INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
30.07.2020

"Den Beruf des Arztes überdenken“

Der wachsende Anteil der älteren Bevölkerung stellt die Gesellschaft und das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen. Der Gesundheitsökonom Gerald Pruckner spricht im Interview über gesellschaftliche Veränderungen, Engpässe in der medizinischen Versorgung und mögliche Lösungsansätze für die Zukunft.

Die Alterung der Gesellschaft wird sich ab 2025 beschleunigen. Wie werden wir dies zu spüren bekommen?

Gerald Pruckner: Die demographische Veränderung schreitet bereits seit Jahren voran. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass wir nicht nur im Gesundheitssektor, sondern ganz im Allgemeinen bei der Aufrechterhaltung der sozialen Systeme vor großen Herausforderungen stehen. Ohne Reformen ist es fraglich, ob wir die Solidargemeinschaft so aufrechterhalten können.

In Prognosen ist oft von einer Versorgungslücke die Rede. Ist das übertriebene Panikmache oder kommen auf unsere Gesellschaft tatsächlich massive Probleme zu?

Entsprechende Expertenkommissionen sehen zwar die Altersversorgung auch in Zukunft als gesichert an, allerdings manifestiert sich die Überalterung der Gesellschaft bereits auf dem Arbeitsmarkt. Uns gehen schlichtweg die jungen Leute aus. Der strikte Migrationskurs passt mit dem Bedarf an jungen und motivierten Arbeitskräften nicht zusammen. In vielen Bereichen können seit Jahren die Stellen nicht ausreichend besetzt werden, wie beispielsweise in den Gesundheits- und Pflegeberufen, in der Tourismusbranche oder im metallverarbeitenden Gewerbe.

„Der strikte Migrationskurs passt mit dem Bedarf an jungen und motivierten Arbeitskräften nicht zusammen.“

Ist dafür nur die Demografie verantwortlich?

Nur die Demographie für diese Entwicklung verantwortlich zu machen, greift wahrscheinlich zu kurz. Ich glaube, dass wir gerade einen sozialen Wandel in der Gesellschaft erleben. Junge Leute haben heute andere Erwartungen an das Leben. Das Gefühl einer gelungenen Work-Life-Balance hat in der jungen Generation einen großen Stellenwert. Auch Männer legen zunehmend Wert darauf, genügend Zeit für ihre Familien zu haben. Das höre ich aus den Führungsetagen im Gesundheitssystem. Dazu kommt, dass junge Menschen die langfristige Gültigkeit des Generationenvertrages hinterfragen. Das Vertrauen in die sozialen Systeme kommt mehr und mehr abhanden.

Welche Auswirkungen sehen Sie in der zunehmenden Digitalisierung?

Ich denke nicht, dass die Digitalisierung im Gesundheitssektor im großen Stil Arbeitsplätze einspart. In einzelnen Fällen mag es den Anschein haben, dass der Computer Arbeitskräfte ersetzen kann. Doch der Gesundheits- und Pflegebereich erfordert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, die ist nicht ohne weiteres durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen. Die Effizienz des Gesundheitssystems kann durch die Digitalisierung aber sehr wohl gesteigert werden. Die Vernetzung von Patientendaten hilft beispielsweise Doppeluntersuchungen oder auch kontraindizierte Behandlungen zu vermeiden.

„Ich denke nicht, dass die Digitalisierung im Gesundheitssektor im großen Stil Arbeitsplätze einspart.“

Wie beeinflusst die zunehmende Alterung die medizinische Versorgung?

Hier haben wir harte Fakten: Wir werden älter, aber wir werden nicht unbedingt gesünder älter. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen steigt, gleichzeitig wird es immer schwieriger, Kassenarztstellen nachzubesetzen. Vor allem in ländlichen Regionen ist das ein virulentes Problem, das sich durch die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte zusätzlich verschärft. In Österreich sind über 75 Prozent der Vertragsärzte in Einzelordinationen über 50 Jahre alt. Eine große Pensionierungswelle wird uns zunehmend treffen.

