INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
24.06.2019

Die Macht der Daten

Chatbots als Ärzte, personalisierte Medizin und neue Akteure, die um die weltweite Datenkontrolle rittern. Innovations-Expertin Eva Maria Kirchberger spricht im Interview über Chancen und Risiken der Digitalisierung.

Frau Kirchberger, durch die Digitalisierung der Gesundheitsbranche kommen große Veränderungen auf uns zu. Wie wird der Beruf des Arztes in Zukunft aussehen?

Eva Maria Kirchberger: Wir werden in Zukunft viel mehr mit Software arbeiten als wir das jetzt tun. Ein mögliches Szenario könnte sein, dass der Arzt Zugriff auf das 360-Grad-Profil des Patienten hat. Darin könnte das Genom gespeichert sein, sein Lifestyle oder die Messungen, die der Patient über seine Smart Watch macht. Der Arzt kann sich somit ein umfassendes Bild darüber machen, wie der Patient gelebt hat, und könnte eine viel genauere Diagnose treffen. Computergestützte Behandlungsdiagnosen können viel schneller und besser sein, als dies ein einzelner Mensch kann, dessen Erfahrungswert sich auf 1000 Patienten beschränkt.

Wird der Arzt in Zukunft zum Datenverwalter degradiert?

Man wird in Zukunft weniger Ärzte benötigen, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Die Steuerung hängt jeweils vom Land und von den Kassen ab. In England beispielsweise, wo das Gesundheitssystem an die Wand gefahren wurde, gibt es eine ganz starke Tendenz in Richtung Robotik. Ich könnte mir vorstellen, wenn Kassen Geld sparen wollen, dass sie dann Services anbieten, die durch die Technik geliefert werden – via App oder Telemedizin – was natürlich viel günstiger ist. Es könnte ein Call-Center von Ärzten geben, die mit der App zusammen die Patienten betreuen.

Pusht die Digitalisierung eine Zwei-Klassen-Medizin?

Es könnte sein, dass die soziale Schere immer weiter auseinander geht und sich zwei Bereiche manifestieren: Auf der einen Seite die technologiebasierte DIY-Methodik (Anm.: DIY steht für Do it yourself), bei der man sich selbst überwacht und vom Computer Behandlungsvorschläge kriegt, auf der anderen Seite eine persönliche Betreuung durch die tollsten Ärzte für all jene, die sich das leisten können. Der computerbetreute Mensch möchte dann jemanden haben, der länger mit ihm redet, ihn ganzheitlich anschaut und nicht nur gewisse Symptome behandelt. Deshalb geht es jetzt schon sehr stark in die Heilpraktiker-Schiene hinein. Ich kann mir vorstellen, dass in dem Bereich ein Riesen-Push kommt.

„Man wird in Zukunft weniger Ärzte benötigen, da brauchen wir uns nichts vorzumachen.“

In England hat die staatliche Kasse bereits Chatbots als Allgemeinärzte im Einsatz. Gab es schon Fälle, in denen der Algorithmus eine falsche Diagnose ausgespuckt hat?

Ja, mittlerweile füllen diese Fälle eine ganze Sendereihe der BBC. Die Firma Babylon, die die App „GP at Hand“ entwickelt hat, steht stark unter Beschuss. Die Firmenvertreter sagen, ‚wir sind ein Tech-Unternehmen, wir geben nur Empfehlungen ab‘. Damit gehen sie vielen Rechtsfällen aus dem Weg, da es offiziell keine medizinischen Diagnosen sind. Diese Firma ist jetzt auch ganz stark in Afrika vertreten und betreibt dort „Data Harvest“. Smart Phones werden gratis ausgeteilt, damit die Leute die App nutzen. Die örtliche Gesundheitsministerin sagt, ‚wir sind uns dessen bewusst, dass wir Versuchskaninchen sind, aber wir haben leider keine andere Alternative. Wenn es das nicht gäbe, dann hätten viele gar keinen Zugang zum Arzt.’

Werden die großen Tech-Konzerne in Zukunft die medizinischen Kompetenzträger sein?

