INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
20.06.2019

„Die Digitalisierung muss sich am Bedarf der Menschen orientieren!“

Christine Haberlander, Gesundheits-Landesrätin und Obfrau der Academia Superior, über die Digitalisierung im oberösterreichischen Gesundheitswesen, deren Potenziale und Risiken.

Digitalisierung ist ein Mega-Trend, auch im Gesundheitswesen. Wo steht Oberösterreich bei diesem Thema?

Christine Haberlander: Das oberösterreichische Gesundheitswesen durchlebt momentan eine Transformation hin zu digitalen Prozessen. Es ist keine Frage, dass sich die Versorgungslandschaft im Hinblick auf diese Herausforderungen weiterentwickeln muss, aber es geht auch um das Wie. Die Weiterentwicklung muss möglichst behutsam vor sich gehen.

Innovationen können helfen, die Versorgung effektiver und effizienter zu machen. Das betrifft Produkte für Diagnostik und Therapie ebenso wie die Optimierung der Behandlungsabläufe. Aber auch die Technologieentwicklung hat sich am Bedarf der Menschen zu orientieren. Das technisch Mögliche darf nicht die Anwendungsgebiete vorgeben. Im Mittelpunkt muss immer auch der Nutzen für die Menschen und das Ziel der bestmöglichen Patientenversorgung und ‑sicherheit stehen.

Wie ist die oberösterreichische Gesundheitslandschaft auf die Veränderungen, die die Digitalisierung bringen wird, vorbereitet?

Es gibt in Oberösterreich bereits jetzt einige positive Beispiele, wie die Digitalisierung zum Nutzen für Patientinnen und Patienten beziehungsweise der Professionistinnen und Professionisten eingesetzt wird. Das Ordensklinikum Linz Elisabethinen verfügt beispielsweise österreichweit über den höchsten Digitalisierungsgrad. Aktuell wird hier ein neues telemedizinisches Kooperationsprojekt für dermatologische Anwendungen mit dem Landeskrankenhaus Kirchdorf getestet.

Wichtig ist dabei, dass die Digitalisierung Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal und Verwaltung das Leben erleichtern soll und die Prozesse vereinfacht werden, aber dabei immer den Menschen im Blick behalten. Ich denke aber auch an unsere Tumorboards in Oberösterreich: Hier ermöglicht die Digitalisierung, dass Patientinnen und Patienten möglichst wohnortnah von der aktuellsten Spitzenmedizin profitieren, indem sich die Expertinnen und Experten standort- und abteilungsübergreifend vernetzen und beraten. Auch die Primärversorgungseinrichtungen (PVE), als Beispiel für den extramuralen Bereich, nutzen die Digitalisierung: Jede Patientin, jeder Patient ist PVE-Patientin/Patient, über eine gemeinsame EDV haben alle Ärztinnen und Ärzte denselben Informationsstand zu Vorerkrankungen, Medikation, et cetera.

Was tut das Land Oberösterreich, um diese Transformation zu unterstützen?

Oberösterreich bekennt sich zur Weiterentwicklung der Digitalisierung im Gesundheitswesen in Österreich, zum einen durch eine aktive Unterstützung unserer Krankenhäuser in diesem Bereich. Hier sind die Expertinnen und Experten, die zeitgemäß die Entwicklungen für die Patientinnen und Patienten vorantreiben. Im Hintergrund braucht es politische und verwaltungstechnische Schritte, auch daran wird gearbeitet.

Auch bei der Konferenz der Landesgesundheitsreferenten im Mai dieses Jahres hat man sich zu einer aktiven Weiterentwicklung bekannt. Wir setzen gemeinsam mit den übrigen Bundesländern, dem Bund und der Sozialversicherung alles daran, um im Rahmen der Arbeiten zu ELGA und eHealth gemeinsam diese Innovationen standardisiert zur Verfügung zu stellen und Best-practice-Modelle breit auszurollen. In Oberösterreich selbst haben wir im Rahmen der Zielsteuerung die Arbeitsgruppe eHealth mit allen wesentlichen Stakeholdern eingerichtet, um die brennenden Themen der Digitalisierung gemeinsam strukturiert voranzutreiben.

Foto Haberlander

Wo sehen Sie persönlich die größten Potenziale einer digitalen Medizin beziehungsweise eines digitalen Gesundheitswesens?

