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Gesundheit
Oberösterreich
19.02.2024

„Gesundheit darf nicht vom Einkommen abhängen“

Herpes Zoster, besser bekannt als Gürtelrose, ist eine schmerzhafte Erkrankung, die vor allem bei älteren Menschen Komplikationen hervorrufen kann. Eine Impfung kann schützen. Die hohen Kosten dafür müssen Betroffene jedoch selbst übernehmen. Ein Fall für den Volksanwalt.

Herpes Zoster wird durch das Varizella-zoster-Virus ausgelöst. Beim ersten Kontakt, meist im Kindesalter, verursacht es die Windpocken. Danach verbleibt das Virus lebenslang in den Nervenzellen und kann, wenn das Immunsystem angeschlagen oder durch Alter geschwächt ist, die schmerzhafte Gürtelrose auslösen. In der Regel verschwinden die Beschwerden nach Abheilen der flüssigkeitsgefüllten juckenden und schmerzenden Bläschen, die sich normalerweise gürtelförmig am Kopf oder Rumpf ausbreiten. Die Erkrankung kann aber auch mit schwerwiegenden Komplikationen einhergehen. Tritt der Ausschlag beispielsweise im Gesicht auf, kann er auf das Auge übergreifen, dort eine Hornhautentzündung verursachen und schlimmstenfalls zu einer Erblindung führen. Sind Hör- und Gesichtsnerven betroffen, kann dies eine Hörminderung oder Lähmungen im Gesicht zufolge haben. Für Menschen mit stark geschwächter Immunabwehr besteht außerdem ein erhöhtes Risiko für eine Lungen-, Leber- oder Hirnhautentzündung. Bei manchen Menschen können die schmerzhaften Nervenentzündungen auch nach Abklingen des Ausschlags längere Zeit andauern. Die sogenannte postherpetische Neuralgie kann mehrere Wochen, Monate oder gar Jahre anhalten. 

Kosten im Vergleich

In Österreich erkranken jährlich rund 40.000 Menschen an Gürtelrose, wobei nahezu die Hälfte der Fälle über 50-jährige Personen trifft. Eine zweifache Impfung kann wirksam vor Gürtelrose und postherpetischer Neuralgie schützen. Daher wird sie vom österreichischen Impfgremium für alle Personen ab 50 und für Personen mit besonders hohem Risiko für die Erkrankung bereits ab 18 Jahren empfohlen. Die Krux bei der Sache: Betroffene müssen dafür tief in die eigene Tasche greifen. Denn anders als in Deutschland, Italien, Spanien oder der Schweiz werden die Kosten von rund 500 Euro für eine Vollimmunisierung von den hiesigen Sozialversicherungen nicht übernommen. Ein Grund, warum sich bei der Volksanwaltschaft immer wieder Personen melden, die sich impfen lassen möchten, sich diese aber nicht leisten können. Nach Ansicht von Volksanwalt Bernhard Achitz, dürfe Gesundheit nicht vom Einkommen abhängen. „Das muss auch für die Vorsorge gelten. Gerade empfohlene Impfungen sollten deswegen kostenlos sein“, sagt er. Lautösterreichweiten Impfprogrammen seien zwar viele Impfungen für Kinder und Jugendliche gratis, die nötigen Auffrischungen im Erwachsenenalter wiederum nicht. Ein Umstand, der dazu geführt habe, dass viele Menschen auf Auffrischungsimpfungen und auch empfohlene Impfungen wie jene gegen Herpes Zoster aufgrund der privaten Zusatzkosten verzichteten. Schon im Frühjahr 2023 forderte der Volksanwalt gemeinsam mit dem Pensionistenverband am Weltgesundheitstag, alle im heimischen Impfplan empfohlenen Impfungen für die Bevölkerung gratis abzugeben. Bisher habe es dazu jedoch lediglich eine schriftliche Stellungnahme seitens des Gesundheitsministeriums gegeben. „Darin teilte man uns mit, dass nach den Finanzausgleichsverhandlungen für diese Forderung zwar Geld zur Verfügung stehe, der konkrete Einsatz bis dato aber noch nicht festgelegt sei.“ Hier wolle die Volksanwaltschaft den Druck noch erhöhen, damit Vorsorgemaßnahmen mit dem zur Verfügung gestellten Budget endlich auch finanziert werden. 

Kosteneffiziente Schutzimpfung

Welchen Nutzen eine Impfung für Österreich hätte, lässt sich nicht zuletzt aus den Kosten ableiten, die Herpes Zoster in den hiesigen Krankenhäusern verursacht. Laut Statistik Austria wurden im Jahr 2019 über 2.400 Patient*innen stationär mit einer Hauptdiagnose Herpes Zoster behandelt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug dabei rund acht Tage. Somit verursachte Gürtelrose fast 20.000 Spitalsbelagstage. Nicht erfasst wurden dabei die Kosten der ambulanten Behandlung und der Krankenstände. Angesichts des demografischen Wandels mit einer immer älter werdenden Bevölkerung, wird daher auch die Zahl der Risikogruppe steigen. Ein Aspekt, der zusätzlich für die Kosteneffizienz einer Schutzimpfung spricht.

