INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
22.11.2019

„Die Gesundheits-Infrastruktur in Oberösterreich hat ein ungemein hohes Niveau!“

Franz Harnoncourt, Geschäftsführer der OÖ Gesundheitsholding und des Kepler Universitätsklinikums, hält die Kooperation der Spitalsträger für unverzichtbar und wünscht sich eine Gesundheitslandschaft ohne Sektorengrenzen.

Herr Harnoncourt, vor wenigen Tagen wurde der Regionale Strukturplan Gesundheit Oberösterreich 2025 offiziell vorgestellt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Franz Harnoncourt: Es ist ein sehr taugliches Ergebnis, das weitgehend friktionsfrei erreicht wurde. Rahmenbedingungen festzulegen, wie das im RSG geschieht, heißt immer auch Grenzen zu setzen. Aber es geht um Steuerung, nicht um Beschneidung. Durch die Einbindung aller Spitalsträger, die in Oberösterreich besonders intensiv erfolgt, konnten die verschiedenen Blickwinkel schon in die Erstellung einfließen. Dabei haben alle Seiten hohe Kompetenz und hohes Verantwortungsbewusstsein bewiesen. Dass sich die Politik mit dem RSG zu ihrer Steuerungsfunktion im Gesundheitswesen bekennt, ist ein echter Mehrwert und wirkt stabilisierend. In anderen Ländern erfolgt die Steuerung über den Markt, dort sind die Verhältnisse extrem volatil.

Setzt der RSG die Hebel an den richtigen Stellen an?

Die großen Herausforderungen im Gesundheitsbereich betreffen zum einen die demografischen und epidemiologischen Entwicklungen, zum anderen den medizinischen Fortschritt mit Spezialisierung und Hochleistungsmedizin und nicht zuletzt die Fragen der regionalen Versorgung. Der RSG OÖ 2025 schafft hier einen, wie ich meine, sehr ausgewogenen Spagat. Insbesondere ist er auch ein sehr klares Bekenntnis zu einer wohnortnahen, abgestuften Versorgung. Um diese Ziele zu erreichen, ist die Kooperation zwischen den einzelnen Trägern enorm wichtig. Da bedarf es strategischer Allianzen über die Trägergrenzen hinaus. Dafür gibt es ja bereits gute Beispiele, wie etwa das Tumorzentrum, wo OÖ Gesundheitsholding, Ordensklinikum Linz und das Krankenhaus Barmherzige Schwestern Ried zusammenarbeiten.

„Um diese Ziele zu erreichen, ist die Kooperation zwischen den einzelnen Trägern enorm wichtig.“

Mit dem Spagat zwischen Spitzenmedizin und regionaler Versorgung sind Sie auch innerhalb der OÖ Gesundheitsholding konfrontiert.

Das Oszillieren zwischen diesen beiden Polen ist im Gesundheitswesen heute eine große Herausforderung, aber auch eine Riesenchance. Im Sinne der Patienten sollten sie so verbunden werden, dass jeder im Verbund auf die jeweils anderen zugreifen kann. Das bringt Kompetenz vor Ort und bedeutet für die regionalen Häuser auch Entlastung. Solche Kooperationen lebt das Kepler Universitätsklinikum ja bereits, sowohl mit unseren Regionalkliniken, aber auch mit Ordenskrankenhäusern. So kooperiert das KUK mit dem Ordensklinikum Linz rund um herzchirurgische Leistungen und mit Wels im Bereich der Herz-Lungen-Chirurgie. Mit den Elisabethinen betreibt das KUK gemeinsam einen PET-CT. Das sind bloß einige Beispiele. Es geht um das Abwägen zwischen nutzbringendem Wettbewerb und dem Abgleich bei Themen, die nur übergreifend sinnvoll sind.

Wie weit ist man bereits auf diesem Weg, oder anders gefragt: Wie weit kann die Bündelung von Fachkompetenzen noch gehen?

Das lässt sich nicht exakt skalieren, denn es ist ein dynamischer Prozess. Ein Beispiel: Eine laparoskopische Coloskopie konnten vor 30 Jahren in ganz Oberösterreich vielleicht drei Ärzte vornehmen. Heute sind diese Eingriffe Standard in jeder Regionalklinik. Was heute High-End-Medizin ist, kann übermorgen Routine sein. Die Dinge sind nicht statisch, sie ändern sich. Es werden auch Regionalkliniken mit speziellen Schwerpunkten und entsprechender Expertise von überregionaler Bedeutung bleiben.

„Was heute High-End-Medizin ist, kann übermorgen Routine sein.“

Kann die Bündelung so weit gehen, dass manche Behandlungen nur noch auf gesamtösterreichischer oder europäischer Ebene angeboten werden?

