD-Gesetzes vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels dringend notwendig, sagt Gabriele Jaksch, Präsidentin des Dachverbands MTD-Austria, im Interview mit INGO.

Sie sind seit 2006 Präsidentin von MTD-Austria, der Interessensvertretung der sieben gesetzlich geregelten Gesundheitsberufe Biomedizinische Analytik, Diätologie, Ergotherapie, Logopädie, Orthoptik, Physiotherapie und Radiologietechnologie, und erst kürzlich für drei weitere Jahre wiedergewählt worden. Auf welche Meilensteine blicken Sie zurück?

Gabriele Jaksch: Wir blicken auf zahlreiche Meilensteine zurück. MTD-Austria ist mittlerweile in vielen Gremien auf Bundes- und Landesebene vertreten. Wir sind Mitglied des Plenums Gesundheitsziele, sitzen im ELGA-Beirat, sind Beiratsmitglied Gesundheitspolitisches Forum sowie des Karl Landsteiner Instituts für Human Factors & Human Resources und sind auch im Obersten Sanitätsrat vertreten – um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus blicken wir auf zahlreiche Errungenschaften zurück, hierzu zählt vor allem die Einführung eines freiwilligen CPD-Zertifikats für alle MTD-Berufe und die Registrierung der MTD-Berufsangehörigen an einer unabhängigen Stelle.

Seit dem Inkrafttreten des MTD-Gesetzes im Jahr 1992 ist es mehrmals novelliert worden. Zuletzt im Jahre 2005. Welchen Mehrwert haben die Novellierungen bisher gebracht? 

Die sieben hochqualifizierten MTD-Berufe hatten jahrelang unterschiedliche Entwicklungsschritte in der Ausbildung. Seit 1992 erfolgt die Ausbildung für jeden der sieben MTD-Berufe an Akademien oder seit 2005 an Fachhochschulen. Der große Vorteil: Die Akademisierung hat nicht nur zu einer Intensivierung der wissenschaftlichen Aktivität geführt, sie hat auch die internationale Anerkennung und klare Einordnung des Berufsabschlusses mit sich gebracht. Außerdem ermöglicht sie Absolvent*innen, den Austausch und das Arbeiten an gemeinsamen Projekten in einem interdisziplinären hochschulischen Umfeld zu nutzen.

"Es ist an der Zeit, das MTD-Gesetz an die aktuellen Anforderungen anzupassen und die vorhandenen Ressourcen effizienter zu nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten."

Sie fordern nun erneut eine Novellierung.

Im Jahr 2022 verbuchte Österreich 11,4 Prozent des BIPs als laufende Gesundheitsausgaben. Dennoch haben Patient*innen, Beschäftigte und schließlich alle Steuerzahler*innen den berechtigten Eindruck, dass es an allen Ecken und Enden an Finanzierung mangelt. Die angespannte Personalsituation im Gesundheitswesen in Kombination mit einer immer älter – und oft kränker – werdenden Gesellschaft, bringt unser Gesundheitssystem stark unter Druck. Die MTD-Berufe mit mehr als 41.000 Beschäftigten sind zentrale Stützen der Gesundheitsversorgung in ganz Österreich. Es ist daher an der Zeit, das MTD-Gesetz an die aktuellen Anforderungen anzupassen und vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Zeitgemäße Rahmenbedingungen für die MTD-Berufsgruppen sind nicht nur im Sinne der jetzigen und der künftigen Beschäftigten, sondern ermöglichen letztlich auch eine umfassendere und bessere Versorgung der Patient*innen.

Wo besteht akuter Handlungsbedarf?

Ein wichtiger Punkt ist die Aufstockung der Studienplätze und damit zusammenhängend natürlich auch die Bereitstellung von Praxisplätzen und dementsprechendem Raumangebot an den Fachhochschulen. Seit Jahren treffen Bewerber*innen an einigen Fachhochschulen auf zu wenige Ausbildungsplätze. Sie müssen bedenken, dass es zumindest drei Jahre dauert, bevor Absolvent*innen in den Beruf einsteigen können. Aktuell sind wir weit davon entfernt im kommenden Jahrzehnt genug Fachkräfte zur Verfügung zu haben, um eine ausreichende Gesundheitsversorgung durchführen zu können. Und dies in Zeiten, in denen der Bedarf an Therapien stetig wächst und die Wartezeiten bei Kassentherapeut*innen dadurch einfach zu lang sind.

