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Gesundheit
Oberösterreich
15.11.2023

„Geburtshilfe ist nicht so einfach planbar“

Nicht nur in den klassischen Pflegeberufen ist der Personalmangel nicht mehr zu übersehen, auch bei den Hebammen gibt es regionale Engpässe. INGO sprach darüber mit Gerlinde Feichtlbauer, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums und leitende Hebamme am Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried.

Bereits vor einigen Jahren hat das Österreichische Hebammengremium Alarm geschlagen, weil ein Hebammen-Notstand drohe. War dieser Hilferuf erfolgreich?

Gerlinde Feichtlbauer: Die Situation hat sich deutlich verbessert. Seit 2016 hat das Hebammengremium den Hebammenmangel sowohl auf politischer Ebene als auch in der Öffentlichkeitsarbeit thematisiert. Und das mit Erfolg. Anfang Jänner 2016 waren in Österreich 2.139 Hebammen registriert, heute sind es 2.740, also um 600 mehr.

Wie ist das gelungen?

Wir haben viele Gespräche geführt und die Problematik auf Bundes- und Landesebene aufgezeigt. So ist es uns gelungen, dass die Studienplätze an den Fachhochschulen erhöht wurden, und zwar in allen Bundesländern. Im Burgenland ist sogar ein neuer Studiengang hinzugekommen. Bis auf Vorarlberg gibt es nun in jedem Bundesland eine Fachhochschule, die das Bachelorstudium Hebamme anbietet. Im Studienjahr 2019/20 hatten wir in Österreich 337 Studienplätze, im aktuellen Jahrgang sind es 529, also fast 200 Studienplätze mehr. Den allgemeinen Hebammenmangel, den wir vor Jahren kommuniziert haben, gibt es nicht, weil wir auf einem guten Weg sind, genügend Hebammen auszubilden. 

Dennoch hat das Hebammengremium gemeinsam mit der Arbeiterkammer im Februar dieses Jahres erneut vor einem Hebammenmangel gewarnt, vor allem im klinischen Bereich würden österreichweit hunderte Hebammen fehlen. Braucht es noch mehr Studienplätze?

Das wird schwierig werden, weil die Hälfte der Ausbildung aus Praktika besteht und dementsprechend viele Praktikumsplätze in den Krankenhäusern garantiert werden müssten. Diese sind knapp und müssen in jedem einzelnen Krankenhaus gut geplant und organisiert sein.

Es scheitert also nicht an den Bewerbungen für die Studienplätze?

Nein. Statistisch gesehen können nur acht bis zehn Prozent der Bewerberinnen und Bewerber aufgenommen werden. Das heißt, auf etwa 20 Studienplätze kommen zwischen 180 und 200 Bewerberinnen und Bewerber. Das ist auch der ganz große Unterschied zu anderen Gesundheitsberufen, wo die Nachfrage nicht annähernd so groß ist.

Was macht den Hebammenberuf so attraktiv?

Hebammen können weitgehend eigenständig und selbständig arbeiten. Und das nicht nur bei der Geburt, die natürlich das Herzstück der Hebammenarbeit ist, sondern auch in der Schwangerenvorsorge, der Wochenbettbetreuung, der Stillberatung und der Säuglingspflege. All das geschieht ohne Überweisung und im direkten Kontakt mit der Frau. Deshalb ist Hebamme ein sehr attraktiver Beruf.

Dennoch gibt es vor allem in den Krankenhäusern zu wenig Hebammen. Oft betreut eine Hebamme bis zu fünf Schwangere gleichzeitig.

Das ist wirklich ein Problem. Ich würde mir im Krankenhaus eine Eins-zu-eins-Betreuung wünschen. Das heißt jetzt nicht, dass ein und dieselbe Hebamme die Gebärende von der Schwangerschaft über die Geburt bis zum Wochenbett betreut. Sondern es bedeutet, dass ab der aktiven Geburtsphase jede Frau eine Hebamme zur Verfügung hat, und dazwischen kann natürlich ein Dienstwechsel kommen. Aber die Frau hat immer eine Hebamme an ihrer Seite. Die wissenschaftliche Studienlage spricht eindeutig für die Eins-zu-eins-Betreuung durch die Hebamme während der Geburt, da sie nachweislich mit weniger Komplikationen und Interventionen einhergeht und zu einer höheren Zufriedenheit der Frauen führt.

Eine aktuelle Studie der GÖG, von der Arbeiterkammer Wien und dem Hebammengremium in Auftrag gegeben, hat für die gewünschte 1:1-Betreuung einen zusätzlichen Bedarf von 577 Hebammen in Österreichs Spitälern errechnet.

In den Krankenhäusern braucht es sicher neue Personalberechnungen und neue Personalschlüssel pro Geburt. Beides muss dringend an den Personalbedarf angepasst werden. Klar ist aber auch, dass es immer wieder Tage geben wird, an denen in den Kreißsälen weniger los ist. Geburtshilfe ist eben nicht so einfach planbar. Ganz wichtig ist aber auch die Personalrekrutierung in den Krankenhäusern. Die muss spätestens dann beginnen, wenn die Studierenden an der Fachhochschule sind und sich um Praktikumsplätze bewerben.

Die Verfügbarkeit von Hebammen ist in Österreich regional sehr unterschiedlich.

Sowohl im stationären als auch im niedergelassenen Bereich gibt es österreichweit geographische Unterschiede in der Verfügbarkeit von Hebammen. Jede Frau hat Anspruch auf eine Betreuung vor und nach der Geburt, die von der Krankenkasse bezahlt wird. Es gibt jedoch Regionen, die nicht sehr dicht mit Kassenhebammen versorgt sind und andere, in denen sehr viele Kassenhebammen arbeiten.  Den allgemeinen Hebammenmangel, den wir vor Jahren kommuniziert haben, gibt es aber nicht, eben weil wir auf einem guten Weg sind, genügend Hebammen auszubilden. Aber es gibt regionale Engpässe.

"Ängste in der Schwangerschaft sollten grundsätzlich nicht bestehen beziehungsweise rasch ausgeräumt werden."

Sie selbst sind leitende Hebamme am Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried und betreiben im Bezirk auch eine private Hebammenordination. Zuletzt hat sich in dieser Region ein akuter Mangel an Hebammen gezeigt.

Für die Versorgungsregion 46, das sind die Bezirke Ried, Braunau und Schärding, ist ein Strategiekonzept unbedingt erforderlich. Aktuell gibt es bei Schwangeren viel Unruhe und auch Ängste, wo sie entbinden können. Ängste in der Schwangerschaft aber sollten grundsätzlich nicht bestehen beziehungsweise rasch ausgeräumt werden.

Interview: Karl Abentheuer; Fotos: ÖHG

Gerlinde Feichtlbauer, MSc

Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums

Die gebürtige Innviertlerin leitet das Hebammenteam des Barmherzige Schwestern Krankenhaus Ried und führt eine Hebammenordination in Aurolzmünster. In ihrer Praxis bietet sie werdenden Eltern individuelle Betreuung an und als Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums liegen ihr die standespolitischen Wege und Bedürfnisse von Hebammen am Herzen. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter, wovon die ältere Tochter gerade Hebamme studiert.

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