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Gesundheit
Oberösterreich
16.04.2019

"Heilige Kühe müssen geschlachtet werden"

Die Spezialisierung von Krankenhäusern bringt messbar bessere Ergebnisse. Je häufiger bestimmte Eingriffe an einem Standort durchgeführt werden, desto geringer ist die Zahl der daraus resultierenden Todesfälle. Im Interview mit dem deutschen Gesundheitsexperten Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung spricht Ingo über die Möglichkeiten und Grenzen von Spezialisierung sowie Mindestfallzahlen.

Steht eine Vielzahl von Krankenhäusern in einem Land im direkten Verhältnis zur Qualität der Versorgung?

Jan Böcken: Ein direktes Verhältnis zwischen Klinikanzahl und Versorgungsqualität gibt es nicht. Aber man wird nachdenklich, wenn es sehr viele Krankenhäuser mit weniger als 100 Betten gibt, die bei vielen Operationen einfach nicht die Fallzahl machen können, um genug Erfahrung zu sammeln. In Deutschland gibt es beispielsweise mehr als 600 Krankenhäuser mit weniger als 100 Betten. In Dänemark (Bevölkerung 5,7 Millionen) dagegen konzentriert sich die Gesundheitsreform auf vier sogenannte „Super-Kliniken“, also Maximalversorger, die auch die für eine erfolgreiche Therapie notwendigen Fallzahlen erreichen sowie 21 Grundversorgungskrankenhäuser.

Was bringt eine verstärkte Spezialisierung von Krankenhäusern den PatientInnen?

In Deutschland haben wir ein Spin off der Bertelsmann-Stiftung, die sogenannte „Weiße Liste“. Dieses Internetportal versucht, PatientInnen nach möglichst objektiven Kriterien Orientierung bei der Suche nach einem Leistungsanbieter zu geben. Sie listet, soweit Daten vorhanden sind, Fallzahlen, Einhaltung der Mindestmengenvorgaben oder Patientenzufriedenheit auf. Viele PatientInnen informieren sich über diese Liste, insbesondere dann, wenn es um elektive Eingriffe geht. Und die Informationen sind hoch entscheidungsrelevant. Ein Beispiel: Thomas Mansky und Ulrike Nimptsch von der TU Berlin haben in ihrem Qualitätsmonitor 2018 Fallzahlen anhand einer simulierten Krankenhausspezialisierung durchgerechnet. Für Speiseröhrenkrebs zeigte sich, bei Einhaltung einer Mindestmenge von 22 Operationen pro Krankenhaus pro Jahr ein Mortalitätsrückgang von 25 Prozent. Auch bei anderen Krebsentitäten zeigen sich ähnlich hohe Rückgänge in der Mortalität. Man sieht: Mindestfallzahlen und die damit einhergehende Spezialisierung zahlen sich aus.

Die Vinzenz Gruppe mit insgesamt sieben Krankenhäusern konnte kürzlich ein solches Spezialisierungsprogramm abschließen. Alle Krankenhäuser der Vinzenz Gruppe befinden sich in Großstädten – was bringt eine Spezialisierung an einem solchen Standort?

In vielen städtischen Regionen in Deutschland ist klar eine Überversorgung mit Krankenhäusern zu erkennen. Ich könnte mir vorstellen, dass das in Österreich ähnlich ist. Gerade die kleinen Häuser erreichen dann nicht die nötigen Fallzahlen. Die PatientInnen sind hier mit der Entscheidung für ein bestimmtes Krankenhaus schnell überfordert, auch weil ihnen nicht die nötigen Informationen zur Verfügung stehen. Eine Spezialisierung, wie sie die Vinzenz Gruppe mit ihrem Programm „Strategie 2020 – für eine gesunde Zukunft“ nun abgeschlossen hat, erleichtert den PatientInnen die Entscheidung für ein bestimmtes Krankenhaus, weil Fallzahlen und Spezialisierung offen kommuniziert werden.

Würde man eine solche Spezialisierung auf ein ganzes Land anwenden – was wäre zu tun?

Ich sage das jetzt mal provokant: Man müsste den Föderalismus abschaffen. Ich bin kein großer Freund zentralisierter Strukturen, allerdings hätten wir einige Probleme nicht, wenn wir eine Planung hätten, die nicht an den Grenzen einzelner Regionen Halt macht. Stellen Sie sich vor, Sie wollten in einem bestimmten Gebiet einen neuen Maximalversorger bauen. Nun ist das nächste Krankenhaus – allerdings in anderem Bundesland – nur fünf Kilometer entfernt. Da wird jeder vernünftige Mensch sagen: Das meinst Du doch nicht ernst, oder? Da müssen wir anfangen und da gehört auch eine sektorenübergreifende Betrachtung dazu. Diese heiligen Kühe müssen geschlachtet werden, um eine effiziente, patientenorientierte und qualitätsgesicherte Versorgung zu erreichen.

Hohe Mindestfallzahlen und ein hoher Grad an Spezialisierung sind demnach Voraussetzungen für eine optimale Versorgung von PatientInnen. Aber was ist bei einem solch hohen Spezialisierungsgrad mit der Primärversorgung?

Eine Spezialisierung, wie ich sie hier beschrieben habe, kann nur funktionieren, wenn es auch eine vernünftige Primärversorgung gibt. Sie haben hier in Österreich gerade eine Diskussion um die Errichtung eines sogenanntes „Leitspitals“ in Liezen, dem drei kleinere Krankenhäuser weichen sollen. Man muss dabei jedoch auch kommunizieren, dass die drei kleineren Krankenhäuser ja nicht verschwinden, sondern in Primärversorgungs- beziehungsweise Facharztzentren umgewandelt werden sollen, die die Basisversorgung der Bevölkerung sicherstellen. Das Leitspital in Liezen dagegen sollte der Behandlung von schwerwiegenden Erkrankungen dienen, für die eine hohe Expertise und ebensolche Fallzahl erforderlich ist.

Interview: Sabine Fisch; Bilder: Vinzenz Gruppe

Bildtext: Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe; Dr. Jan Böcken, Bertelsmann Stiftung, Mag. Stephan Lampl, Mitglied der Geschäftsleitung Region Ostösterreich

Jan Böcken, Dr.

Senior Project Manager, Bertelsmann Stiftung

Der promovierte Politikwissenschaftler hat seine Arbeitsschwerpunkte im Bereich Spezialisierung und Zentralisierung der Patientenversorgung