Welche Auswirkungen hat die Pensionierungswelle auf Patienten?

Diese Pensionierungswelle wird zu einer ärztlichen Unterversorgung führen. In etlichen Regionen in Österreich können schon heute Stellen langfristig nicht nachbesetzt werden. In Oberösterreich sind neben den offenen Stellen im niedergelassenen Bereich auch etliche Assistenz- und Facharztstellen im stationären Sektor nicht besetzt. Patienten werden sich meines Erachtens auf längere Wartezeiten einstellen müssen.

Wie kann man dem Engpass entgegenwirken?

Der Aufgabenbereich von Ärzten, insbesondere die Arbeitsteilung zwischen Medizinern und ausgebildetem Pflegepersonal, gehört neu überdacht. Manche Tätigkeiten, die momentan in den Verantwortungsbereich der Ärzte fallen, wie zum Beispiel die medizinische Dokumentation oder eine Blutabnahme, könnten in Zukunft stärker zu den Kompetenzen des Pflegepersonals gehören. Außerdem sollte überlegt werden, wie der Beruf des niedergelassenen Arztes attraktiver gestaltet werden kann, um Absolventen des Medizinstudiums in die versorgungsrelevanten Fächer beziehungsweise in die ländlichen Vertragsstellen zu bringen. Viele junge Mediziner stehen heute nach Abschluss ihres Studiums dem Gesundheitssystem nicht zur Verfügung.

Was müsste sich hier ändern?

In meiner Wahrnehmung spielen zwei Dinge eine große Rolle, um den Arztberuf vor allem auf dem Land attraktiver zu gestalten. Zum einen ein pauschaliertes angemessenes Einkommen, zum anderen geregelte Arbeitszeiten. Ich hatte bereits erwähnt, dass die jungen Leute nicht mehr bereit sind, ihrem Job alles unterzuordnen. Die Vorstellung des Einzelkämpfers am Land, der nahezu uneingeschränkt für seine Patienten verfügbar ist, ist überholt. Ein Ansatz wären regionale Versorgungseinheiten mit mehreren Ärzten unter einem Dach. Dies brächte neben geregelten Arbeitszeiten auch erweiterte Ordinationszeiten für Patienten.

Stecken in der demographischen Entwicklung auch Chancen für die Zukunft?

Gesund alt werden ist der große Wunsch unserer Zeit. Auch die Wirtschaft freut sich über agile Menschen, die auch noch im hohen Alter Güter und Dienstleistungen nachfragen. Noch nie hat die ältere Generation über so viel Geld und Zeit verfügt wie heute. Reisen, Wellness, Wohnen, Bildung und Kultur, um nur einige Bereiche zu nennen, bergen großes wirtschaftliches Potenzial. Ein nicht unwichtiger Aspekt ist der zunehmende Einsatz der Großeltern in der Kinderbetreuung durch die Etablierung der Frauen am Arbeitsmarkt. Wir machen dazu gerade eine Forschungsarbeit. Dabei untersuchen wir, wie sich die Betreuung der Enkelkinder auf die physische und mentale Gesundheit der Großeltern auswirkt.

Interview: Gertraud Gerst; Bilder: Gerald Pruckner, depositphoto

Gerald Pruckner, Univ.-Prof. Dr.

Leiter der Abteilung für Gesundheitsökonomie an der Johannes Kepler Universität

Pruckner ist seit 2006 Universitätsprofessor am Institut für Volkswirtschaftslehre der Johannes Kepler Universität Linz. Dort leitet er die Abteilung für Gesundheitsökonomie und das Christian Doppler Forschungslabor für „Aging, Health and the Labor Market.“ Seine wissenschaftlichen Beiträge publiziert er regelmäßig in führenden internationalen Fachzeitschriften.