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Gesundheit
Oberösterreich
25.02.2021

„Ängste nehmen und Sicherheit geben ist durch Corona schwieriger geworden!“

Die COVID-19-Pandemie stellt Frauen vor und nach der Geburt vor zusätzliche Herausforderungen, erklärt Hebammen-Präsidentin Gerlinde Feichtlbauer. Sie sieht aber auch einen – einzigen – positiven Aspekt.

Was bedeutet COVID-19 für die Arbeit der Hebammen?

Gerlinde Feichtlbauer: Die Pandemie ist natürlich auch in unserem Arbeitsalltag sehr präsent. Ein wichtiger Aspekt ist, dass viel Information für werdende und junge Mütter durch den Lockdown nicht in gewohnter Weise erfolgen kann. Geburtsvorbereitungskurse, Kreißzimmer-Besichtigungen, Stillgruppen, Babytreffs – das alles fällt jetzt aus. Damit ist es auch viel schwieriger geworden, auf Fragen einzugehen und Ängste zu nehmen. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen, etwa durch Videos und andere Info-Medien. Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried zum Beispiel hat gerade eine Schwangerschafts-App entwickelt und ein Video gedreht, das auf der Homepage zu finden ist.

Wie steht es in dieser Situation um die Nachbetreuung?

Wegen der strikten Besuchsregelungen – in manchen Krankenhäusern dürfen derzeit nach der Entbindung nicht einmal die Väter zu Besuch kommen – möchten viele Mütter nach der Geburt möglichst schnell wieder nach Hause. Einzelbetreuung ist deshalb jetzt besonders wichtig, vermehrt auch online, weil wir angehalten sind, Hausbesuche auf das Nötigste zu beschränken. Durch die gute Zusammenarbeit mit der ÖGK ist es gelungen, die Honorierung von telemedizinischer Hebammen-Betreuung und telefonischer Beratung unkompliziert und rasch zu regeln. Vieles in unserer Tätigkeit lässt sich aber digital schwer beurteilen und umsetzen. Abzuwägen, was im Einzelfall die beste Vorgangsweise ist, bedeutet zusätzliche Verantwortung.

"Ich selbst bin schon geimpft und hoffe, dass möglichst viele Kolleginnen dies ebenso halten."

Stichwort Verantwortung: Sollen sich Hebammen gegen SARS-CoV-2 impfen lassen?

Es gibt keine Impfpflicht, aber Hebammen haben viel direkten Kontakt zu Mutter und Kind. Im Krankenhaus zählen sie daher zu den priorisierten Berufsgruppen für eine Impfung. Bei den freien Hebammen ist die Sanitätsbehörde dafür zuständig. Ich selbst bin schon geimpft und hoffe, dass möglichst viele Kolleginnen dies ebenso halten. Soweit ich das derzeit einschätzen kann, ist die Haltung der Hebammen in ganz Österreich dazu sehr positiv. Mit dem Thema Impfen sind wir Hebammen ja schon immer konfrontiert, auch mit gewissen Ängsten und Vorbehalten von Müttern. Für uns ist ganz klar: Wir halten uns an den geltenden Impfplan.

Gibt es in der Corona-Pandemie auch positive Erfahrungen, was Ihren Beruf betrifft?

Ein positiver Aspekt ist tatsächlich, dass die Mütter im Wochenbett durch die strengen Besuchsregeln im Krankenhaus und den allgemeinen Lockdown mehr Ruhe und damit mehr Zeit für ihr Kind haben. Die Familie kann sich in Ruhe kennenlernen und auf die neue Familiensituation einstellen. Gerade in den ersten Tagen nach der Geburt können zu viele Besuche irritieren und stören. Mütter, die schon vorher Kinder zur Welt gebracht haben, schildern mir, dass sie diesen Unterschied positiv erleben und schätzen. Es ist sicher eine Überlegung wert, was wir davon in die Zeit nach Corona mitnehmen können. 