Es gibt neue Akteure, wie man in der Tourismusindustrie zum Beispiel sehr gut sieht. Hotels haben durch Online-Buchungsplattformen ziemlich an Macht verloren. Ähnlich könnte man sich das im Gesundheitsbereich mit den Gadgets vorstellen. Biovotion zum Beispiel bietet als Wearable das Spital am Oberarm an. Im Gegenzug für ein Service bekommen die Anbieterfirmen die Daten, die halten sie dann weltweit und das wollen sie auch – im Endeffekt ist es ein Trojanisches Pferd. Da ist der Staat dann wieder gefragt zu sagen, inwieweit restriktiveren wir das?

Wie kann diese Restriktivierung aussehen?

In Österreich ist es mit Elga tatsächlich so, dass die elektronischen Gesundheitsdaten der Staat verwaltet, was ich super finde. In England ist es die erwähnte Tech-Firma. Mein Vorschlag mit dem Patient-Power-Konzept umfasst 5 Ps, wobei das letzte P für „pay per data“ steht. Die Firmen machen Geld mit unseren Daten und ich denke, die Patienten sollten beim Datentransfer in der Steuerungszentrale sitzen. Wenn der User die Datenkontrolle hat, kann er einfach sagen ‚ja‘ oder ‚nein‘ oder ‚ich verlange jetzt Geld dafür, weil ihr macht ja am Ende viel Geld mit meinen Daten‘.

„Die Firmen machen Geld mit unseren Daten und ich denke, die Patienten sollten beim Datentransfer in der Steuerungszentrale sitzen.“

Wie werden wir mit der neuen Technologie künftig in Kontakt treten?

In Zukunft wird es weggehen vom Bildschirm hin in Richtung Akustik – Beispiel Alexa. Es geht darum, diesen ständigen persönlichen Begleiter zu haben. Schon bei einem Versuch 1967 konnte gezeigt werden, dass durch ein einfaches Programm, das Antworten auf Fragen gab, ein persönliches Gespräch wahrgenommen wird. Es muss nicht menschenähnlich sein, es muss nicht einmal eine gute Unterhaltung sein, aber es gibt uns das Gefühl, dass jemand zuhört und da ist. Firmen rittern darum, wer uns diesen persönlichen Assistenten verkaufen wird. Denn das ist derjenige, der Einfluss nehmen kann. Und fragt: ‚Du warst doch gestern da drüben Pizza essen, soll ich nicht einen Tisch reservieren?‘ So läuft das Spiel.

Eine Genomanalyse wird in der Zukunft Standard sein. Was sehen Sie als Chance, was als Risiko?

Harvard betreibt gerade ein Projekt zum Thema personalisierte Medizin und hat auch schon erste Erfolge verbucht. Durch Analyse des Genoms und des Lifestyles können maßgeschneiderte Chemo-Therapien entwickelt werden, die nur eine spezielle Krebsart behandeln und nicht übers Ziel hinausschießen. Angesichts der Chemiekeule, die Patienten extrem schwächt, wäre das natürlich der Durchbruch. Aber auch hier gibt es wieder das Risiko, dass die Daten in falsche Hände geraten. Eigentlich müsste der Staat sagen, ‚wir machen die Genomanalyse und wir schützen die Daten‘.

Sie gelten als kritischer Geist, was die Digitalisierung aller Lebensbereiche angeht und beraten Firmen in Sachen Innovation. Gibt es da auch Momente der Unvereinbarkeit?

Ja, natürlich. Das ist wie eine Münze mit zwei Seiten. Ich habe eine Spitalskette in Österreich beraten,und natürlich ging es darum, deren Wettbewerbsposition zu stärken und zu schauen, wie kann man mit einem Patientenportal Geld machen? Dabei muss man seine eigenen ethischen Richtlinien haben und auf die Rechte der Patienten hinweisen.

Fazit?

Es geht im Grunde nicht so sehr um die technischen Möglichkeiten der Zukunft, sondern darum, wer hält die Daten? Können wir nein sagen? Wir müssen Regelungen finden dafür, wer letztendlich die Kontrolle und die Macht über unsere Daten hat.

Interview: Gertraud Gerst

Eva Maria Kirchberger, Dr.

Senior Teaching Fellow an der Imperial Dyson School of Design Engineering in London

Die gebürtige Bayerin hat einen Lehrstuhl an der Imperial Dyson School of Design Engineering in London und forscht am Imperial College London. Mit ihrer Firma Wunderlab Ltd. berät sie Unternehmen in Sachen Service-Entwicklung. Sie gilt als internationale Top-Expertin für Innovation und Kreativstrategie.