Unterschiedliche Erstattungsregelungen

Im europäischen Vergleich der Impfkosten gegen Herpes Zoster fällt jedoch auf, dass diese in Österreich höher sind als beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz. Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreich Pharmig, erklärt: „Ganz allgemein gilt: Die länderspezifischen Unterschiede bei den Arzneimittelpreisen ergeben sich durch die unterschiedlichen Erstattungsregelungen. In Österreich gelten andere Regeln als in den anderen EU-Staaten und umgekehrt. So legt das ASVG beispielsweise hierzulande fest, dass der Preis von erstattungsfähigen Arzneimitteln, die im Erstattungskodex (EKO) aufgenommen werden, maximal den EU-Durchschnittspreis haben dürfen.“ Hinzu kämen weitere spezifische Regelungen, wie beispielsweise die Generika- und Biosimilarspreisregelung oder auch das Preisband, die so in anderen EU-Ländern nicht existierten. Ein Ländervergleich der divergierenden Preisniveaus sei somit immer nur äußerst bedingt aussagekräftig. Katharina Klajnert, Head of Market Access, Communication & Government Affairs bei Glaxo Smith Klein, erläutert ergänzend: „Die Fabrikabgabepreise für den Gürtelrose-Impfstoff sind in allen drei Ländern vergleichbar. Die Diskrepanzen in den Apothekenverkaufspreisen ergeben sich auf Grund von unterschiedlichen Aufschlägen in den Distributionsketten. Relevant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass sowohl in Deutschland als auch der Schweiz die Impfung gegen Gürtelrose für definierte Personengruppen bereits durch die öffentliche Hand finanziert wird.“

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die Schutzimpfung gegen Herpes Zoster trotz der hohen Kosten in vielen Aspekten positiv niederschlägt und die Finanzierung durch das öffentliche Gesundheitssystem einer Zwei-Klassen-Medizin ein Stück weiter entgegenwirken würde. „Ich gehe davon aus, dass bei zentraler Beschaffung durch die öffentliche Hand die Kosten deutlich geringer ausfallen würden und auch die Handelsspannen für Pharmagroßhandel und Apotheken wegfallen“, sagt Volksanwalt Achitz. Er hofft daher, auf eine baldige Entscheidung seitens der Politik.

Text: Rosi Dorudi; Fotos: www.de.depositphotos.com

Katharina Klajnert, Mag., LLM.oec

Head of Market Access, Communication & Government Affairs, Pharma Austria, Glaxo Smith Kline

Klajnert ist Juristin und seit über 20 Jahren in unterschiedlichsten Positionen in der pharmazeutischen Industrie tätig.  Aktuell ist sie Prokuristin und gewerberechtliche Geschäftsführerin bei GSK, wo sie auch den Bereich Government Affairs & Market Access verantwortet.

Bernhard Achitz, Mag.

Volksanwalt

Achitz ist Jurist und war in Spitzenfunktionen im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und in der Sozialversicherung tätig. Seit 2019 ist er als Volksanwalt für die Bereiche Soziales, Pflege und Gesundheit zuständig. Dazu gehören die Anliegen von Menschen mit Behinderungen, Themen wie Mindestsicherung, Sozialhilfe und Sozialversicherung, sowie die Kinder- und Jugendhilfe. Die Volksanwaltschaft ist außerdem für die Präventive Menschenrechtskontrolle in Einrichtungen wie Alten- und Pflegeheimen.  

Alexander Herzog, Mag.

Generalsekretär der PHARMIG

Herzog ist seit Juli 2018 Generalsekretär der PHARMIG, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs. Nach Abschluss seines BWL-Studiums an der Karl-Franzens-Universität Graz arbeitete Herzog in verschiedenen Positionen im wirtschaftlichen Bereich (unter anderem IBM Eastern Europe, Austrian Research Centers). 2003 wechselte er zur Wiener Wirtschaftsagentur (früher: Wiener Wirtschaftsförderungsfonds), wo er in unterschiedlichen Leitungsfunktionen tätig war. 2006 machte sich Herzog als Unternehmensberater mit den Spezialgebieten Private Equity und Sanierungs- und Restrukturierungsmanagement selbstständig. Von 2007 bis 2014 war er bei der Wiener Gebietskrankenkasse als Stellvertreter der Obfrau, Mitglied des Vorstandes und der Kontrollversammlung tätig. 2014 wurde er geschäftsführender Obmann der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. Parallel dazu hatte er die Position als stellvertretender Vorsitzender der Trägerkonferenz des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger inne.

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