Sie sind seit einigen Wochen Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums. Wie geht es Ihnen mit dieser neuen Aufgabe? 

Standes- und gesundheitspolitische Arbeit ist nicht neu für mich: Ich bin bereits seit 15 Jahren im Hebammengremium tätig, zuletzt zehn Jahre als Vizepräsidentin. Zwar hatte ich schon kurz daran gedacht, mich zurückzuziehen, doch meine Kolleginnen haben mich vehement überzeugt, weiterzumachen. Das Österreichische Hebammengremium ist eine öffentlich-rechtliche Körperschaft, hat also Kammerstatus, und es macht mir Freude, meine Berufsgruppe zu vertreten. Meine eigentliche Arbeit als Hebamme und die Aufgaben als Präsidentin – das Netzwerken mit Politik, Behörden und Medien – sind sehr gegensätzlich. Aber dieser Spagat, sozusagen zwischen zwei Welten, ist spannend. Zeitlich ist es natürlich eine erhebliche Mehrbelastung, hauptsächlich am Abend und an den Wochenenden.

"Mein größter Wunsch ist eine kostenlose Nachsorge nach der Geburt für alle Frauen, das heißt eine flächendeckende Versorgung mit Kassenhebammen."

Was sind die wichtigsten Themen in Ihrer Arbeit als Interessenvertreterin?

Mein größter Wunsch ist eine kostenlose Nachsorge nach der Geburt für alle Frauen, das heißt eine flächendeckende Versorgung mit Kassenhebammen. Da klafft eine große Lücke, derzeit können wir diesen Bedarf bestenfalls zu 20 Prozent abdecken. Wir haben im extramuralen Bereich immer noch deutlich zu wenig Hebammen, und der Kassentarif, der für diese Leistung bezahlt wird, ist zu wenig lukrativ, besser gesagt: Er reicht nicht zum Überleben. Hier müssen wir dringend ansetzen, denn aus eigener Tasche können sich viele Frauen eine Nachbetreuung nicht leisten. Erster Schritt wäre eine bundesweite Hebammen-Bedarfsanalyse. Aber ich bin seit zehn Jahren Hauptverhandlerin für einen Gesamtvertrag mit den Sozialversicherungen, daher bin ich in dieser Frage nur verhalten  optimistisch. 

Wie steht es um den Berufsnachwuchs?

Es fehlen immer noch Hebammen in den Krankenhäusern und in der freien Praxis, aber positiv ist, dass alle betreffenden Fachhochschulen in den letzten Jahren ihr Angebot an Studiengängen beziehungsweise Ausbildungsplätzen erhöht haben. Das Interesse am Hebammenberuf ist ja groß, aber oft finden Bewerberinnen keinen Studienplatz. Auch die Praktikumsstellen sind beschränkt.

Was steht auf Ihrer Agenda noch ganz oben?

Noch immer wissen viel zu viele Menschen quer durch alle Altersgruppen nicht, was Hebammen machen. Wir sind kein Ableger der Pflege, sondern ein eigener Beruf mit einem eigenen Tätigkeitsbereich und viel Eigenverantwortung. Wir begleiten Frauen in einer besonderen Phase ihres Lebens – in der Schwangerschaft, während der Geburt und im ersten Jahr mit dem Baby. Für 2020 war eine Informationskampagne geplant, um die Öffentlichkeit darüber besser zu informieren, doch sie kam wegen der Corona-Pandemie nicht zustande. Das wollen wir nachholen. Bis dahin bietet unsere Homepage www.hebammen.at viele aktuelle Informationen. 

 

Text: Josef Haslinger

Gerlinde Feichtlbauer,

Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums

Feichtlbauer ist seit Dezember 2020 Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums, der öffentlich-rechtlichen Interessensvertretung für bundesweit rund 2500 Hebammen. Die Oberösterreicherin ist leitende Hebamme am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried im Innkreis und betreibt eine Hebammenordination in Aurolzmünster.