Der Oberbegriff „eHealth“ beschreibt sowohl die Modernisierung von Informations- und Kommunikationstechnologien durch effizientere Abläufe, als auch das Optimieren des Zusammenspiels von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern, Krankenkassen und so weiter. Durch Vernetzung und Verarbeitung von Gesundheitsdaten wird es immer öfter möglich sein, bessere Diagnoseverfahren und für das Individuum maßgeschneiderte Therapien zu konzipieren – Stichwort personalisierte Medizin.

"Ein Ausbau der telemedizinischen Anwendungen ermöglicht auch eine bessere Versorgung von Menschen, das ist wichtig speziell für die Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen."

Ein Ausbau der telemedizinischen Anwendungen ermöglicht auch eine bessere Versorgung von Menschen, das ist wichtig speziell für die Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen. Patientinnen und Patienten kann durch die telemonitorische Begleitung das tägliche Leben erleichtert und ihre Lebensqualität erhöht werden, aber auch die Krankenanstalten werden entlastet. Ein Beispiel dafür ist die Digitalisierung von Disease Management Programmen nach dem Motto „digital vor ambulant vor stationär“. Die Nutzung der Infrastruktur von ELGA ist dabei Basis.

Digitale Gesundheitsversorgung wird oft in Verbindung gebracht mit pflegenden Robotern und mit künstlicher Intelligenz, die Diagnosen stellt und Therapieentscheidungen trifft. Was antworten Sie Menschen, die solche Entwicklungen kritisch sehen?

Nicht alles, was technisch möglich ist, macht auch Sinn. Es ist daher ständig neu zu bewerten, ob und welche medizinischen Innovationen das optimale Ergebnis für die Patientin, den Patienten in seiner individuellen medizinischen, aber auch sozialen Situation bringen. Wir sind offen für die Weiterentwicklung und wollen die technologischen Entwicklungen gut nützen, für eine noch bessere Bewältigung der Versorgungsaufgabe, aber in maßvollem Tempo. Und nochmals möchte ich betonen: Der Nutzen für die Menschen und das Ziel der bestmöglichen Patientenversorgung und -sicherheit sind aus meiner Sicht ganz zentrale Faktoren.

Digitalisierung im Gesundheitswesen bedeutet auch eine Unmenge an digitalen, höchst persönlichen Gesundheitsdaten. Wie sollen diese sensiblen Daten vor Missbrauch geschützt werden?

Durch größtmögliche Transparenz für die betroffenen Bürgerinnen und Bürger beziehungsweise Patientinnen und Patienten, was mit diesen Daten geschieht und wer darauf zugreift. Beim Aufbau der Infrastruktur für die ELGA in Österreich wurde diese Zielsetzung bereits konsequent verfolgt. Die technischen Sicherheitsstandards sind auf dem aktuell höchstmöglichen Niveau, und jeder Zugriff ist für die Bürgerinnen und Bürger am ELGA-Portal detailliert nachvollziehbar. Durch ein konsequentes Fortsetzen dieses Weges beim weiteren Ausbau von eHealth-Lösungen, einschließlich der dazu begleitend zu gestaltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, muss auch künftig ein maximaler Schutz für sensible Gesundheitsdaten gewährleistet werden.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Menschen, die im oberösterreichischen Gesundheitssystem arbeiten? Wird ihre Arbeit dadurch erleichtert – oder wird ihr Job dadurch bedroht?

Der richtige Zugang kann aus meiner Sicht nur sein, dass Digitalisierung für Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten, Pflegepersonal und Verwaltung das Leben erleichtern und Prozesse vereinfachen muss. Gerade in Zeiten fortschreitender Technisierung und Digitalisierung in unseren Krankenhäusern bin ich fest davon überzeugt: Kein technisches Gerät und keine Anwendung kann die persönliche Betreuung und das Engagement der Menschen im Krankenhaus und vor allem die Kommunikation von Mensch zu Mensch ersetzen. Denn bestmöglich versorgt zu werden, heißt nicht nur die beste medizinische Versorgung zu haben, sondern auch, Menschlichkeit, Wärme und Zuwendung zu spüren.

Interview: Josef Haslinger; Bild: Volker Weihbold

Christine Haberlander, Mag.

Gesundheits-Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin

Haberlander ist Mitglied der oberösterreichischen Landesregierung und zuständig für die Bereiche Bildung, Frauen und Gesundheit. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Linz und ist die Obfrau des 2010 gegründeten Think Tanks ACADEMIA SUPERIOR – Gesellschaft für Zukunftsforschung.