Bei bestimmten seltenen Eingriffen und teuren Therapien ist das schon heute der Fall, aber angesichts der föderalen Strukturen in Österreich sehe ich keine überragende Tendenz dazu, dass sich dieser Trend verstärkt. Dass manche Behandlungen nur international, aber nicht in Österreich erfolgen, kann ich mir mit ganz wenigen Ausnahmen nicht vorstellen, auch wenn ich ein großer Freund der EU bin. Da geht es auch darum, dass Dimensionen überschaubar bleiben.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Medizinischen Fakultät in Linz und, damit verbunden, des Kepler Universitätsklinikums?

In den fünf Jahren seit der Gründung ist sensationell viel gelungen auf diesem Weg, der ja auch durchaus kritisch beäugt wird, vor allem aus Wien. Natürlich ist so ein Projekt Work in Progress, aber ausnahmslos alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ziehen großartig mit, und das Erreichte spricht für sich. Auch hier ist die gute Kooperation entscheidend, denn ohne die Mitwirkung aller Krankenhäuser, auch der Ordensspitäler, wäre das nicht zu „derreiten“, um es auf Oberösterreichisch zu sagen. Es gibt überall eine große Bereitschaft, universitäre Aufgaben zu übernehmen. Die Forschungsschwerpunkte der Medizinischen Fakultät – Altersforschung, Versorgungsforschung und Allgemeinmedizin – wurden von Beginn an gut gesetzt und werden auch in Zukunft tragen, in enger Zusammenarbeit mit dem Technologie- und Industriestandort Linz beziehungsweise Oberösterreich.

„Es gibt überall eine große Bereitschaft, universitäre Aufgaben zu übernehmen.“

Sie waren jahrelang in führender Position im deutschen Gesundheitswesen tätig. Wie beurteilen Sie aus diesem Blickwinkel die Situation in Oberösterreich?

Die Gesundheitslandschaft in Oberösterreich weist ein ungemein hohes infrastrukturelles Niveau auf. Im Vergleich dazu sind Kliniken in Deutschland oft ganz anders aufgestellt. Die Kommerzialisierung ist in Deutschland viel stärker. Das hat nicht nur negative Effekte, aber es führt dazu, dass der wirtschaftliche Druck weitaus höher ist. Ich bezweifle, dass das in gesellschaftlicher Hinsicht der Weg ist, den wir gehen sollten. Im Krankenhausalltag selbst sind die Probleme und Fragestellungen für die Akteure aber oft die gleichen wie bei uns.

Macht Ihnen die Entwicklung im Pflegebereich Sorgen – Stichwort „Pflegenotstand“?

Das ist ein Spannungsfeld und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Doch ich bin zuversichtlich, aus mehreren Gründen. Es gibt nur wenige Berufe, die alle Kriterien für eine interessante, sinnvolle und langfristig sichere Arbeit so sehr erfüllen wie die Pflege. Was wir brauchen, ist ein Spin-Wechsel, ein positives Bild. Das gesamte Gesundheitswesen ist ein attraktiver, superspannender Bereich, der auch in 150 Jahren nicht nach China verlagert werden kann.

Was wäre Ihr größter Wunsch für das Gesundheitswesen in Oberösterreich?

Die Auflösung der Sektorengrenzen zwischen extra- und intramuralem Bereich. Das ist aus vielen Gründen notwendig, nicht zuletzt, weil junge Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonen heute andere Lebensentwürfe haben. Es gibt Entwicklungen in diese Richtung, sie könnten allerdings wesentlich schneller gehen. Aber es ist ja bald Weihnachten, da darf man sich etwas wünschen!

Interview: Josef Haslinger

Franz Harnoncourt, Mag. Dr.

Geschäftsführer der OÖ Gesundheitsholding und des Kepler Universitätsklinikums

Harnoncourt ist ausgebildeter Facharzt für Allgemeinchirurgie. Er begann seine Berufslaufbahn im Krankenhaus der Elisabethinen in Linz, war dort Leiter der chirurgischen Endoskopie, ab 2001 auch Ärztlicher Direktor und ab 2005 Geschäftsführer. Nach einem Studium der Gesundheitswissenschaften an der UMIT in Hall/Tirol übernahm Harnoncourt – ein Sohn des legendären Dirigenten Nikolaus Harnoncourt – 2012 die Leitung des Medizin- und Pflegebereichs der Malteser in Deutschland und schließlich die Geschäftsführung der gesamten Malteser Deutschland GmbH in Köln. Seit 1. Juni ist er Vorsitzender der Geschäftsführung der OÖ Gesundheitsholding, seit 1. Oktober zudem Vorsitzender der Geschäftsführung der Kepler Universitätsklinikum GmbH. Der 58-Jährige ist verheiratet und Vater von vier Kindern.