INnovation
Gesundheit
Oberösterreich
27.05.2019

"Das Beste aus beiden Welten vereinen"

Peter Lehner ist Vorsitzender des Überleitungsausschusses der Sozialversicherung der Selbständigen (SVS). Diese entsteht aus der Fusion der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) und der Sozialversicherungsanstalt der Bauern (SVB) und soll mit 1. Jänner 2020 ihre Arbeit aufnehmen. Im Interview mit INGO spricht Lehner von den Benefits der Fusion ebenso wie von erwartbaren Problemen.

Die SVS wird im Endausbau rund 1,2 Millionen Versicherte betreuen und ein Gebarungsvolumen von rund 8,7 Mrd. Euro verwalten. Was sind für Sie die wesentlichen Vorteile dieser Fusion?

Lehner: Wir werden das Produkt „Soziale Sicherheit“ aus einer Hand für alle Selbständigen anbieten. Wir begleiten unsere Kunden von der Geburt bis zum hohen Alter was die soziale Sicherheit betrifft, das umfasst künftig die Kranken-, Unfall- und auch Pensionsversicherung. Durch diese 360-Grad-Sicht auf unsere Versicherten können wir optimal und maßgeschneidert auf ihre berufsständischen Bedürfnisse eingehen, Lösungen anbieten und unsere Versicherten noch besser servicieren. Auch die Beratung wird umfassender: Es wird künftig nicht mehr nur Kundencenter in allen Bundesländern und damit ein dichtes Beratungs-Netz geben, sondern auch SVS-Beratungstage für alle Selbständigen in den regionalen Bezirksstellen der Wirtschafts- und Landwirtschaftskammern.

Auch in der Gesundheitsvorsorge werden wir noch besser auf unsere Kunden eingehen können: Selbständige sind eine Personengruppe, die ein fundamentales Interesse daran hat, gesund zu bleiben. Beim Selbständigen ist der Verlust der Arbeitskraft schnell existenzbedrohend. Das bedeutet, unser Grundziel als SVS ist die Unterstützung der Sicherstellung der Gesundheit und damit der Arbeitskraft der Selbständigen. Und unsere Mission als Gesundheitsversicherung generell ist es, die Lebenserwartung in Gesundheit schrittweise nach oben zu schrauben. Das können wir als SVS in Zukunft noch besser abdecken. Unser Ziel ist es, das Beste aus zwei Welten zu vereinen und damit Struktureffizienz und Einsparungen zu erreichen. Das Einsparungspotenzial reicht dabei von der Verwaltung bis zur IT.

"Es geht hier um eine Strukturverbesserung, die Anpassung der Leistungen findet Schritt für Schritt statt."

Welche Probleme erwarten Sie auf dem Weg zur Fusion?

Grundsätzlich sehe ich den Zugang aus beiden Häusern positiv, beide Versicherungsträger wollen die Fusion und wir sind auf einem sehr guten Weg. Dennoch gibt es selbstverständlich Herausforderungen. Dazu zählt etwa die Integration der Unfallversicherung für alle Selbständigen. Daneben existieren Leistungsunterschiede, die mit der Strukturreform, die am 1.1.2020 in Kraft tritt, natürlich nicht alle sofort beseitigt sind. Es geht hier um eine Strukturverbesserung, die Anpassung der Leistungen findet Schritt für Schritt statt. Ein wichtiger Meilenstein ist hier schon geschafft: Wir haben einen SVS-Gesamtvertrag mit den Ärzten bereits vorliegen. Der zweite Schritt ist, Präventionsleistungen sowie die Gesundheitseinrichtungen für alle Selbständigen zugänglich zu machen. Das mittel- bzw. langfristige Ziel ist es, alle kurativen und präventiven Leistungen schrittweise anzupassen.

Bei der Ankündigung der Fusion von allen Sozialversicherungsträgern war von der Einsparung einer Milliarde Euro durch die Zusammenlegung die Rede – wie wichtig ist ihnen die Erreichung dieses Ziels?