Welche Hürden sehen Sie bei der Novellierung des MTD-Gesetzes?

Eine Rollen- und Kompetenzverschiebung innerhalb der Gesundheitsberufe ist natürlich mit Veränderungen verbunden und braucht den Blick über den Tellerrand. Angesichts des demografischen Wandels gilt es jedoch, diese Veränderungen anzuerkennen und entsprechende Maßnahmen rasch umzusetzen. Klar ist, dass es zukünftig zu einer höheren Nachfrage an Gesundheitsleistungen kommen wird. Die MTD-Berufe werden daher stärker in den Fokus der Gesundheitspolitik rücken müssen, um die Gesundheitsversorgung in Österreich auf Dauer zu gewährleisten. 

Welchen Stellenwert hat der Dachverband in der Gesundheitspolitik?

MTD-Austria wird als starker verlässlicher Partner im Gesundheitswesen gesehen.  Nicht zuletzt seit der Coronakrise ist klar, dass gerade auch in den sieben MTD-Berufen Personal- und Nachwuchsmangel besteht. Laut einer Studie der Arbeiterkammer sind bis 2030 zumindest 10.100 neu ausgebildete Personen in allen sieben MTD-Sparten notwendig. Wie gesagt, es ist Zeit zu handeln. 

"Wir fordern, dass die Expertise der MTD-Berufe endlich genutzt wird. Dazu ist die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe notwendig."

Sie fordern auch die Einbindung der MTD-Berufe in den Eltern-Kind Pass. Was wären die Vorteile?

Kinder und Jugendliche sind vulnerable Mitglieder unserer Gesellschaft und haben das Recht auf bestmögliche Rahmenbedingungen für gesundes Aufwachsen und Entwicklungsförderung. Alle Kinder sollen zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort die passende Leistung erhalten, um die Gesundheit zu bewahren und rechtzeitig Probleme und Risiken zu identifizieren. Daher ist besonders auch im Rahmen des geplanten Eltern-Kind-Pass-Programms das Einbinden der MTD-Berufsgruppen als Fachexpert*innen dringend geboten. Wir fordern, dass die Expertise der MTD-Berufe endlich genutzt wird. Dazu ist die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe notwendig. Aufgrund des evidenten Personalmangels am Gesundheitssektors ist es nicht nachvollziehbar und auch nicht akzeptabel, das Potenzial der sieben MTD-Berufsgruppen weiterhin konsequent außen vor zu lassen.
 

Was liegt Ihnen besonders am Herzen? 

Eines meiner klaren Ziele ist, die MTD-Berufe als drittgrößte Gesundheitsberufsgruppe in der österreichischen Gesundheitslandschaft in allen relevanten Gremien auf Bundes- und Landesebene zu verankern. Zudem ist es mir ein großes Anliegen, dass die freiberuflich erbrachten Versorgungsleistungen aller gehobenen medizinisch-technischen Berufe entsprechend im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz abgebildet werden. 

Interview: Rosi Dorudi; Foto: Julia Sonnleitner, www.de.depositphotos.com

Gabriele Jaksch, Mag.

Präsidentin von MTD-Austria

Jaksch absolvierte das Studium der Erziehungswissenschaften und ist ausgebildete Physiotherapeutin. Seit 2006 ist sie Präsidentin von MTD-Austria, dem Dachverband der gehobenen medizinisch-technischen Dienste Österreichs mit ca. 41.000 Berufsangehörigen. Seit 2012 ist sie zudem Vorstandsmitglied der Plattform Patient*innensicherheit. Neben Ihrer Tätigkeit als Präsidentin arbeitet sie auch in ihrem Beruf als freiberufliche Physiotherapeutin und als Vortragende an MTD FH-Studiengängen. 

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