Die beiden Träger SVA und SVB waren schon bisher unternehmerisch geführt und haben deshalb sehr effizient und kostensparend gearbeitet. Unser Ziel ist es, auch weiterhin effizient zu wirtschaften und darüber hinaus Synergien bei der Fusion zu heben, damit möglichst viele Beitragszahlungen wieder unseren Versicherten zugutekommen. Wir möchten damit Beitragserhöhungen vermeiden. Der medizinische Fortschritt ist mit Kostensteigerungen verbunden, und auch die Altersstruktur stellt uns vor neue Herausforderungen.

Was antworten Sie, wenn in den Medien von einer „Umfärbung der Kassen“ die Rede ist?

Als Funktionäre der SVS-Selbstverwaltung sind wir Vertreter der Versichertengemeinschaft und werden demokratisch legitimiert. Für die SVS ist wesentlich, dass die Gremien aus Vertretern der Wirtschaft und der Landwirtschaft bestehen. Nur so ist sichergestellt, dass die Interessen der Versicherten wahrgenommen werden. Für die Zusammensetzung der SVS-Gremien sind deshalb die Wahlergebnisse zu den beruflichen, gesetzlichen Interessensvertretungen von Bedeutung – die der Wirtschafts- und der Landwirtschaftskammer. Danach richtet sich, wer in den Gremien des Trägers wie stark vertreten ist.

Was bringt die Fusion von SVA und SVB dem österreichischen Gesundheitssystem?

Mit der SVS entsteht ein einheitlicher und moderner Ansprechpartner für alle Selbständigen in Sachen soziale Sicherheit für ihr gesamtes Leben, der als großes Ziel hat, Leistungen modern und nachhaltig zu erbringen. Im Sozialversicherungs-System möchten wir Benchmark sein: Wir wollen den modernsten und vorbildlichsten Träger in vielen Bereichen aufbauen.

"Wir wollen von unseren Versicherten als Dienstleistungsunternehmen, das sehr kundenorientiert agiert, wahrgenommen werden."

Was soll am Ende der Fusion stehen?

Die SVS soll ein motiviertes und von einer gemeinsamen Unternehmenskultur geprägtes Haus sein. Hier ist das Thema MitarbeiterInnen besonders wichtig. Wir sind Dienstleister und dafür spielt die Unternehmenskultur und das Klima im Haus eine wichtige Rolle. Und auch die Digitalisierung. Wir wollen von unseren Versicherten als Dienstleistungsunternehmen, das sehr kundenorientiert agiert, wahrgenommen werden.

Was sagen Sie abschließend zur derzeitigen Regierungskrise und ihre Auswirkungen auch auf Ihre Arbeit?

Diese Ereignisse haben keine unmittelbare Auswirkung auf die Fusion. Die gesetzliche Grundlage und somit das Drehbuch für den Prozess der Fusion steht mit dem Sozialversicherungs-Organisationsgesetz seit dem Nationalratsbeschluss im Dezember 2018 fest und ist geltendes Recht. Deshalb hat sich durch die Ereignisse der letzten Tage am Fusionsziel nichts verändert. Die weiteren Umsetzungsschritte liegen seit der Gründung des SVS-Überleitungsausschusses Anfang April auf Ebene der Selbstverwaltung und nicht mehr auf politischer Ebene. So hat der SVS-Überleitungsausschuss zum Beispiel in den letzten Wochen die Bestellung der Bürospitze in die Wege geleitet. Der Auftrag ist klar und wir werden den Weg der Integration ambitioniert weitergehen. Das Ibiza-Video stellt aber natürlich einen massiven Schaden für das gesamte politische System in Österreich dar. Es schädigt das Image aller in der Politik tätigen Menschen. Wir müssen jetzt in kleinen Schritten das Vertrauen in die Politik und das System wiederherstellen.

Herr Lehner, ich danke für das Gespräch.

Interview: Sabine Fisch; Bild: oövp

Peter Lehner,

Vorsitzender des Überleitungsausschusses der SVS

Peter Lehner wurde am 23. August 1969 in Wels geboren. Der ausgebildete Fremdenverkehrs- und Touristikkaufmann ist seit 1. April 2019 Vorsitzender des Überleitungsausschusses der SVS. Der ÖVP-Politiker ist unter anderem Stadtrat für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Bauen in Wels sowie Gründer und Manager der IMPULS Büroservice GmbH. Peter Lehner ist verheiratet und hat zwei Kinder.